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Traditionskneipe „Kaiser“ wird 120

Gaststätte feiert Jubiläum Traditionskneipe „Kaiser“ wird 120

An diesen Tischen haben schon vor 120 Jahren Arbeiter, Ulanen und Studenten ihr Bier getrunken. Sogar in den Weltkriegen blieb der „Kaiser“ geöffnet. Am Wochenende beging die Traditionskneipe in der Schaufelder Straße das Jubeljahr mit einem großen Fest.

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Am Wochenende beging die Traditionskneipe in der Schaufelder Straße das Jubeljahr mit einem großen Fest.

Quelle: Tana Franke/privat

Hannover. Eine extra für den Geburtstag entwickelte Fotoausstellung vermittelt eindrucksvoll, wie es in der Eckkneipe einst zuging.

Den Schnurrbart gezwirbelt, den Säbel zur Hand und auf dem Tisch ein Herrengedeck. So verbrachten die Königs-Ulanen aus der benachbarten Kaserne zur Jahrhundertwende ihren Feierabend beim „Kaiser“. Der echte Kaiser, Friedrich III., hing nebst seiner Gattin Victoria als Porträt an der Wand. Ein Grammofon, vielleicht aus der benachbarten Grammofonfabrik, sorgte damals für Musik. Große Teile der Einrichtung stehen bis heute in der vielleicht authentischsten Traditionskneipe der Stadt. Jedes Jahr vor Beginn der Sommersaison bringt Wirt Zurab Mikava die alten Stühle und Tische zum Tischler. Neu verleimt sichern sie das historische Flair, das dem „Kaiser“ seinen besonderen Charme verleiht.

An diesen Tischen haben schon vor 120 Jahren Arbeiter, Ulanen und Studenten ihr Bier getrunken. Sogar in den Weltkriegen blieb der „Kaiser“ geöffnet. Mit einem großen Fest beging die Traditionskneipe in der Schaufelder Straße das Jubeljahr.

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Das schwarz-weiße Foto mit den Soldaten ist nur eines der vielen uralten Bilder, die Tana Franke in liebevoller Recherche für die Ausstellung zusammengetragen hat. Die Geschichte des „Kaiser“ ist ein Stück weit auch ihre eigene. Fast 40 Jahre führte ihr Vater, Wolfgang Franke, das Wirtshaus. Ein Bild des in diesem Jahr Verstorbenen steht, als hielte es den Platz frei, heute noch auf dem Tresen. „Als mein Vater die Kneipe 1970 übernahm, kam er gerade aus London. Er hat als Erster in der Nordstadt eine Musikbox angeschafft und die Studenten angezogen“, erzählt Franke. In den wilden Siebzigern war es besonders in den Kreisen der Geisteswissenschaftsstudenten angesagt, sein Bier im Arbeitermilieu zu trinken. Bei ihren Recherchen erfuhr Franke von einer ehemaligen Angestellten der Sprengel-Fabrik eine entsprechende Anekdote. „Angeblich soll ein Azubi dort rausgeflogen sein, weil er eine Versammlung der DKP im ,Kaiser’ besucht hat“, erzählt sie.

Kneipe war ursprünglich zweigeteilt

Aus ganz alten „Kaiser“-Zeiten weiß Christa Hübner zu berichten. Als geborene Kaiser hat sie ihre Kindheit nach dem Krieg in dem elterlichen Geschäft verbracht. Ursprünglich war die Kneipe zweigeteilt. Die beiden aus Wellie bei Nienburg stammenden Brüder Friedrich und Dietrich Kaiser hatten 1896 in der Schaufelder Straße eine Fleischerei und eine Kneipe eröffnet. In der Nachkriegszeit spielte sich das Leben der Familie vorwiegend in dem Eckhaus ab. „Mein Vater und alle seine Brüder haben auch Fleischer gelernt“, berichtet Hübner. Sie selbst hat im Betrieb eine Lehre als Fleischfachverkäuferin absolviert. Auch von ihr gibt es ein altes Foto, im weißen Kittel, mit der gesamten Belegschaft vor der Verkaufstheke. „Wo heute die Küche ist, war zu Großvaters Zeiten noch ein Pferdestall“, erzählt sie. Im Krieg, heißt es, wurde im Fußboden Fleisch versteckt. „Die Kneipe wurde auch damals weitergeführt“, so die Seniorin.

Anders als in manch anderer Uralt-Kneipe wird der „Kaiser“ bis heute von allen Generationen frequentiert. Ewige Stammgäste treffen in den Gasträumen auf junge Studenten. „Nur das Interieur hat sich niemals verändert“, schwärmt Gertraude Jahnke von dem Laden, in dem bereits ihre Eltern Stammgäste waren. In einer Zeit, in der das Kneipensterben auch die zähesten Mitbewerber dahingerafft hat, bleibt der „Kaiser“ eine Bastion der Beständigkeit. Dafür sorgt auch der derzeitige Wirt Mikava, der am Zapfhahn stolz ein „Kaiser“-Fanshirt trägt. „Wir haben hier bewusst nichts verändert, außer dass es jetzt wieder Schnitzel gibt“, erzählt er.

Von Mario Moers

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