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Nordstadt Großstadt muss man sein!
Hannover Aus den Stadtteilen Nordstadt Großstadt muss man sein!
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00:15 23.07.2016
Zeitzeuge aus Stein: Das Haus in der Voltmerstraße 28 in Hainholz grenzt heute an moderne Bauten. Quelle: Kutter
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Hannover

Der Tischlermeister Heinrich Dangers hatte es ziemlich eilig: Am 2. Juli 1891 ging er aufs Amt der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Hannover und bekam seinen Bürgerbrief. Das Dokument wies den Herrenhäuser Handwerker, der auch ein kleines Grundstück besaß, als Bürger mit allen Rechten aus; Wahlrecht inklusive. Nur wer Boden und Immobilien besaß, konnte einen solchen Ausweis bekommen. Etliche Bewohner aus Herrenhausen, Hainholz, Vahrenwald und List dürften an diesem Tag einen Bürgerbrief beantragt haben – ihre Dörfer waren am Vortag nach Jahrhunderten der Selbstständigkeit in die benachbarte Stadt eingemeindet worden.

Es gebe durchaus Gründe, den 125. Jahrestag der großen Eingemeindung zu begehen, findet der Leinhäuser Hobbyhistoriker Hans-Heinrich Kirchhoff. Kirchhoff stammt aus der verzweigten Familie Dangers. Der 84-Jährige erinnert sich an alte Familiengeschichten, in denen der Anschluss Herrenhausens ein Thema war. „Im Ort waren die Gefühle sehr gemischt“, berichtet er. Konservative Villenbesitzer an der Alleestraße seien eher gegen die Eingemeindung gewesen. „Die Mehrzahl der Einwohner aber wollte das.“ In Herrenhausen war man sich bewusst, dass es seine Vorteile hatte, Teil einer großen Stadt zu sein. Auch in Hannover sah man Chancen.

Anschluss war politisch und wirtschaftlich nötig

Die Bedeutung des Jahres 1891 ist kaum zu überschätzen. Der Anschluss war eine Notwendigkeit geworden, aus wirtschaftlichen und politischen Gründen. Immerhin steckte das Deutsche Reich mitten in der Gründerzeit, das Bürgertum erblühte. Man hatte den Krieg gegen Frankreich gewonnen und nach dem Sieg 1871 das Kaiserreich ausgerufen. Hannover allerdings hatte einiges eingebüßt, war doch das Königreich Hannover ein paar Jahre zuvor von den Preußen besetzt und die Leinestadt zur Provinzhauptstadt erklärt worden. Das nagte am Selbstbewusstsein. Nicht viel anders als heute auch feilte Hannover also an seinem Ruf. Der neueste Schrei damals: „Großstadt muss man sein!“ Tatsächlich wuchs die Kommune stetig, 1880 war sie die zehntgrößte Stadt Deutschlands. Was das hieß, darüber war man sich damals aber nicht einig. Der „Hannoversche Courier“ schrieb, Hannover sei „im Begriff, eine der hervorragendsten Großstädte des Reichs zu werden“. Der spätere Oberbürgermeister Arthur Menge kritisierte Hannover 1883 dagegen als eine „schlecht und recht dahinlebende, mehr zum Stillstand als zum Fortschritt neigende Provinzstadt“.

Sprunghaftes Wachstum

Hannover machte durch mehrere Eingemeindungswellen enorme Entwicklungssprünge. Das Großstadtflair wuchs von Mal zu Mal – mit den Einwohnern von Vahrenwald, List, Hainholz und Herrenhausen kamen auf einen Schlag mehr als 11.000 Menschen zur Leinestadt dazu. Stadtdirektor Ferdinand Haltenhoff, federführend bei den Verhandlungen zur Eingemeindung, ließ sich im „Hannoverschen Courier“ im Juli 1891 voller Stolz so zitieren: „1859 hatte die Stadt nur eine Einwohnerzahl von 58 000, nach dem Anschluss der vier Vordörfer sind es jetzt 175 000.“ Los ging es mit dem Anschluss der Calenberger Neustadt anno 1824, im Jahr 1907 kamen unter anderem Stöcken und Mecklenheide dazu, 1920 Linden und 1928 Leinhausen und Marienwerder. Der letzte Eingemeindungsakt kam dann im Jahr 1974, darunter waren Vinnhorst und Misburg.

In Vahrenwald gehen derweil die Feierlichkeiten zum 750. Geburtstag weiter. Unter anderem mit diesen Veranstaltungen: Straßenfest der Vahrenwalder Kirche (20. August, 14 Uhr, Vahrenwalder Straße 109), Sommerfest „An der schönen blauen Donau“ im AWO Seniorenzentrum (24. August, 15 Uhr, Schleswiger Straße 31), Kinderolympiade beim TuS Vahrenwald (27. August, 14 Uhr, Sahlkamp 4c), großes Bürgerfest im Vahrenwalder Park (17. September).

Es gab Mängel, ganz erhebliche sogar. Sie lagen auch darin begründet, dass die Industrialisierung schneller gedieh als die Infrastruktur. Zahlreiche Betriebe entstanden vor den Toren Hannovers. Vor allem in Hainholz, wo sich die Firma Pelikan entwickelte, bis sie 1906 an die Podbielskistraße zog. Auch die 1864 gegründete Schmirgelfabrik (heute VSM) und die 1889 angesiedelte Max Müller Maschinen- und Formenfabrik blühten auf. Was fehlte, waren öffentliche Verkehrsverbindungen, Wohnviertel, Elektrifizierung und Kanalisation.

Investitionen in Beleuchtung und Kanalisation

An einem Novembertag 1890, nach langen Verhandlungen mit Hannovers Stadtdirektor Ferdinand Haltenhoff, unterzeichneten die vier Gemeindevorsteher Markgraf (Herrenhausen), Bohnhorst (Hainholz), Kollenrodt (List) und Büttner für Vahrenwald den Eingemeindungsvertrag, der ein gutes halbes Jahr später in Kraft trat. Der Vertrag mit Hannover sah unter anderem Investitionen in Beleuchtung und den Ausbau der Kanalisation vor. Überhaupt setzte in den Folgejahren eine rasante Entwicklung ein.

Neue Unternehmen, Wohnviertel und Infrastrukturen entstanden. Die alte Pferdebahn von Hannover nach Herrenhausen wurde 1893 durch die erste elektrische Straßenbahnlinie der Stadt ersetzt. Neue Schulen wurden gebaut; darunter 1905 in Hainholz die Volkshochschule (heute Kulturhaus Hainholz) sowie an der Grenze zwischen Herrenhausen und Nordstadt die Grundschule Auf dem Loh (1899). Sie liegt heute an der nach Haltenhoff benannten Straße, die durch Herrenhausen führt. Hannover gewann potenzielles Bauland und Verwaltungs- sowie Steuerhoheit über wichtige Firmen. „Die Gewerbesteuern flossen ja nach Hannover“, sagt Kirchhoff.

Aber Hannover habe durch die neuen Stadtteile noch viel mehr bekommen, findet Edeltraut-Inge Geschke, Bürgermeisterin im Bezirk Nord. Denn was würde der Leinestadt beispielsweise ohne Hainholz fehlen? „Viele tolle Menschen, viele mit Integrationshintergrund, der Künstler Siegfried Neuenhausen, das Naturbad, der Kulturbunker, der Hainholzer Kultursommer oder die Kulturfabrik Helmkehof.

Von Marcel Schwarzenberger

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