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Ost Am Sonnensee wird seit 1962 nackt gebadet
Hannover Aus den Stadtteilen Ost Am Sonnensee wird seit 1962 nackt gebadet
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06:15 02.09.2012
Zum Jubiläum lädt der BffL am 1. September zum Tag der offenen Tür am Sonnensee ein. Quelle: Privat
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Misburg

Neue Autobahnen zerstören die Landschaft. Das ist eigentlich immer so. Beim Bau des Autobahnkreuzes Ost in Hannover war das anders. Da sind sich zumindest die Mitglieder des Bundes für Familiensport und freie Lebensgestaltung Hannover (BffL) einig. „Für die Bauarbeiten wurde damals jede Menge Kies benötigt, der auf unserer Anlage zur Genüge lagerte“, erklärt Ulrike Kandt. Was von den Aushebungen in Misburg 1962 übrig blieb, war ein 800 mal 200 Meter großer Baggersee. Heute ist er das Herzstück des insgesamt 64 Hektar großen Sport- und Freizeitparkes, der weitgehend in Besitz des BffL ist.

Der See und eine Leichtatlethikanlage sind gesäumt von Bäumen, Büschen, Liegewiesen und moorigem Grund. Etwa 700 Familien haben dort dauerhaft ihren Wohnwagen geparkt, rund 800 Stellplätze werden unter anderem an Durchreisende vermietet. Vor allem Niederländer und Skandinavier machten laut BffL gern einen Abstecher nach Misburg, wenn sie auf der Durchreise sind. Sie alle freuen sich über die ausgezeichnete Wasserqualität, die dem Sonnensee regelmäßig von den Prüfern der Region zuerkannt wird.

Viele Mitglieder lieben das Gelände vor allem, weil sie hier „die Natur auf den ganzen Körper wirken lassen können“, wie Gunther Schwieger vom Vorstand des BffL es nennt. Die Freikörperkultur hochzuhalten ist das zentrale Vereinsziel. Doch nackt baden, radeln und Karten spielen seien nicht die einzigen Möglichkeiten für den vergnüglichen Zeitvertreib am Sonnensee. Sportbegeisterte können sich auf dem Gelände in 16 Sportarten üben, darunter Volleyball, Ringtennis und Hochsprung. Denn seit seiner Gründung vor 20 Jahren ist auch der Verband für Familien-, Breitensport und Naturismus am Sonnensee beheimatet. „Sprinten und Hechten darf man übrigens auch in Trainingshose, nur wer in den See springen will, muss sich ausziehen“, sagt Schwieger augenzwinkernd. Er weiß, dass Neulinge sich oft genieren, die Kleidung abzulegen. Nicht alle treibt die Freude am Nacktsein in den Sportpark.

„Als es vor zwei Wochen richtig heiß war, kamen plötzlich massenweise Leute vom Altwarmbüchener See zu uns“, sagt Ulrike Kandt. Dort sei einfach kein Platz mehr gewesen, um sein Handtuch auszubreiten. Die 68-Jährige selbst erfreut sich heute streifenloser Bräune. Doch das war nicht immer so. Als sie vor 45 Jahren das erste Mal das BffL-Gelände betrat, war sie als Sanitäterin der Johanniter-Unfall-Hilfe zum Dienst eingeteilt. „Ich habe ganz normale Leute erwartet, aber da waren überall Nackte“, erinnert sie sich. Nach dem ersten Schock habe sie sich in der Sanitätsstation eingeschlossen. Nur weil ihr das Gelände so gut gefallen habe, sei sie dort weiter für die Johanniter im Einsatz gewesen. Und mit der Zeit schwand die Scham: „Nach vier Jahren hab ich mich das erste Mal ausgezogen und bin in den See gehüpft.“ Später war Kandt sogar im Vorstand des BffL aktiv. Auch nackte Kollegen zu treffen, sei für sie kein großes Problem mehr gewesen.

Gunther Schwieger hat Verständnis für Jugendliche, die sich vor dem Nacktsein genieren. Menschen, die nur zum Gaffen kommen, gebe es am Sonnensee aber nicht. Von außen sei der See nicht einsehbar, hohe Zäune schützten vor Eindringlingen. „Die Gefahr beobachtet zu werden, ist an frei zugänglichen Stränden größer“, sagt Schwieger. Auch Mitgliedsbeitrag und Gästekarten hielten Schaulustige vom Sonnensee fern.

Rund 1300 Mitglieder hat der BffL heute. Nachdem die Freikörperkultur von den Nationalsozialisten 1933 verboten worden war, fanden sich seine ersten hannoverschen Anhänger im Dezember 1946 wieder zusammen, um einen neuen Verein ins Leben zu rufen. Ein halbes Jahr später wurde der Bund für freie Lebensgestaltung Hannover gegründet. Goldene Zeiten erlebte der Verein Anfang der achtziger Jahre. Damals soll der BffL rund 4000 Mitglieder gezählt haben.

Eckhardt Kunz gehört mit seinen 73 Jahren zur am stärksten vertretenen Altersgruppe beim BffL. „Vielleicht sind die Jugendlichen von heute nicht mehr so stark an Natur pur interessiert“, glaubt der Senior. Platz genug gebe es auf jeden Fall für neue Mitglieder. Selbst wenn an sehr warmen Tagen ein paar hundert Leute an Sonnensee seien, würde sich die Menschenmenge verlaufen. „Da macht man vier bis fünf Schwimmzüge und schon fühlt man sich wieder allein im See“, pflichtet Ulrike Kandt ihm bei. Sie schätze als Single vor allem die Gemeinschaft im BffL. „Wir alle tragen gemeinsam Verantwortung für unseren See“, sagt Kandt. Niemand etwa könne es ertragen, dort Müll herumliegen zu sehen.

Der BffL lädt für Sonnabend, 1. September, zum Tag der offenen Tür am Sonnensee, Waldstraße 99, ein. Gäste dürfen zahlreiche Sportarten auf der Anlage ausprobieren, Kinder können sich Schminken lassen und den Sonnensee vom Pferderücken aus betrachten. Auch Sportabzeichen können an diesem Tag abgelegt werden. Der Eintritt ist zum Jubiläum frei.

Larissa Holzki

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