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Annette Loer erhält Bundesverdienstkreuz

Tag des Ehrenamtes Annette Loer erhält Bundesverdienstkreuz

Annette Loer aus der List möchte ihre Person nicht in den Vordergrund stellen. Das ist nicht ihre Art. Am Freitag, am Internationalen Tag des Ehrenamtes, wird ihr in Berlin vom Bundespräsidenten für ihre Arbeit beim Frauennotruf für vergewaltigte Frauen das Bundesverdienstkreuz verliehen.

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Am Freitag ist Tag des Ehrenamts – Gauck zeichnet die Hannoveranerin Annette Loer in Berlin mit dem Bundesverdienstkreuz aus.

Quelle: Michael Thomas

Hannover. Das freut sie - auch wenn es ihr mehr um die Sache geht. 1992 ist die Juristin zum Rechtsreferendariat nach Hannover gekommen. „Damals war sexuelle Gewalt gegen Frauen noch ein Tabuthema“, sagt sie. Zwar gibt es seit den siebziger Jahren zwei Frauenhäuser in der Stadt, eine direkte Anlaufstelle für vergewaltigte Frauen aber habe gefehlt. Die Antwort war der Verein Frauennotruf. Bei Loers Zuzug war der Verein gerade in der Entstehungsphase.

„Der Plan war, vergewaltigten Frauen unmittelbar nach der Tat in rechtlichen Fragen zur Seite zu stehen und sie psychologisch zu betreuen.“ Mit ihrem Jurastudium brachte sie das Rechtswissen dafür mit. Die Vermittlung der Betroffenen an geeignete Rechtsanwältinnen fiel damit in ihr Aufgabengebiet. Auch um eine Aufstellung geeigneter Frauenärzte kümmerte sie sich. Am Wochenende machte sie Telefondienst, um Opfern bei Anrufen Halt zu geben. Das alles tat sie ehrenamtlich.

„Psychologisch geschult waren wir damals beim Frauennotruf nicht“, sagt Annette Loer, „learning by doing“ sei das Credo gewesen. Wöchentlich traf sich das siebenköpfige Frauenteam im Plenum und sprach über aktuelle Fälle. Was sich nach einer großen Versammlung anhört, war aber zunächst nicht mehr als ein Treffen in einer Altbauwohnung in der Bödekerstraße. Mit Plakataktionen und Demonstrationen versuchte der Verein, das Thema sexuelle Gewalt gegen Frauen ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und zu enttabuisieren. Die Unterstützung von Stadt und Region war damals noch nicht groß. „Zu dieser Zeit hätte ich ein Bundesverdienstkreuz mit Sicherheit nicht angenommen“, sagt Annette Loer: „Schon aus Protest nicht.“ Dass dies am Freitag passiert, beweist, dass sich viel geändert hat. „Der Frauennotruf hat sich vom kleinen Verein zu einer Fachberatungsstelle entwickelt und wird inzwischen von Stadt und Region finanziert.“

Ehrenamtliche Mitarbeiter sind geblieben, aber professionell geschulte; Hauptberufliche kamen hinzu. 5000 Frauen haben sich seit der Gründung vom Frauennotruf helfen lassen. Darauf ist Annette Loer stolz. Zwar ist sie weiter Mitglied im Vorstand des Notrufs, ihr ehrenamtliches Wirken hat sich aber stärker in einen anderen Bereich verlagert. Die Betreuungsrichterin ist jüngst in den Vorstand des Betreuungsgerichtstags gewählt worden und seit 2005 Mitglied einer Besuchskommission. Sie besucht in ihrer Freizeit regelmäßig und unangekündigt Psychiatrien und Heime im Raum Hannover, um Missstände aufzudecken und die Betreuungsqualität zu verbessern. „Mir ist das selbstbestimmte Leben der Betreuten wichtig“, sagt sie. „Im Prinzip sind die rechtlichen Vorschriften im Betreuungsrecht gut, es mangelt teils nur an der Umsetzung. Da gibt es noch viel zu tun.“ Und genau daran möchte sie in Zukunft arbeiten.

Aus ihrer aktuellen Brustkrebserkrankung macht Annette Loer kein Geheimnis. „Ich besitze eine Perücke, aber verkleiden liegt mir nicht“, sagt die 52-Jährige. Erst kürzlich hat sie den letzten Bestrahlungstermin hinter sich gebracht. Den Rat von Freunden: „Tu dir doch mal was Gutes“, kann sie nicht mehr hören. Ehrenamtlich aktiv war sie die ganze Zeit über trotzdem - so weit es ging. „Daraus habe ich meine Kraft gezogen“, sagt sie. Zur Ehrung nach Berlin fährt sie jetzt mit Schwester, zwei Freundinnen und ihrem 21-jährigen Sohn, der dafür extra aus Schweden kommt.

Jan Helge Petri

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