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Ost Die Heimatfrage spaltet einen Stadtteil
Hannover Aus den Stadtteilen Ost Die Heimatfrage spaltet einen Stadtteil
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15:53 26.04.2010
Die Häuser im jüngeren Teil von Misburg-Süd wurden erst in den achtziger Jahren gebaut. Quelle: Schwarzenberger

Was ist Heimat? Im Wohngebiet „Kleines Nordfeld“ rund um Helwingerode- und Stahlstraße bedeutet es für etliche Hauseigentümer auf jeden Fall die Verbundenheit mit Anderten. Dass sie gar nicht in diesem Stadtteil wohnen, merkten viele erst kurz vor der Weltausstellung 2000. „Damals wurde das Ortsschild zum Bahnhof Anderten-Misburg versetzt“, erinnert sich Anwohner Klaus Leiner. Das einst zu Anderten gehörende „Nordfeld“-Areal ist aber schon seit 1979 Teil von Misburg-Süd. Immer wieder hatten Anwohner in den vergangenen Jahren eine Rücknahme der Grenzveränderung gefordert, so auch in der jüngsten Sitzung des Bezirksrats Misburg-Anderten. Das Gremium könnte die erneute Verschiebung der Stadtteilgrenze beantragen – eine Mehrheit dafür zeichnet sich aber nicht ab.

Das alte Misburger „Jerusalem“-Gebiet zwischen Hartmannstraße und Herz-Jesu-Kirche ragte lange Jahre tief in die Anderter Gemarkung hinein, das „Nordfeld“ südlich davon wurde aber erst in den achtziger Jahren – nach der Verschiebung der Stadtteilgrenze – bebaut. Heute leben rund 1160 Menschen auf ehemals zu Anderten gehörendem Grund. Manche Kritiker befürchten, dass sie womöglich nicht auf dem Anderter Stadtteilfriedhof bestattet werden dürfen oder dass ihre Grundstücke weniger wert seien, weil sie zu Misburg-Süd gehören. Die Anwohner könnten sich durchaus auf dem Anderter Friedhof beerdigen lassen, sagt demgegenüber Stadtsprecherin Konstanze Kalmus.

CDU-Fraktionschefin Kerstin Seitz sieht „keine handfesten Gründe“ für eine Rücknahme des Ratsbeschlusses von 1979: „Damals ging es um eine vernünftige Gestaltung der Stadtteilgrenze.“ Für Bezirksratsherr Barthold Meiß (parteilos) ist eine Grenzdebatte unnötig. „Das würde nur künstliche Gräben schaffen.“ Auch Bezirksbürgermeister Knut Fuljahn (SPD) hält den Wunsch nach einer neuen Grenzverschiebung für „schwer nachvollziehbar“. „Was erwarten denn die Bürger davon?“, fragt er. Die Stadtverwaltung solle genau auflisten, welche Nachteile den Grundstückseigentümern durch die Änderung entstanden seien: „Dann können wir als Bezirksrat entscheiden, wie wir vorgehen.“ Auch Grünen-Bezirksratsherr Andreas Palm sieht das Gremium noch nicht in der Pflicht: „Erst müsste klar sein, dass viele Anwohner eine Korrektur wollen.“ Gebe es ein Bürgerbegehren, sollte aber auch eine politische Debatte geführt werden. Jürgen Quardt (WfH), der auch Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Misburger und Anderter Kulturvereine ist, stellt klar: „Einen Antrag auf Grenzverlagerung würde ich ablehnen, wenn es darin nur um einen angeblichen Wertverlust für Grundstücke ginge.“ Eine solche Argumentation sei eine „Diskriminierung der Misburger“.

„Es gibt durchaus ein gewisses Konkurrenzdenken“, gesteht Katrin Lehmann-Pilarski, Vorsitzende der Werbegemeinschaft Anderter Kaufleute, ein. Das habe vermutlich mit den Unterschieden in der Geschichte der Stadtteile zu tun – hier das dörfliche Anderten, dort das städtische und von einer einst blühenden Zementindustrie geprägte Misburg. Eine gewisse Konkurrenz ist für Maik Jänicke, Chef des Misburger Gewerbeverein VGI, indes kein Problem. Es gebe schließlich Kooperationen, auch wenn sich beide Werbegemeinschaften aus unterschiedlich gewachsenen Strukturen entwickelt hätten. „Die Diskussion um die Grenzziehung in Misburg-Süd beruht wohl eher auf ganz privaten Empfindungen“, sagt er. Diese Einschätzung teilt auch Lehman-Pilarski. Die Geschäftsfrau führt eine Baufachhandelsfirma, die unter anderem „Nordfeld“-Bauherren belieferte: „Dorthin sind viele alteingesessene Anderter gezogen, die eben nicht als Misburger gelten wollen.“

„Laut Kaufvertrag haben wir in der Gemarkung Anderten gebaut“, erzählt Anwohnerin Renate Leiner, die für die CDU im Bezirksrat sitzt. Sie und ihr Mann leben im „Nordfeld“ – und beide fühlen sich als Anderter. „Eine Korrektur der Grenze würde ich begrüßen“, sagt Leiner. Allerdings glaube sie nicht an einen Wertverlust für ihr Grundstück: „Es ist eher eine Frage der Identifikation mit dem Stadtteil.“

Marcel Schwarzenberger

Plädieren auch Sie dafür, den südlichen Teil von Misburg-Süd dem Nachbarstadtteil Anderten zuzuschlagen? Oder halten Sie eine derartige Änderung der Stadtteilgrenzen für überflüssig? Und: Kennen Sie alte Geschichten, die Animositäten und Konkurrenzdenken zwischen Misburger und Anderter Bürgern zum Thema haben? Schreiben Sie uns – per Brief an den Stadt-Anzeiger, Stichwort „Misburg-Süd“, 30148 Hannover. Oder schicken Sie uns eine E-Mail an die Adresse stadt-anzeiger@madsack.de.

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