Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 18 ° Regenschauer

Navigation:
Ein virtuoses Handwerk

Zooviertel/Kleefeld Ein virtuoses Handwerk

Alle acht Geigenbauer Hannovers arbeiten in den östlichen Stadtteilen. Handwerkliches Geschick, Geduld, Einfühlungsvermögen und ein gutes Ohr sind für den besonderen Beruf erforderlich.

Voriger Artikel
Rentner stirbt nach Verkehrsunfall
Nächster Artikel
Stadtbahn rammt Fußgänger

Sylvia Zwirner hat den alten Kontrabass komplett neu aufgebaut.

Quelle: Michael Thomas

Hannover. Der Kontrabass ist so etwas wie ein Instrument gewordener Urgroßvater. „Er befindet sich schon ein paar Jahre bei uns und hat gerade einen neuen Hals bekommen“, sagt Geigenbaumeisterin Sylvia Zwirner und schaut liebevoll auf den alten Herren mit den vielen dunklen Stellen. „150 bis 200 Jahre alt ist er, und ich habe ihn ganz neu aufgebaut“, erzählt die 41-Jährige.

Gebaut, restauriert und repariert wird viel in Zwirners Werkstatt im Zooviertel. Ihr Laden liegt - günstig in Kundennähe - nur zwei Straßen von der Musikhochschule entfernt und wird von Holzstücken und den Instrumenten dominiert, mit denen die Handwerkerin arbeitet: Geigen in Holzschränken, Bögen an den Wänden, Kontrabässe in den Ecken. Und der Boden? Natürlich Holz. Ebenso die Galerie, auf der die Mietinstrumente lagern, die auf einen neuen Einsatz warten. Viele befinden sich jedoch nicht Wartestellung. „Ich arbeite mit der Ricarda-Huch-Schule zusammen und habe rund 300 Instrumente in der Vermietung“, erklärt Zwirner.

Der Beruf des Geigenbauers hat durchaus so etwas wie einen Exotenstatus, es gibt deutschlandweit nur eine Handvoll Schulen und Hochschulen, die eine Ausbildung anbieten und das Gehalt ist niedrig. „Reich wird man nicht, aber Geigenbau ist ein vielseitiger Beruf. Er erfordert sowohl handwerkliches Geschick und Geduld, als auch Einfühlungsvermögen und ein gutes Ohr“, fasst Zwirner zusammen. Sie führt ihren Betrieb schon seit fast zehn Jahren und liebt die Mischung aus Handwerksarbeit und dem Kundenkontakt mit einer oft sensiblen Klientel - für die ihr Instrument eine echte Persönlichkeit mit einem unverwechselbaren Klang besitzt. „Der Gang zum Geigenbauer ist wie der zum Hausarzt: Man braucht viel Vertrauen“, sagt Zwirner lachend. „Aber bis jetzt konnte ich noch jedem helfen.“

Weiterhelfen will auch Geigenbauer Emanuel Martinelli aus Kleefeld. Der 32-jährige Italiener ist ein Neuzugang für Hannover, erst im Mai eröffnete er sein Geschäft in der Nähe des Kantplatzes. Der Empfangsraum im vorderen Teil ist noch so gut wie leer, nur die Werkstatt im hinteren Bereich ist schon in Betrieb. Warum sich auch mit Nebensächlichkeiten aufhalten? Martinelli kümmert sich lieber ums Wesentliche. Woher er aus Italien kommt, will er deshalb nicht verraten - und auch nicht, wo sich die Werkstatt seines Vaters befindet, bei dem er gelernt hat. „Ich betreibe das Handwerk in der zehnten Generation“, erklärt er dann aber doch. „Aber nur die Leistung zählt - und nicht die Herkunft.“

Wenn es jedoch um Geigenbau geht, malt Martinelli mit seinem starken italienischen Akzent klangvolle Bilder an seine weiße Werkstattwand. „Beim Arbeiten verfliegt die Zeit, und wer Geigen baut, leistet einen Beitrag zur Musik - so ein Instrument hält mindestens hundert Jahre“, schwärmt er. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg: Der Geigenbauer fertigt gerade parallel zehn Geigen, fünf Bratschen und drei Celli an, nach eigenen Modellen. Pro Instrument braucht Martinelli anderthalb bis zwei Jahre - ein Mammutprojekt. „Den Rohling fertigen, die Grundierung trocknen, 24 Lackschichten auftragen, die alle einzeln poliert und geschliffen werden müssen“, zählt Martinelli das Bauprogramm auf. Dafür braucht man viel Ruhe, und verdient bis zum eventuellen Verkauf erst einmal nichts. Und obwohl die Reparatur von Geigen, Bratschen, Celli und Kontrabässen die finanzielle Existenz der Geigenbauer sichert, träumen alle vom Bau eigener Instrumente. Im Weg steht ihnen dabei allerdings der Mythos um alte Geigen wie die von Guarneri oder Stradivari.

„Das ist eine Faszination, die sich die Leute teilweise einreden. Nur weil ein berühmter Musiker eine bestimmte Geige gespielt hat, heißt das nicht, dass man dann ebenso gut spielt“, sagt Martinelli mit einem Schmunzeln. „Die Leistung hängt zu 90 Prozent vom Instrument und zu zehn Prozent vom Musiker ab. Aber wenn einem Geigenspieler die zehn Prozent fehlen, nutzen auch die 90 Prozent nichts.“ Zwirner, Martinellis Kollegin aus dem Zooviertel, stimmt mit ihm in diesem Punkt überein - deshalb möchte auch sie in Zukunft wieder öfter eigene Instrumente bauen. „Das kam in letzter Zeit zu kurz“, bedauert sie.

Denn bei allen Geigenbauern schwingt beim Arbeiten auch immer die Sehnsucht nach einer besonders virtuosen Leistung mit - so wie beim Spielen einer guten Geige.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ost
Region Hannover