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Grasdachsiedlung wird 30 Jahre alt

Bothfeld Grasdachsiedlung wird 30 Jahre alt

Seit drei Jahrzehnten fühlen sich die Anwohner der Bothfelder Grasdachsiedlung dort wohl. Das ökologische Pionierprojekt hat sich bewährt. Anlässlich des dreißigjährigen Bestehens ihrer Wohnsiedlung veranstaltet der Naturschutzverein BUND eine Führung.

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Gelebter Traum von der Oase in der Stadt: Karin Blüher gehört zu den Siedlungsgründern – und ist nach wie vor mit Herzblut dabei.

Quelle: Mario Moers

Hannover. Das Szenario erinnert die Bewohner der Grasdachsiedlung an ihre ersten Jahre in Bothfeld. Mit einer Mappe voller Fotos und Bauplänen in der einen Hand und einer Stehleiter in der anderen führt Garten- und Landschaftsarchitekt Andreas Ackermann rund zwanzig neugierige Teilnehmer an ihren kleinen Häusern vorbei, durch das üppige grün ihrer Vorgärten. Anlässlich des dreißigjährigen Bestehens ihrer Wohnsiedlung veranstaltet der Naturschutzverein BUND eine „Bauphysikalisch-historisch-botanische Führung“ durch die Wohnsiedlung - mit anschließendem Vortrag über die Entwicklung von Pflanzengesellschaften auf Ökodächern. Bei einer Bewohnerin geht es sogar durch das Wohnzimmer. „In den ersten Jahren spuckten Busse hier Massen von Architekturstudenten und Ökotouristen aus, die dann überall herumwuselten“, erinnert sich Karin Blüher.

Anlässlich des dreißigjährigen Bestehens der Grasdachsiedlung in Hannover Bothfeld Wohnsiedlung veranstaltet der Naturschutzverein BUND eine Führung.

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Als die Grasdachsiedlung zwischen 1984/85 auf den „Laher Wiesen“ entstand, galt die Ökosiedlung europaweit als herausragendes, weil visionäres, Bauprojekt. „Noch nie wurde bei uns so schön und doch preiswert, so familien- und umweltfreundlich gebaut“, schrieb die Fachzeitschrift „Das Haus“ im November 84. Der renommierte Architekturkritiker Manfred Sack sagte damals der „Zeit“, es sei „schwer, alle interessanten Ideen dieser Architekturveranstaltung zu nennen. Zusammenfassend lautete seine Überschrift daher „Glück unter Gras“.

Drei Jahrzehnte nach der Grundsteinlegung geraten die Bewohner noch immer ins Schwärmen, wenn sie den Teilnehmern der Führung ihr gemeinsames Projekt erklären. „Schauen sie sich das an, so muss man das machen,“ schwärmt Peter Hansen und streicht mit der Hand liebevoll über die Patina eines Holzpaneels an einer Hauswand. Die haben sie hier damals alle selber an die Wände genagelt, die Bauherren der 70 Häuser in der kleinen Siedlung neben der Waldorfschule. Dort hatte eine Gruppe Eltern, darunter praktischerweise Architekten und Bauunternehmer, die Idee zu dem grünen Projekt. Während sie bald darauf in mühsamer Handarbeit eigenhändig den Fußboden verlegten und die Wände mit umweltschonender Farbe strichen, säten ihre Kinder den Rasen, der heute auf den Dächern liegt.

Dieser sorgt für angenehmes Klima und frische Luft zu jeder Jahreszeit. Das spart Kosten und hält bei guter Wartung länger als ein konventionelles Dach. Hannover sei heute ein führender Forschungsstandort in Sachen Dachbegrünung, erklärt Freiraumplaner Gilbert Lösken. Als Wissenschaftler am Institut für Landschaftsarchitektur ist er selber ein Fan der Siedlung. An der Führung nimmt auch eine italienische Architektin teil, die erforschen will, ob blühende Dächer auch unter der brennenden Sonne ihrer Heimat realisierbar sind.

Auch ein soziales Projekt

Abgesehen von der Architektur und den ökologischen Faktoren sollte die Grasdachsiedlung aber vor allem ein soziales Projekt sein. Bauherren und Bewohner waren von ersten Fragebögen der Architekten, über das Aussuchen der Baustoffe bis zur Umsetzung am gesamten Entstehungsprozess beteiligt. Noch heute sind die bürgerbewegten Visionen der achtziger Jahre zu spüren - an den ökologischen Baustoffen, dem skandinavischen „Bullerbü“-Stil und den Grasdächern, auf denen die Vegetation häufig seit Jahrzehnten sich selbst überlassen ist.

„Der ökologische Aspekt spielt für mich weiterhin eine große Rolle“, sagt Karin Blüher. Sie ist besonders stolz, dass ihr Haus seit vier Jahren durch ein Blockheizkraftwerk versorgt wird. Das ist fast unsichtbar in einem holzverkleideten Gebäude am Ende ihrer kleinen Straße untergebracht. „Wir sind unabhängig von Atomkraft und verkaufen unseren überschüssigen Strom sogar an die Energiefirmen“, betont sie.

Vor dreißig war das von Moosdächern skandinavischer Länder inspirierte Konzept der Grasdächer nicht unbedingt brandneu. Aber in Hannover wurde das erste Mal eine ganze Siedlung entworfen. Im Rückblick kann die Grasdachsiedlung daher als ein Prototyp für ökologisches und energiebewusstes Bauen betrachtet werden. „Mit den Anforderungen an moderne Passivhäuser können die Gebäude hier natürlich nicht mithalten. Aber für damalige Verhältnisse erreichte man bereits einen ordentlichen Spareffekt“, erklärt Peter Gundlach. Als Bauherr war er maßgeblich an den Planungen beteiligt. Mit dem Architekten Hermann Bookhoff unternahm er „Inspirations-Reisen“ nach Schweden. „Grün vom Garten über die Wände bis aufs Dach“, lautete die Vision.

Für Karin Blüher und viele andere Bewohner ist dieser Traum wahr geworden. „Ich lebe hier in einer kleinen Oase inmitten der Stadt“, sagt die ehemalige HAZ-Fotografin. Und mit Blick über den Wildwuchs farbenfroher Blumen und Büsche vor den Häusern auf die Hochhäuser in Bothfeld fügt sie hinzu. „In ein Steinhaus würde ich nie wieder ziehen. Hier möchte ich irgendwann auch sterben.“

Mario Moers

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