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List

Hannoveraner studiert in Japan nach der Katastrophe

Von Susanna Bauch

Mit gemischten Gefühlen war Jannis Piek aus der List kurz nach dem Tsunami im vergangen März nach Tokio zum Studium gegangen. Auf einem Kurzbesuch zu Hause hat er von seinen Erlebnissen und der Stimmung in Japan nach der Katastrophe berichtet.
Offline: In den ersten sieben Wochen in Tokio musste Computerfan Jannis Piek wegen defekter Verbindungen ohne Internet auskommen.

Offline: In den ersten sieben Wochen in Tokio musste Computerfan Jannis Piek wegen defekter Verbindungen ohne Internet auskommen.

© Martin Steiner

List. Vor zehn Monaten stand sein großer Traum auf der Kippe. Jannis Piek, Abiturient aus der List, hatte alles lange und akribisch vorbereitet, um sich seinen Studienwunsch zu erfüllen: Gamedesign in Tokio. Doch kurz vor seiner Abreise suchte der verheerende Tsunami das asiatische Land heim, der eine atomare Katastrophe im Kernkraftwerk Fukushima auslöste. Familie Piek war in heller Aufruhr, doch der junge Mann setzte sich durch – und flog.

Jetzt ist er erstmals wieder für einen Kurzbesuch in Hannover gewesen. Und erzählt, dass es ein großer Fehler gewesen wäre, wäre er nicht geflogen. „Die Menschen in Japan waren weniger aufgeregt wegen der Strahlenbelastung als vielmehr wegen der Folgen des Tsunamis“, erzählt der 20-Jährige. So ganz reibungslos verlief sein Start in Tokio allerdings auch nicht. „Als ich am 31. März ankam, fuhren die Züge vom Flughafen Richtung Innenstadt noch nicht.“ Und das erste Wohnheim, in dem sich nur wenige Studenten pünktlich zu Semesterbeginn eingefunden hatten, war gezeichnet von Rissen in Decken und Fußböden. „Das Beben hat auch Spuren an den Fenstern hinterlassen, da war so gut wie keines mehr intakt“, erzählt der Japan-Fan.

Das Wohnheim sei eher ein Abbruchhaus gewesen, nach fünf Tagen zog Jannis Piek um. Mittlerweile hat er auch das zweite Wohnheim wieder verlassen und eine eigene Wohnung gefunden, bezahlbar und zentral. „Für Tokio ein echtes Wunder“, schwärmt der Student. Die Strahlenbelastung indes sei so gut wie kein Thema mehr in der Hauptstadt. Dass doch viele Familien Bedenken hatten, ihre Kinder zum Studium zu schicken, bewiesen allerdings die leer gefegten Hörsäle. „Viele kamen erst vier Wochen später zur Uni“, erzählt Jannis Piek. Da hätten sie sich sicherer gefühlt.

Die Betreuung der ausländischen Studenten lief Wochen nach Semesterstart reibungsloser als zu Beginn. „Wegen des Erdbebens waren einige Verantwortlichen irgendwie weg, die Organisation klappte überhaupt nicht, überall gab es nur die halbe Besetzung“, sagt der 20-Jährige. Er hat durchgehalten. „Jetzt wird Fukushima das große Thema hier in Japan.“ Viele Menschen reagierten mittlerweile wütend und entsetzt darüber, dass sie in verseuchte Gebiete versetzt wurden, um dort zu arbeiten. Und viele Ausländer seien überstürzt abgereist ohne sich um ein Wiedereinreisevisum zu kümmern. „Das kann jetzt eine Zeit dauern.“

Jannis Piek erzählt, dass durch das zeitweise Abschalten von 90 Prozent der japanischen Atomkraftwerke die Menschen im Land erstmals gespürt haben, was Stromsparen bedeutet. „Keine Rolltreppen, Fahrstühle, ausgedünnter Bahnverkehr – das alles haben viele Japaner noch nie erlebt.“ Vor allem in den ersten Wochen sei es vermehrt zu sogenannten Strom-Sicherheitsabschaltungen gekommen.

Mittlerweile ist Jannis Piek so richtig angekommen in der Stadt, der Uni und in seinem Leben in seiner Traumstadt – nach der Katastrophe. Und so schnell bringt ihn auch nichts wieder aus Tokio heraus. Im Sommer wird er seine Ferien nicht in Hannovers List verbringen. Dann kommt die Familie nach Tokio. „Und vermutlich wird sie von dem Unglück durch den Tsunami so gut wie nichts mehr mitbekommen.“

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