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Misburg

Hochprozentiges mit Tradition


Reiner Alkohol ist das A und O bei der Firma
 Kraul & Wilkening und Stelling in Misburg.
Das Firmengelände in den dreißiger Jahren – im Zweiten Weltkrieg wurde es dann erheblich zerstört.

Das Firmengelände in den dreißiger Jahren – im Zweiten Weltkrieg wurde es dann erheblich zerstört.

© Haz

Aus Kupfer ist der Apparat und hat oben eine Tülle, aus der einst eine begehrte Flüssigkeit tropfte. Aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stammt das Gerät zum Schwarzbrennen von Schnaps, das zur historischen Sammlung von Kraul & Wilkening und Stelling gehört. Mit Hochprozentigem ist hier natürlich alles legal: Seit Mitte des 19. Jahrhunderts widmet sich die traditionsreiche Firma der industriellen Herstellung von Alkohol und ist seit fast 140 Jahren am Lohweg in Misburg zuhause.

Schon 1856 hatte der Weinhändler Johann Wilhelm Kraul in Hannover eine „Spiritusreinigungsanstalt“ gegründet, die sich an der Kirchwender Straße nahe dem heutigen Emmichplatz befand. Partner wurde sein ehemaliger Lehrling Louis Wilkening. Wegen der beständig wachsenden Wohnbebauung in Hannover suchte der junge Unternehmer bald einen neuen Standort. Direkt an der Bahnlinie fand er ihn bei dem Dorfe Misburg. 1870 ließ er hier zunächst die Melasse, ein Nebenprodukt der Zuckerherstellung, zu Alkohol verarbeiten. Um 1900 wurde dann auch die Reinigung des Spiritus nach Misburg verlegt.

Seit in den zwanziger Jahren vorübergehend ein Verwandter namens Hermann Stelling die Leitung übernahm, heißt die Firma offiziell Kraul & Wilkening und Stelling. „Im Zweiten Weltkrieg galten wir als kriegswichtiger Betrieb“, sagt Seniorchef Carl Ludwig Wilkening. Und so wurden die Werksanlagen durch Bombenabwürfe erheblich zerstört. „Aber beim Wiederaufbau hat dann ein Fläschchen Schnaps meinem Vater viele Türen geöffnet“, schmunzelt Wilkening.

Ab 1950 wurde die Produktion beständig weiter modernisiert. Mehr als 400 000 Hektoliter reiner Alkohol verlassen jährlich das Werk zwischen Bahnschranke und Kanal. Gleich vorne an der Zufahrt sind die sechs mächtigen Tanks nicht zu übersehen. Hier lagert der Rohalkohol, der aus Kartoffeln und Getreide erzeugt wurde; hinzu kommt weiterhin die Melasse für die eigene Brennerei. Über ein komplexes System aus Röhren und Kesseln durchläuft der Alkohol stufenweise eine 30 Meter hohe Anlage, um ihn von unerwünschten Stoffen zu befreien.

Das Ergebnis ist neutraler reiner Alkohol. Abnehmer sind zum einen die Hersteller von Spirituosen. Der andere Teil wird mit chemischen Mitteln vergällt und geht als technischer Alkohol an die Pharma- und Kosmetikindustrie, dient als Lösungsmittel für Farben und Lacke, als Frostschutz und weiteres mehr. Auch Bio-Ethanol als Zusatz für Kraftstoffe wird in Misburg produziert.

Als neuestes Projekt lässt die Firma Kraul & Wilkening und Stelling am Stichkanal des Misburger Hafens wieder einen Anleger bauen, um den umweltfreundlichen Lieferverkehr per Schiff zu nutzen. Auf dem rund fünf Hektar großen Werksgelände indes arbeiten nicht mehr als 33 Beschäftigte. Der Betrieb läuft rund um die Uhr und wird auch in der Nacht sorgsam überwacht.

Mit Ludz Wilkening steht das Familienunternehmen inzwischen in der fünften Generation. Auch der Blick für die Geschichte des eigenen Gewerbes wurde gewahrt: Gut geputzt ist die Dampfmaschine, die bei Kraul & Wilkening um 1900 ihre Dienste leistete. In weiteren Räumen sind Bottiche, Brennapparate und Fotos aus der Zeit der vielen kleinen Brennereien ausgestellt, wie sie früher in vielen Dörfern rings um Hannover existierten. Nach Anfrage unter Telefon 5 10 05 41 können Gruppen das kleine Werksmuseum besuchen.

von Gerda Valentin

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