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List Leben für die Literatur

Es wird ein Rückzug auf Raten. So ganz loslassen möchte Hildegard George noch nicht. Und so wird sie Stück für Stück aus dem Buchladen Litera in der Jakobistraße in der List ausscheiden, der lange ihr Arbeits- und Lebensraum war.

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Hildegard George verlässt ihren Buchladen „Litera“ in der List

Quelle: Anastassakis

List. Zunächst sah es nach keinem schönen Abschied aus. „Im zweiten Quartal dieses Jahres habe ich gedacht, ich muss das Geschäft komplett aufgeben, so schlecht lief der Verkauf“, sagt sie. Doch nun habe sich der Markt ein wenig berappelt – und eine Nachfolgerin ist in Sicht. Stefanie Liebich-Kleine arbeitet bereits seit geraumer Zeit bei Hildegard George, im kommenden Jahr soll sie den Laden übernehmen.

Mit Büchern und Literatur hatte Hildegard George zunächst wenig zu tun. „Mein Traum war es, Kunst zu studieren“, sagt die 65-Jährige, die aus einer Goslarer Arbeiterfamilie stammt. Der Vater hätte die Tochter zwar gerne auf der „Höheren Schule“ gesehen, doch die Mutter setzte sich durch. „Drogistenlehre, etwas Solides.“ Und da Hildegard George nach eigener Einschätzung schon immer sehr pedantisch und verantwortungsbewusst war, absolvierte sie diese Lehre eben. Sie habe „das Bestmögliche daraus gemacht“, sagte sie. Danach heiratete sie, bekam zwei Kinder und zog mit ihrem Ehemann nach Hannover. Doch die Ehe zerbrach. „Ich entwickelte mich Richtung Frauenbewegung, mein Mann Richtung CDU, das passte irgendwie nicht mehr zusammen“, erzählt Hildegard George.

In den siebziger Jahre lernte sie dann Wigbert Schulze kennen. Er führte – oder besser: lebte – den Buchladen Hesperus in der Jakobistraße, der nur 30 Meter vom heutigen Litera entfernt lag. Diese literarische Fundgrube war damals Kult bei den Professoren, Linken, Studenten und Emanzipierten jener Jahre. „Da bin ich richtig aufs Buch gekommen“, sagt Hildegard George. „Es war eine tolle Zeit, irgendwie Boheme und Abenteuer mitten in Hannover.“ Die Autodidaktin, die sich zuvor am liebsten mit Malerei und dabei vor allem mit dem Fotorealismus beschäftigte, wurde zur Literaturkennerin und -liebhaberin. „Ich habe mit Büchern und Menschen gearbeitet, beides hat mir unendlich viel Spaß gemacht,“ sagt die stets in Schwarz gekleidete Buchhändlerin.

Doch vor 20 Jahren ging die private und berufliche Beziehung des Hesperus-Teams in die Brüche. George wollte auf eigenen Füßen stehen und machte sich selbstständig. „Ich würde es ewig bereuen, wenn ich es nicht versuchen würde“, habe sie damals gedacht. Dass ihr Buchladen so dicht am Hesperus lag, verursachte ihr zwar ein mulmiges Gefühl – aber das hielt nicht lange an. Denn Schulze zog mit seinen Büchern bald an den Moltkeplatz.

„An Buchläden waren die Lister an dieser Ecke durchaus gewohnt“, sagt George. Schließlich sei zuvor die evangelische Buchhandlung in den Räumen gewesen, die sie bezogen habe. Die ersten Jahre, Mitte der Neunziger, seien besser gelaufen als erwartet. Sie hatte sich auf Kunst- und Bildbände, Grafik- und Designbücher spezialisiert. Ein literarisches Angebot gab und gibt es auch, „aber eben keine Exemplare, die nicht in unser Sortiment passen“. Das besondere Buch ist bei Hildegard George immer auch haptisch ein Genuss, das Schaufenster gleicht zuweilen einer Kunstausstellung. „Ein wenig ist unsere Buchhandlung ein kleines Museum – mit dem Unterschied, dass hier gerne auch gekauft werden darf“, beschreibt  George ihr Reich. Dieses war 2005 sogar als „Niedersächsische Buchhandlung des Jahres” ausgezeichnet worden.

Seit rund zehn Jahren aber läuft es nicht mehr so gut im Buchhandel. George macht vor allem das Internet dafür verantwortlich. „In einer anspruchsvollen Nische allerdings, kann man auch da bestehen“, meint sie. Und so soll vor allem das Konzept ihres Ladens erhalten bleiben. „Wir müssen und wollen uns von den Buchhandlungen auf der Lister Meile absetzen.“ Gleichzeitig arbeite man aber mit den Kollegen  gut zusammen. „Jeder setzt andere Schwerpunkte, wir versuchen uns zu ergänzen.“ Bücher seien Kunstwerke, und Buchhandlungen bräuchten diese Kultur zum Überleben. Die Buchhändlerin selbst interessiert sich thematisch besonders für den neurowissenschaftlichen Bereich. „Wie das menschliche Ego entsteht, wie es sich entwickelt und fremdbestimmt ist, das ist einfach faszinierend.“

Hildegard George wird ihre Buchhandlung weiter begleiten – zunächst noch ein wenig von innen, dann irgendwann von außen. Schließlich wohnt sie gleich um die Ecke. „So ein Laden kann eigentlich nur in einem Stadtteil wie der List laufen“, sagt sie. Hier gebe es Professoren, Linke, Intellektuelle sowie reichlich Bildungsbürgertum – und die Liebe zum Buch sei enorm. „Wenn diese Menschen ihre Bücher dann auch in Buchhandlungen und nicht online kaufen würden, wäre für die Branche vieles gut.“ Ein kompetenter Kopf führe nämlich nicht selten zu erfreulicheren Ergebnissen als eine Suchmaschine.

Von Susanna Bauch

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