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Ost Sahlkamp-Charta im Praxistest
Hannover Aus den Stadtteilen Ost Sahlkamp-Charta im Praxistest
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12:01 25.11.2013
Einer für alle, alle für einen: Gemeinsam sind die Jungen und Mädchen aus der AWO-Kita stark – und setzen sich für die neue Sahlkamp-Charta ein. Quelle: Moers
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Bothfeld-Vahrenheide

Im Juni dieses Jahres stellten Vertreter der Stadt und des Bezirksrats Bothfeld-Vahrenheide ein buntes Büchlein mit sieben Regeln vor – Die Sahlkamp Charta. An diese Regeln sollten sich von nun an alle Bewohner des Stadtbezirks halten, und zwar freiwillig. Das Regelwerk war Ergebnis eines Sozialprojekts, dass vom damaligen Oberbürgermeister Stephan Weil ins Leben gerufen wurde. Hintergrund war ein antisemitischer Zwischenfall auf einem Stadtteilfest im Sahlkamp vor drei Jahren. Damals hatten arabischstämmige Kinder Steine auf eine jüdische Tanzgruppe geworfen. Der Vorfall erregte über die Grenzen der Stadt hinaus großes Aufsehen.

Mit der Sahlkamp-Charta verbanden die Initiatoren aus Politik und Stadtteilkulturarbeit noch bei der Präsentation im Sommer große Hoffnungen. Institutionen im Stadtteil sollten auch in Zukunft auf die Charta zurückgreifen, als Werkzeug und Arbeitsmaterial für eigene Projekte. Es wurden Büchlein und Kalender verteilt und Plakate geklebt. Das Fahrgastfernsehen zeigte an bestimmten Haltestellen im Stadtbezirk in kurzen Videoclips die Regeln auf ihren Bildschirmen. „Wir gehen respektvoll miteinander um“ oder „Wir halten unsere Umwelt sauber“ sind zwei dieser Gebote.

Einer für alle, alle für einen: Gemeinsam sind die Jungen und Mädchen aus der AWO-Kita stark – und setzen sich für die neue Sahlkamp-Charta ein.

Als erste Institution griff das Familienzentrum der AWO in der Elmstraße jetzt die Ergebnisse des ambitionierten Sozialprojekts auf. Eine Woche lang beschäftigen sich Kinder und Erzieher mit den sieben Regeln. Am Freitag präsentierten sie ihre Ergebnisse vor Eltern und Vertretern. Stolz trugen die Kinder dabei Namensschilder an der Brust, wie bei einem echten Kongress. „Die Kinder sollen so merken, dass sie eine Stimme haben und ernst genommen werden, genau wie die Erwachsenen“, so Kirstin Heitmann, die Leiterin des Familienzentrums. Sie ist auch Mitglied im Integrationsbeirat des Stadtbezirksrats. Die Sahlkamp Charta hält sie für ein gelungenes Projekt, das nun mit Leben gefüllt werden müsse. Die erfolgreiche Projektwoche soll in den kommenden Jahren wiederholt werden.

Die Hort-Kinder der ersten bis dritten Klassen können die Regeln inzwischen auswendig. Jeder Regel sind in der Charta eine Farbe und eine Form zugeordnet. Das abstrakt-minimalistische Design der Charta kommt also an. Zu fast jedem Punkt der Charta fallen den Kindern aber auch negative Beispiele aus ihrem Alltag ein. Erst gestern seien sie auf dem Weg zum Fußballplatz von älteren Jugendlichen mit Knallkörpern beworfen worden, berichten die siebenjährigen Ghadir, Firdaous und Ahmad. Streit bis hin zur ernsthaften Prügelei gehört zur Realität der Kinder, die fast alle im Stadtteil wohnen. Auch Ausländerfeindlichkeit haben viele der Kinder mit Migrationshintergrund bereits selbst erlebt.

Einige Jungen und Mädchen, die vor drei Jahren bei den antisemitischen Steinewürfen beteiligt waren, gingen damals in das AWO-Familienzentrum. „Wir sind eine Einrichtung, in der viele Leute Probleme haben“, sagt Kirstin Heitmann. Genauso gebe es aber auch Akademiker, die ihre Kinder hierher brächten, da das Zentrum einen Querschnitt der Gesellschaft abbilde. Mit den Angeboten von der Krabbelgruppe bis zum Deutschkurs für Frauen ist das Zentrum eine wichtige Säule der Integrationsarbeit im Stadtteil.

Leiterin Kirstin Heitmann ist von der Sahlkamp-Charta überzeugt. Sie könnte sich sogar vorstellen, dass in Zukunft im Sahlkamp ein „Platz der sieben Regeln“ entsteht. Seit dem Abschluss des ursprünglichen Projekts fehlt es allerdings an einer ordentlichen Koordination der künftigen Maßnahmen. Auch eine Evaluation hat nie stattgefunden. Einige Beteiligte sind dennoch Feuer und Flamme für das ehrgeizige Projekt.

Harry Rothmann zum Beispiel. Direkt gegenüber ist er Leiter der Gemeinwesenarbeit im Stadtteiltreff. Gerade erst hat er den Heimwart beauftragt die Plakate mit den sieben Regeln erneut vor dem Treff zu plakatieren. Und auch privat hält er die Sahlkamp-Charta nach wie vor für ein geeignetes Instrument. „Da muss man jetzt nur dran bleiben“, sagt er. Er selbst gehe mit den sieben Regeln seit Wochen in Schulen und Einrichtungen. Von der AWO-Projektwoche und dem Vorschlag Heitmanns, der Charta einen Platz zu widmen, hat er auch bereits gehört. „Die Sahlkamp-Charta hat sicher einen hohen Wiedererkennungswert“, sagt er.

Mario Moers

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