Nein, eigentlich will Gudrun Rosendahl von der ganzen Sache nicht mehr viel wissen. „Wissen Sie, vieles ist ja menschlich“, sagt sie und zeigt durchs Tor auf die Stadtbahnverlängerungsbaustelle, die eigentlich schon längst fertig sein sollte – wo Monat um Monat Presslufthammer gehämmert und Walzen gewalzt haben, von wo Bauarbeiter mal aus Versehen die Fernsehkabel durchgesäbelt und mal Sandhaufen vor die Einfahrt gekippt haben. „Aber wir haben dies Menschliche jetzt seit anderthalb Jahren, und irgendwann hat man es satt.“ Aber nun, sagt Frau Rosendahl, sei es ja bald vorbei. Hofft sie jedenfalls.
Im Dezember soll die Verlängerung der Stadtbahnstrecke der Linie 7 von Lahe nach Misburg-Nord frühestens fertig sein – so hat es Stefan Harcke, Geschäftsführer der Infrastrukturgesellschaft (infra) der Region zuletzt mitgeteilt. Käme es so, und Frau Rosendahl und ihre Nachbarn können das noch nicht ganz glauben, hätte die Dauerbaustelle vor ihrer Haustür ein volles Jahr Verzug. Die Gründe dafür sind vielfältig und kompliziert. Da war ein Rechtsstreit mit einem der Auftragnehmer – der Firma Papenburg –, da war der lange, harte Winter und die Tatsache, dass ein von Papenburg beauftragtes Subunternehmen sich zwischenzeitlich von der Baustelle verabschiedete, um einen anderen Auftrag abzuarbeiten. Warum auch immer das so war, fest steht, dass Gudrun Rosendahl zwischenzeitlich im schönsten Sommer lange Zeit keinen einzigen Bauarbeiter zu sehen bekam. „Diese Verzögerung ist indiskutabel und lächerlich“, sagt sie. Schuld seien die Planungen der infra, sagt Anwohner Arno Thiemig, der sich seit Langem juristisch mit dem Unternehmen auseinandersetzt.
Dabei ist die Verlängerung der Bahntrasse für die direkten Anwohner entlang der Buchholzer Straße ohnehin ärgerlich genug. „Wir hatten doch so eine schöne Busverbindung hier“, sagt Eckard Marquard, der demnächst mit etwas Schwung bequem einen Kirschkern aus seinem Wohnzimmerfenster auf die Bahnschienen wird spucken können. In ihrem Garten haben die Marquards Hühner und Äpfel und Spielgeräte für die Enkelkinder, und nun fährt in ein paar Monaten alle neun Minuten eine Bahn vorbei. Eckard Marquard lässt ein wenig resigniert die Schultern sinken.
Arno Thiemig ist nicht der resignative Typ. Auf Klage Thiemigs und einiger anderer Anwohner hin hat das Oberverwaltungsgericht vor Jahren festgestellt, dass den Anrainern bei der ursprünglichen Bauplanung der „von Gesetzes wegen gebotene Lärmschutz zu Unrecht verwehrt worden ist“. Also musste die infra Schallschutzmauern bauen, Herr Thiemig hat ein neues Dach bekommen und Herr Marquard neue Fenster. Eine Schallschutzmauer vor dem Haus wollten die Marquards nicht. „Wer will denn den ganzen Tag auf eine Mauer gucken?“
Fürs Erste wäre Eckard Marquard schon froh, wenn seine Enkelin für die rund 300 Meter zur Bushaltestelle keinen Umweg von einem knappen Kilometer mehr hinnehmen müsste, um an der Baustelle vorbeizukommen. Und Frau Rosendahl würde sich freuen, mit ihrem Auto bald wieder über eine richtige Auffahrt fahren zu können, nicht über eine Schotterpiste, die am Unterboden zehrt. Arno Thiemig wird der Umbau dagegen nicht so bald loslassen. Es gebe da noch einiges zu klären mit der infra, sagt er. Wenn die Bahn erst fährt.