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Tanzen gegen die Einsamkeit
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Wülfel Tanzen gegen die Einsamkeit

Paare und Singles amüsieren sich in einem der letzten Tanzlokale in Hannover. Im Tanztreff "Rendezvous & Der fröhliche Weinberg" in Wülfel herrschen noch gute Sitten - und die Damenwahl ist eine Herzensangelegenheit.

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Sorgen für gute Stimmung: Tanztreff-Betreiber Albert Reuters (li.) und Discjockey Peter Marienhagen.

Quelle: Schmidt

Das war’s dann, „erstmal wieder eine kleine Pause“, sagt der Diskjockey und zieht die Regler vom Mischpult etwas herunter. Die Melodie von „Deine Liebe ist so zuckersüß“ erklingt nun so leise, dass man sich unterhalten kann. Verschnaufpause für die erhitzten Tanzpaare. Die meisten Herren geleiten ihre Partnerinnen zurück zum Tisch. Hier sind gute Sitten noch gern gesehen.

Immer sonnabends ab 19.30 Uhr kommen viele Paare zum Tanzen in den „Tanztreff – Rendezvous & Der fröhliche Weinberg“ in Wülfel. Auch Singles nehmen die Gelegenheit wahr, sich an der Hildesheimer Straße 395 in einem der letzten hannoverschen Tanzlokale zu amüsieren. Und damit die alleinstehenden Frauen auf ihre Kosten kommen, kündigt Diskjockey Peter Marienhagen gelegentlich eine Damenwahl an.

Maria Klein und Georg Schmidt halten Händchen. Etwa sieben Jahre hatten sie Augenkontakt gehabt, von Tisch zu Tisch. Sie war mit einer Freundin da, er auch. Dann war Georg Schmidts Herz wieder frei geworden. Seit einem Jahr sitzen die Frischverliebten jeden Sonnabend an ihrem Tisch. Wenn sie ankommen, steht das „Reserviert“-Kärtchen schon da. „Das ist jetzt ‘ne Lovestory“, sagt Schmidt. Maria Klein strahlt. „Das beste Tanzlokal, alles top“, versichert ihr Begleiter. Immerhin kommen die beiden extra aus Peine angefahren. Georg Schmidt tanzt so passioniert, dass er meist frische Hemden zum Wechseln im Gepäck hat, obwohl es seit neuestem eine Klimaanlage in Wülfel gibt. „Wenn mein Hemd nassgetanzt ist, weiß ich, dass ich lebe“, sagt er fröhlich.

Peter Marienhagen zieht die Regler wieder hoch. Semino Rossis Stimme erklingt. Viel besser kann es für Sigrid und Johann Stoll nicht kommen. Sie fahren im Urlaub immer nach Spanien und tanzen am liebsten nach spanischer Musik. „Wir tanzen alles, Cha-Cha-Cha, Rumba, Tango, Walzer, Mambo“, erzählt Johann Stoll. Und natürlich Diskofox. Davon könne aber ruhig weniger gespielt werden. „Wenn noch mehr richtige Tanzmusik aufgelegt würde, kämen mehr Leute, die richtig tanzen können“, glaubt das Paar. Die Dekoration mit den vielen Lämpchen finden sie ein bisschen kitschig. Aber die Tischdecken sind schön sauber, der Chef begrüßt die Gäste persönlich am Tisch, und das finden sie gut.

Immer in den Pausen geht Albert Reuters herum und schüttelt Hände. Vor sechs Jahren hat der Lehrter Gastronom das Tanzlokal übernommen, obwohl der Stern des Lokals lange am Sinken war. Seither hat der Tanztreff einen Zweitnamen „Der fröhliche Weinberg“. Reuters hatte mit dem gleichnamigen bekannten Tanz- und Kennenlernlokal schon in der Joachimstraße am Bahnhof tanzlustiges Publikum angelockt, bis sein Pachtvertrag nicht verlängert wurde. Er suchte eine neue Bleibe und stieß auf das Wülfeler Lokal. „Ein Scherbenhaufen mit schlechtem Ruf“, sagt er. Aber weil die Einsamkeit seiner Überzeugung nach weit verbreitet ist und Stätten der Begegnung selten sind, baute er das Tanzlokal neu auf. „So ein Tanzlokal für Leute ab 40 ist eine Marktlücke“, glaubte er. Der Erfolg gibt ihm recht. Freitags ist in dem großen Tanzsaal, an der Theke und an den vielen Tischen kein Platz mehr frei, 80 Prozent der Tische sind reserviert. Freitag ist Singletag, es gibt viel Damenwahl – aber nicht nur. „Manche Frauen gehen zwar zum Damenwahlabend, möchten aber trotzdem aufgefordert werden“, erzählt Reuters.

Eine Frau mittleren Alters ist heute Abend zum ersten Mal gekommen. Sie allerdings ist nicht begeistert und will nicht wiederkommen. „Die Männer könnten jünger sein“, meint sie. Ein paarmal wird sie aufgefordert, doch richtig fröhlich sieht sie nicht aus. Eine andere alleinstehende Frau genießt den Tanztreff schon seit drei, vier Jahren. „Man kann gut allein hierher kommen, seit sich das Lokal verbessert hat“, sagt Sigrid Helmer. „Früher wurde ich die Männer nicht wieder los, aber das Publikum hat sich verändert.“

Das liegt auch daran, dass Albert Reuters sein Etablissement ganz klar als „Tanzlokal für nicht ganz junge Leute“ deklariert. Für drei Euro Eintritt – Garderobe inklusive – kommen die Tänzer sogar aus Celle, Goslar und Braunschweig nach Wülfel. Auch Ruth Muschynski und Richard Priegnitz gehören seit langem zum Stammpublikum und sind zufrieden, dass das Lokal viel gepflegter ist als früher. Vor neun Jahren hatten sie sich hier kennengelernt und finden jede Woche ihr „Reserviert“-Schildchen auf ihrem Tisch hinten am Fenster vor. Ihre Lieblingsmusik ist: „Alles“. Peter Marienhagen legt gerade „Sweet Caroline“ auf. „Bei mir gibt es auch Rockn’ Roll, Whithney Houston und später eine richtige Diskorunde“, erklärt er von seinem Ausguck herunter. Aber noch ist es zu früh für Disko. Gäste wie Ruth Muschynski und Richard Priegnitz lieben deutsche Schlager, „weil man das versteht“.

Dann zieht der Diskjockey die Regler wieder runter und lässt „Ich flieg mit Dir zum Mond“ säuseln. Wieder ist ein Päuschen angesagt. „Man darf keinen in die Situation bringen, dass er nicht mehr kann“, vermerkt Albert Reuters zufrieden, als die Pärchen zusammen zu den Tischen – und zur Theke gehen. „Natürlich haben die Pausen auch eine wirtschaftliche Dimension“, bekennt er.

Karin Vera Schmidt

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