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Trauer soll aus der Tabuzone heraus

Bothfeld Trauer soll aus der Tabuzone heraus

Das Löwenzahn-Zentrum für trauernde Kinder richtet jetzt spezielles Angebot für Jugendliche ein. Das Zentrum an der Podbielskistraße bietet Frühstück für Angehörige, Einzelgespräche, unterschiedliche Gruppen für Kinder verschiedener Jahrgänge sowie ab Sommer auch ein Trauercafé für Jugendliche.

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Kinder und Jugendliche können im Kreis bei Kerzenschein von ihren Empfindungen sprechen.

Quelle: Privat

Hannover. Was sein Vater alles geliebt hat, hat der Sohn liebevoll gebastelt und an einen Kleiderbügel gehängt: Der Korken steht für den Weintrinker, das Spielzeugauto erzählt von der Leidenschaft für PS-starke Wagen, der Sonnenschirm symbolisiert die Vorliebe für Strandurlaube. Und die vier Köpfe schließlich, die stehen stellvertretend für die Familie, die nun nicht mehr komplett ist, weil der Vater fehlt. Er ist gestorben - und das viel zu früh. Das kleine Kunstwerk des Sohnes, das dieser im Löwenzahn-Zentrum für trauernde Kinder und Jugendliche gefertigt hat, soll seine Trauer ausdrücken und die Erinnerung an seinen Vater wachhalten.

Seit 2009 gibt es Löwenzahn an der Podbielskistraße in Höhe der Noltemeyerbrücke. „Mit fünf Kindern haben wir damals begonnen, jetzt besuchen uns rund 70 Kinder und Jugendliche, und manch einer muss auch warten“, sagt Initiatorin Kornelia Reinke-Westerholz. Die Einrichtung ist nicht nur zahlenmäßig gewachsen, auch die Angebote und das Netzwerk haben sich erweitert. Es gibt ein Frühstück für Angehörige, Einzelgespräche, unterschiedliche Gruppen für Kinder verschiedener Jahrgänge sowie ab Sommer auch ein Trauercafé für Jugendliche.

„Teenager brauchen einen anderen Rahmen und andere Bedingungen als Kinder“, betont Mitarbeiterin Petra Brenner. Das Trauercafé soll sich an Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren richten, die mit dem Tod eines nahestehenden Menschen oftmals eine besonders gravierende Veränderung ihrer Lebenssituation erleben. „Die Anpassung an das neue Leben ist eine große Herausforderung. In der von Unsicherheit, Suche nach der eigenen Identität und dem Sinn des Lebens geprägten Lebensphase erschüttert sie eine Verlusterfahrung stark“, sagt Reinke-Westerholz. Viele verlören in dieser Phase ihr Selbstbewusstsein. Die Begleitung der Trauer bei Jugendlichen müsse zudem flexibel angeboten werden. „Möglichst niedrigschwellig und mit der Einladung, Freund oder Freundin mitzubringen“, meint Brenner.

Trauerbegleitung ist keine Therapie

Das Löwenzahn-Zentrum ist mittlerweile eine feste Institution über den Stadtteil hinaus geworden. Die Mitarbeiter arbeiten eng mit Kinderärzten, Ergotherapeuten, Kindertagesstätten und auch Schulen zusammen. „Wichtig ist, dass wir Trauerbegleitung anbieten, keine Therapie“, betont Reinke-Westerholz. In erster Linie geht es in den bunten Räumen an der Podbi um den Austausch und darum, dass „sich hier Kinder treffen, die das Gleiche erlebt haben“, sagt Brenner. Die meisten der Jungen und Mädchen haben ein Elternteil verloren, manchmal auch ein Geschwisterkind. „Auch Scheidungskinder können traumatisiert sein, aber wir beschäftigen uns ausschließlich mit der Trauer in Zusammenhang mit dem Tod“, sagt die Leiterin.

Die jüngsten Kinder bei Löwenzahn sind vier Jahre alt, die ältesten derzeit Anfang 20. In Kleingruppen wird erzählt, geschwiegen, gespielt, gebastelt, geweint - aber auch viel gelacht. „Trauer ist weder ansteckend noch durchgängig belastend“, erläutert Reinke-Westerholz. Oft hätten die Kinder auch sehr viel Spaß miteinander. Neben einem Gruppen- und Werkraum gibt es das sogenannte Wutzimmer, in dem die Besucher auch körperlich Wut und Trauer herauslassen können. „Viele Kinder haben etwa bei einer Krebserkrankung eines Elternteils jahrelange Erfahrung mit dem Kranksein und drohendem Verlust“, sagt Brenner. Diese Kinder müssten schon früh Verantwortung übernehmen. „Das übersteigt oft ihre Kräfte.“ Sie sollen an der Podbi erfahren, dass sie trauern, aber auch lachen dürfen. Und beides mit ihrer Umgebung teilen können. „Die Trauer muss aus der Tabuzone heraus“, formuliert es Reinke-Westernholz.

Voraussetzung bei Löwenzahn ist, dass die Kinder freiwillig kommen - und das, so lange sie wollen. „Manche melden sich auch erst Jahre nach dem Todesfall“, betont die Pädagogin. Irgendwann wollten die Mitarbeiter die Jungen und Mädchen aber auch „ins Leben entlassen“. „Sie sollen nicht von Löwenzahn abhängig sein, sondern hier Rüstzeug für das weitere Leben bekommen“, erklärt Brenner den Ansatz der Einrichtung. Die Bastelarbeit des kleinen Halbwaisen stellt einen ersten Schritt auf diesem Weg dar.

Sechs Mitarbeiter und 15 Ehrenamtliche sind mittlerweile bei Löwenzahn aktiv. Eine Stelle finanziert die Stadt, der Rest wird durch Spenden bestritten. Am Sonnabend, 27. Juni, lädt die Einrichtung an der Podbielskistraße 311 von 10 bis 16 Uhr zu einem Tag der offenen Tür ein. Das Büro ist dienstags bis donnerstags von 10 bis 13 Uhr sowie von 15 bis 17 Uhr geöffnet. Zu erreichen ist das Trauerzentrum auch unter Telefon 70 03 22 78 und per E-Mail an info@ loewenzahn-trauerzentrum.de.

Von Susanna Bauch

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