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Ost Letzte Familienvideothek in der Stadt schließt
Hannover Aus den Stadtteilen Ost Letzte Familienvideothek in der Stadt schließt
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00:19 11.06.2018
„Es rechnet sich nicht mehr“: Evgenia Ladwig schließt das Vahrenwalder Video-Eck am 17. Juni. Quelle: Foto: Röhrbein
Vahrenwald

Mit dem Vahrenwalder Video-Eck schließt Hannovers letzte Stadtteilvideothek. „Es rechnet sich einfach nicht mehr“, sagt Betreiberin Evgenia Ladwig. Seit 2013 hat sie den Laden an der Kriegerstraße in Eigenregie geführt. Seit Mitte 2014 nahm die Zahl der Kunden kontinuierlich ab, am 17. Juni ist nun endgültig Schluss. Bis zum 29. Juni muss Ladwig das Eckgeschäft geräumt haben.

Anfang der Nullerjahre gab es noch Dutzende Videotheken in der Stadt, bis auf zwei sind sie alle verschwunden. Ende 2016 hat die Empire-Videothek in Döhren geschlossen, parallel gab mit der Cinebank Hannover 24 an der Hildesheimer Straße die letzte verbliebene Automaten-Leihe auf. Wenige Monate zuvor war Räumungsverkauf in der letzten Video-Buster-Filiale an der Davenstedter Straße in Linden.

Nur Videoland hat überlebt

Wenn Ladwig schließt, gibt es Leihvideos nur noch bei Videoland in der City. Betreiber Dieter Kiedrowski, seit 1993 am Raschplatz ansässig, hat 2017 kleinere Räume bezogen. Statt auf 600 Quadratmetern am Ende der Niki-de-Saint-Phalle-Promenade verleiht er Filme nun nahe der Stadtbahnhaltestelle am Raschplatz – auf rund 200 Quadratmetern.

Als Hauptgrund für das Video­thekensterben nennt der Branchenverband IVD illegale Streaming-Seiten im Internet. Der Aufstieg von Onlinevideotheken und Streamingdiensten wie Netflix und Amazon Prime Video hat die Situation zusätzlich verschärft.

Videoeck-Chefin Ladwig hatte angesichts der ausbleibenden Kunden mehrfach überlegt, zu schließen – und es dann doch wieder verworfen. Der Paketschalter, den sie parallel betrieb, warf etwas Geld ab, und zudem wollte sie ihren Hund Dexter, einen Riesenschnauzer, um sich haben. „Das geht bei den meisten Bürojobs nicht.“ Als sie sich zuletzt aber Geld bei Verwandten leihen musste, gab sie auf. „Ganz ehrlich“, sagt die 37-Jährige, „richtig traurig werden nur 20 Leute sein, die regelmäßig zu mir gekommen sind.“ Früher habe sie an Sonnabenden 150 Filme verliehen, erinnert sich die Vahrenwalderin, die nach dem Philosophie- und Soziologiestudium in mehreren Videotheken gejobbt hat, ehe sie selbst eine übernahm. „Alle wollen heute nur noch das Neueste sehen“, ergänzt Ladwig, „die Kosten für die teuren Filme spiele ich mit 20 Ausleihen aber nicht ein.“

Nun hofft die Video-Eck-Chefin, bis zum 17. Juni noch möglichst viele ihrer weit über Tausend Filme zu verkaufen. Drei DVDs gibt es jetzt für 10 Euro, drei Blu-Rays kosten 15 Euro. Auch Stammkunde Thomas stöbert in den halb leeren Regalen. „Das ist sehr schade, dass sie schließt“, sagt der stämmige Mann, auf dessen Bikerweste das Logo der Rocker-Serie „Sons of Anarchy“ prangt. Auch der 31-jährige Gökhan, dessen Freundin eine „Das weiße Band“-DVD gefunden hat, lässt seinen Blick durch die Räume schweifen. Als er das Poster zum Film an der Wand entdeckt, fragt er Ladwig, ob er es mitnehmen dürfe. „Klar, wenn du es selbst abhängst“, entgegnet die Videoeck-Chefin – und holt eine Leiter. „Was macht man nicht alles für die Liebe“, sagt Gökhan, während er vorsichtig das Poster von der Wand holt.

Kommentar: Video steht für Vergangenheit

Mit dem Vahrenwalder Video-Eck verschwindet auch ein Stück Tradition aus dem Stadtteil. Über viele Jahre konnten sich hier Kunden aller Altersstufen Filme ausleihen. Ein eigener Eingang war dem Material für Volljährige vorbehalten, ansonsten stand in den Regalen vieles, was schon auf den Kinoleinwänden Kassenschlager war. Filme, die für ein gelungenes Wochenende standen. Aber das Geschäft läuft nicht mehr. Netflix, Amazon Prime und Streamingdienste machen den Videotheken schon lange Konkurrenz.

Das Image der Eckläden mit Filmverleih ist zudem verstaubt, aber vor allem für Kinder waren die mit Filmen beladenen Gänge dennoch ein Paradies. Das Aus des Video-Ecks ist zwar schlicht das Resultat von Angebot und nachlassender Nachfrage, doch wieder verschwindet damit ein inhabergeführtes Geschäft aus dem Stadtteil. Und Generationen sitzen nicht mehr – bestenfalls gemeinsam – vor dem Fernseher, sondern schauen sich Filme und Serien auf dem Smartphone an. Wer hätte vor ein paar Jahren schon gedacht, dass dem Video- und TV-Konsum einmal nachgetrauert wird? Auch Blue Ray hat die Branche nicht retten können, Video steht für Vergangenheit. Und nicht alle blicken gern zurück. Bleibt zu hoffen, dass in Zukunft am Vahrenwalder Platz ein Ladenlokal den Stadtteil bereichert, das keine gesichtslose Kette beherbergt.

Von Karsten Röhrbein

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