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Kult-Musikkeller steht vor dem Aus

Oststadt Kult-Musikkeller steht vor dem Aus

In den Proberäumen unter dem ehemaligen „Universum Kino“ an der Lister Meile übten seit den Siebzigerjahren unzählige namhafte und erfolglose Bands. Jetzt soll Schluss sein: Die Stadt hat festgestellt, dass keine ordentliche Genehmigung vorliegt.

Hannover. In diesem feuchten, schräbbeligen Keller wurde Rockmusik-Geschichte geschrieben. Bereits in den Siebzigerjahren muckten einflussreiche Bands wie Epitaph in den Proberäumen unter dem ehemaligen „Universum Kino“. Seitdem haben unzählige namenhafte und erfolglose Musiker und Bands den Kult-Keller im Hinterhof des Grundstücks Lister Meile 35 bespielt. An die Wände gekritzelte Bandnamen und Sticker zeugen von dieser bewegten Geschichte. Nun droht dem in der Szene beliebten Keller das Aus. Nach jahrzehntelanger Nutzung stellte das Bauamt jetzt fest, dass für die Nutzung als Proberaum keine ordentliche Genehmigung vorliegt. Dem Vermieter drohen nun Bußgeldzahlungen, den Musikern der Verlust einer günstig gelegenen Übungsmöglichkeit.

„Es ist eine Schande, wie die Verwaltung der Music City Hannover mit dem Musikkeller zu verfahren gedenkt“, ärgert sich Frank Böttcher. Für den Eigentümer und Vermieter der Proberäume steht nach eigener Aussage nicht weniger als seine Existenz auf dem Spiel, wenn das Bauamt bei der für ihn fatalen Einschätzung bleibt. Böttcher hatte den Proberaum 2001 als Mitglied einer Eigentümergemeinschaft erworben. Hohe Umlagekosten aus Sanierungsmaßnahmen und Umbauten für das Gesamtgrundstück führten dazu, dass sein Anteil, der Keller, 2014 zwangsversteigert wurde. Seitdem gehen die Mieten direkt an die Sparkasse. Im Zuge der Zwangsversteigerung und durch Lärmbeschwerden „mehrerer Nachbarn“ geriet der kultige Keller auf das Radar des Bauamts. Und es stellte fest: Das Musikmachen im Keller ist unzulässig, weil die zulässige Geschossflächenanzahl durch die Nutzung überstiegen wird.

„Seit 2001 gab es eine mündliche Duldungszusage, von der jetzt niemand mehr etwas wissen will“, ärgert sich Böttcher. „Das ergibt sich aus den vorliegenden Unterlagen nicht“, erklärt Stadtsprecher Dennis Dix auf Anfrage dieser Zeitung. Böttcher vermutet, dass einige Miteigentümer der anliegenden Wohnungen den Musikertreffpunkt von ihrem Hinterhof vertreiben wollen.

In der Vergangenheit habe es Streit wegen der Lautstärke gegeben, bestätigt der Besitzer eines darüber liegenden Secondhand-Kaufhauses. „Seitdem herrscht aber ab 22 Uhr Ruhe“, bescheinigt Wolfgang Grieger den Musikern eine angemessene Rücksichtnahme. Auch die Stadt zeigt sich verhandlungsbereit. „Der Erhalt eines solchen Raums mit längerer Nutzungshistorie wäre grundsätzlich zu begrüßen“, signalisiert Dix. Man sei „ungeachtet der geschilderten gegenwärtigen Rechtslage“, zu Gesprächen mit dem Vermieter bereit. Die Voraussetzung dazu sei allerdings, dass die Belange der Nachbarschaft dabei berücksichtigt werden.

Aktuell nutzen besonders Musiker und Bands der Hochschule für Musik die Räume, die in Szenekreisen wegen der verhältnismäßig günstigen Mieten und der zentralen Lage beliebt sind. „Ich kenne den Keller schon, seit ich ein kleiner Steppke bin“, erzählt Mark Harre von der Band Sound Discount. Fury-Drummer Kristof Hinz brachte ihm hier Schlagzeugspielen bei. 150 Euro zahlt die Band hier im Monat. „Anderswo sind es mehr als 300 Euro“, weiß Harre. Die drohende Kündigung können die Musiker nicht nachvollziehen. „Wir machen hier nur Musik und keine Partys“, ärgert sich Harre.

Den Kampf um den Keller will Vermieter Böttcher trotz vieler Rückschläge nicht aufgeben. Gegen die Nutzungsuntersagung durch das Bauamt will er vor dem Verwaltungsgericht kämpfen. In der vergangenen Woche wurde sein Antrag auf Prozesskostenbeihilfe abgelehnt. Keine Aussicht auf Erfolg lautet die Begründung. Böttcher will sich davon nicht unterkriegen lassen. Nicht in der Music City Hannover.

Von Mario Moers

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