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Kultur und Kaufhaus in der zweiten Reihe

Oststadt Kultur und Kaufhaus in der zweiten Reihe

Der Weg in die Hinterhäuser an der Lister Meile lohnen sich. Dort bietet Olaf Gallus mit World of Arts Raum für Bewegung und Kultur an. Wolfgang Grieger betreibt seit einem Jahr sein Kaufhaus König.

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„Aber das Industrie-Design hat was." Olaf Gallus in seinem Reich, einer ehemaligen Schlosserei im Hinterhof an der Lister Meile.

Quelle: Schaarschmidt

Oststadt. Der Durchgang ist reichlich unscheinbar. Eine schlichte Toreinfahrt, hinter der sich allerdings ein pralles Eigenleben entfaltet. Im zweiten Hinterhaus der Lister Meile 33 residiert das World of Arts, „Raum für Bewegung und Kultur.“ Tai-Chi-Experte Olaf Gallus vermietet die Räume einer ehemaligen Schlosserei an verschiedene Gruppen. „Der morbide Charme hier ist nicht für jeden etwas“, sagt der 60-jährige studierte Lehrer. „Aber das Industrie-Design hat was.“

World of Arts teilt sich in zwei Räume, der Eingangsbereich mit kleiner Küche lässt sich mit Vorhängen abteilen. Es gibt Tisch und Stühle, eine kleine Bühne und jede Menge Raum für Fantasie. „Kulturelle Veranstaltungen passen hier gut rein, klassisches Ballett, orientalischer Tanz, innere Kampfkunst (Chinese Boxing), Chorgesang, Capoeira und Selbstverteidigung für Kinder oder Yoga und Qigong“, sagt Gallus.

Seit zehn Jahren gehört der zweite Hinterhof der Kultur, den kleinen Gruppen und kreativen Köpfen. Gerade hat Kathrin Schröder einen Raum gemietet für ihr Kanga-Projekt. „Das ist Bewegung für Mütter mit - schlafenden - Babies vorm Bauch“, sagt die Workout-Expertin. Und am Wochenende wird der zweite Raum, der sogenannte Ballettsaal mit Stange, bodentiefen Fenstern und Riesenspiegel, regelmäßig von einer Lehrerin gebucht, die russischen Kindern Standardtänze beibringt. „Die kommen jede Woche piekfein in Kleid und mit Schlips und Kragen hierher zum Schritte üben“, sagt Gallus. Andere üben im Ballettsaal chinesisches Boxen oder Heilgymnastik. Und manchmal kommt auch nur ein einziges Pärchen zum Tango tanzen.

Die freien Zeiten hängen an einem Stundenplan an der Pinnwand im Eingangsbereich. Die Zeitfenster sind fast komplett belegt, die Räume sind offenbar begehrt, sie werden stundenweise vermietet. Sowohl für den Spiegelsaal als auch für den Bühnenraum beträgt die Miete bis 12 Uhr 15 Euro pro Stunde. Die Zeit zwischen 12 und 18 Uhr kostet 13,50 Euro und ab 18 Uhr 18,50 Euro pro Stunde. An Wochenenden ist der Mietpreis Verhandlungssache, da ist Gallus spontan. „Eine Goldgrube ist das hier nicht, aber es macht Spaß und ist abwechslungsreich.“

Auch ein Chor probt regelmäßig in zweiter Reihe, dafür werden sogar Klavier und Orgel im Hinterhaus verstaut. Mondäner möchte es Gallus auch gar nicht. Und der Vermieter hat offensichtlich kein Interesse daran, das Hinterhaus aufzumöbeln. „Das ist eine subkulturfreundliche Angelegenheit hier.“ Gallus hat eigentlich Sport studiert und sich dann immer mehr der asiatischen Kampfkunst verschrieben. Der Gesundheitsaspekt spielt für ihn dabei durchaus eine Rolle. „Man muss jederzeit etwas für sich tun können, auch beim Zähneputzen.“

Im Hinterhof nebenan, der Nummer 35, kommt ein anderes Konzept zum Tragen. Hier hat Wolfgang Grieger (25 Music) vor einem Jahr sein Kaufhaus König eröffnet. 630 Holzregale stehen in der Hinterhof-Halle. Sie können gegen eine Gebühr von 7 Euro pro Woche ganz individuell bestückt werden. „Jeder kann verkaufen, was er mag“, sagt Grieger. Alles außer Lebensmittel, Waffen, Pornos und Military-Artikel. Jeder Verkäufer bekommt eine Nummer, wertvollere Dinge werden sogar gegen Diebstahl gesichert, auf jedem Artikel steht der Preis. Mit dem ersten Jahr ist Grieger zufrieden. „Wir verkaufen viel mehr als gedacht, rund 400 Artikel pro Tag gehen durch die Kasse.“ Das Team im Hinterhof 35 hat die Fläche daher auch erweitert, mittlerweile gibt es einen speziellen Bereich für Kleidung. Im Eingang ist ein Café geplant, die Vintage-Möbel dafür hat Grieger schon besorgt. Manchmal werden an der Meile sogar ganze Hausstände zum Kauf geboten, „da sind dann auch mal echte Liebhaberstücke dabei“, sagt der 53-Jährige.

Zuvor hatte die Hinterhof-Immobilie lange leer gestanden. Wenn es nach Grieger geht, der sich mit seinem königlichen Kaufhaus der besonderen Art einen Traum erfüllt hat, läuft der Laden noch die nächsten 30 Jahre. „Ein paar mehr Verkäufer wären uns noch recht, dann wechselt das Sortiment auch öfter“, wirbt Grieger für das Geschäft. Viele Stammkunden kommen dennoch fast täglich, und auch sie entdecken immer wieder etwas Interessantes zwischen all den vielen, oft kleinen Dingen. „Der Weg in die zweite Reihe lohnt definitiv“, betont der Kaufhaus-König.

Einen Hinterhof weiter Richtung Lister Platz gibt es übrigens auch noch Leben hinter der Lister Meile. Allerdings ist das eher eine Privatsache: Dort wohnt der Juniorchef der Buchhandlung Leuenhagen und Paris - sozusagen einen Katzensprung vom Arbeitsplatz entfernt.

von Susanna Bauch

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Ein Spaziergang durch die Oststadt

Zwischen Mitte und List führt die Oststadt in Hannover ein wenig ein Schattendasein. Dabei gibt es in dem Viertel viel zu entdecken: Ein Streifzug zu den schönsten Plätzen des Stadtteils.

Oststadt in Zahlen
  • Stadtbezirk : Mitte, 1. Stadtbezirk in Hannover
  • Stadtteile: Mitte, Calenberger Neustadt, Oststadt, Zoo
  • Einwohner: Im Stadtbezirk ca. 34.040 Einwohner
  • Einwohner je Stadtteil: Mitte (9.418 Einwohner), Calenberger Neustadt 6.556 (Einwohner), Oststadt (13.695 Einwohner), Zoo (4.371 Einwohner)
  • Bevölkerungsdichte : 3.167 Einwohner je km²
  • Postleitzahl : 30159, 30161, 30167, 30169, 30175
  • Geschichte: Der westliche Teil der Oststadt in Hannover ist durch den Wohnungsbau in den 1950er Jahren geprägt, nachdem der Teil im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde. In ihrem Entstehungszeitraum im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert war die Oststadt ein geschlossenes Siedlungsgebiet.