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Loft-Wohnung wird zum Kinosaal

Oststadt Loft-Wohnung wird zum Kinosaal

Einmal im Monat lädt Kulturwissenschaftler Peter Struck in seine Loft-Wohnung in der Kronenstraße ein, die dann zum Kinosaal mit dem Namen "Kronen Sieben" wird. Gezeigt werden in der Regel Kurzfilme

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Die eigene offene Küche als Bar: Bei Peter Strucks Kinoabenden sind die Grenzen zwischen privat und öffentlich fließend.

Quelle: Michael Wallmueller

Oststadt. Ein Kino wollte Peter Struck schon immer haben. „Nur habe ich mir das eigentlich anders vorgestellt“, sagt der 48-jährige Kulturwissenschaftler und lacht. Denn Struck lebt in seinem Kino, dem „Kronen Sieben“ in der Kronenstraße. Seit knapp neun Jahren öffnet er seine Loft-Wohnung an jedem siebten Tag im Monat für einen Filmabend mit Fremden. 50 Menschen haben Platz, jedes Mal gibt es bis zu sieben Kurzfilme zu sehen.

Dieses Mal lautet das Thema beim „Kurzfilmfest“ sogar ein Wochenende lang „Filme, die die Welt nicht braucht“. Wer einen Beamer, Hollywood-Action und eine ploppende Popcornmaschine erwartet, liegt falsch. Strucks „Kronen Sieben“ strahlt eine Mischung aus Industrie-Chic und altem Kino aus. An den verputzten Wänden erkennt man noch die Struktur der Backsteine dahinter, der gegossene Boden hat ein paar Macken. Seine offene Küche hat Struck zur Bar umfunktioniert. Die Mitte des Raumes dominieren drei Reihen Holzstühle. Sie sehen aus wie alte Kinosessel, Struck hat sie allerdings einem Sportverein abgekauft. In einer Ecke steht ein Projektor, der knattert, während er einen 16-Millimeter-Schmalspurfilm abspielt.

Als erstes zeigt Struck den etwa 25 Zuschauern an diesem Abend einen Schwarz-Weiß-Film, in dem eine Krankenschwester einer Schulklasse erklärt, wie Erste Hilfe funktioniert. Das Publikum lacht. Aus heutiger Sicht wirkt es komisch, wie die Frau auf der Leinwand mit einem lautem Klicken Dias weiterschaltet und die Schüler ihr alle Anweisungen nachsprechen müssen. Es folgen ein Trickfilm aus den späten Sechzigern, der die Atomenergie in Form von Superhelden darstellt, die Innen- und Außenansicht einer geröntgten Schulter und eine Dokumentation über Foltergeräte. Fast alle von Strucks Filmen sind Lehrfilme aus dem Dreißiger- bis Achtzigerjahren. Früher wurden sie in Schulen oder Universitäten eingesetzt, heute in Strucks 101-Quadratmeter-Loft. Im „Kronen Sieben“ geht es nicht um Kommerz, sondern um Kunst. Schließlich sind die Kurzfilme Originaldokumente längst vergangener Jahrzehnte.

Seine Begeisterung für Filme wurde Struck quasi in die Wiege gelegt - er wurde fast in einem Kino geboren. Mitten in einer Vorstellung platzte seiner Mutter die Fruchtblase. Sie schaffte es dann aber doch noch ins Krankenhaus. „Manche Filme sind mir heilig“, sagt Struck 48 Jahre später über seine Sammlung. Rund 500 Filmrollen liegen in seinem Keller. Struck erhält sie, ebenso wie manche seiner Projektoren, als Dauerleihgabe von den Landesmedienanstalten.

Dort lernte er auch Thomas Garzke kennen. Der 67-Jährige arbeitete bis zu seiner Rente in einer Landesmedienstelle und sortierte den Fundus an Filmrollen aus. Seit es das „Kronen Sieben“ gibt, ist Garzke der Vorführer. Auch an diesem Abend kümmert er sich darum, dass die Technik reibungslos funktioniert. „Ich bin schon bestimmt seit 100 Jahren süchtig nach Filmen“, sagt er und grinst. Besonders Kurzfilme haben es ihm angetan. „Die starten im Gegensatz zum Spielfilm gleich durch und verbrauchen sich nicht.“ Weiter vorne sitzen Barbara Riedel und Ursula Struck, Peter Strucks Mutter. Auf dem Tisch vor ihnen stehen zwei Gläser Rotwein. „Die Atmosphäre ist sehr locker, und das Konzept ist ausgefallen“, sagt die 69-jährige Riedel. „Hier sieht man häufig Filme aus Zeiten, die wir live erlebt haben“, fügt die 72-jährige Struck hinzu.

Im Publikum finden sich aber nicht nur Verwandte und Freunde. Neben dem harten Kern kommen auch immer wieder neue Interessenten zu den Vorstellungen. „Ich habe keine Berührungsängste“, sagt Struck. Doch er gibt zu: „Eine Ecke mit einem gemütlichen Sofa für mich zu haben, das fehlt mir.“ Bücherregale schirmen den etwa zehn Quadratmeter großen Bereich ab, in dem Strucks Bett und DVD-Sammlung stehen. Seine Loft-Wohnung ist zugleich sein Büro. Hier bereitet sich der Kulturwissenschaftler, der sein Geld mit unterschiedlichen Aufträgen verdient, auf Vorträge in Museen und der Hochschule Hannover vor, plant Exkursionen - und die Kinoabende. Vor den Filmvorführungen muss er sich nicht nur ein Programm überlegen, sondern auch Klappstühle aufstellen und private Sachen wegräumen. Nur die hölzernen Kinostühle sind fest im Boden verschraubt. „Hier gucke ich mir auch manchmal privat einen Film an - oder nutze sie als Kleiderständer“, sagt Struck und lacht. Der Traum von eigenen Kino ist eben mit ein paar Einschränkungen verbunden.

Die nächsten Vorstellungen: Am Montag, 7. März, geht es um das Thema „Kulturhauptstadt Europas - Bilder aus Berlin“. Künstlerisch wird es am Donnerstag, 7. April, beim Abend mit dem Titel „Vor der Kamera - Traumberuf Schauspieler“. Beginn ist beide Male um 20 Uhr im „Kronen Sieben“, Kronenstraße 7. Der Eintritt kostet jeweils 7 Euro.

Von Sarah Franke

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Ein Spaziergang durch die Oststadt

Zwischen Mitte und List führt die Oststadt in Hannover ein wenig ein Schattendasein. Dabei gibt es in dem Viertel viel zu entdecken: Ein Streifzug zu den schönsten Plätzen des Stadtteils.

Oststadt in Zahlen
  • Stadtbezirk : Mitte, 1. Stadtbezirk in Hannover
  • Stadtteile: Mitte, Calenberger Neustadt, Oststadt, Zoo
  • Einwohner: Im Stadtbezirk ca. 34.040 Einwohner
  • Einwohner je Stadtteil: Mitte (9.418 Einwohner), Calenberger Neustadt 6.556 (Einwohner), Oststadt (13.695 Einwohner), Zoo (4.371 Einwohner)
  • Bevölkerungsdichte : 3.167 Einwohner je km²
  • Postleitzahl : 30159, 30161, 30167, 30169, 30175
  • Geschichte: Der westliche Teil der Oststadt in Hannover ist durch den Wohnungsbau in den 1950er Jahren geprägt, nachdem der Teil im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde. In ihrem Entstehungszeitraum im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert war die Oststadt ein geschlossenes Siedlungsgebiet.