Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Verein Waage löst seit 25 Jahren Konflikte

Oststadt Verein Waage löst seit 25 Jahren Konflikte

Sie helfen, wenn sich andere nicht mehr zu helfen wissen: Die Mitarbeiter des Vereins Waage vermitteln bei Nachbarschaftsstreitigkeiten und anderen Delikten, die sich außergerichtlich klären lassen

Voriger Artikel
Investor springt wieder ab
Nächster Artikel
Hat der Weißekreuzplatz ein Rattenproblem?

Kompetentes Team: Anja Moch, Doro Wahner, Frauke Petzold, Sandra Wald-Böhnemann (v. li).

Quelle: (Foto: Katrin Kutter)

Oststadt. Auf den ersten Blick war es keine große Sache. Ein Mann wartet an einer Bushaltestelle, als der Mitarbeiter eines Abfallentsorgungsbetriebes die Mülleimer leeren will. Der Fahrgast steht ihm dabei im Weg, barsch wird er des Ortes verwiesen, sogar ein wenig geschubst. „Bitte seien Sie vorsichtig, ich bin blind“, sagt der Mann an der Haltestelle. „Klar doch“, entgegnet der Müllmann frech und räumt das Feld - ohne Einsicht. Der Vorfall hat den sehbehinderten Mann ziemlich aus der Bahn geworfen. Passanten rieten ihm, sich an die Polizei zu wenden.

So kam es auch, aber zu einem Verfahren kam es nicht. Das verhinderten die Mediatoren des Vereins Waage, der in diesem Jahr in neuen Räumen an der Friesenstraße sein 25. Jubiläum feiert. „Die Männer haben beide bei uns das Gespräch gesucht, gefunden und sind gestärkt wieder auseinander gegangen“, sagt Mediatorin Doro Wahner aus der Geschäftsführung des Vereins. „Natürlich gehen hier nicht alle friedlich auseinander. Aber die meisten.“ Denn wer einmal den Weg zur Waage gefunden habe, zeige Willen und Bereitschaft. „Und das ist eine der Grundvoraussetzung für eine Konfliktlösung“, sagt Wahner. Von 100 Betroffenen, die etwa die Staatsanwaltschaft dem Team zuweist, seien im Schnitt 20 nicht erreichbar, weitere 20 lehnten ein Gespräch ab. „Von den anderen 60, die dann kommen, haben sich 57 verständigt.“

Grundsätzlich steht der Verein allen Bürgern offen, wenngleich eine Vielzahl der Fälle von der Staatsanwaltschaft zugewiesen wird. Dazu kommen eskalierende Sorgerechtsstreitigkeiten, bei denen etwa das Jugendamt auf die Mediatoren verweist. „Aber auch ganz private Konflikte und nachbarschaftliche Streitfälle sind hier an der Tagesordnung“, betont Wahner. Insgesamt seien im Jahr 2014 etwa 550 Fälle begleitet worden. „Das Wichtigste ist, dass die Menschen, die zu uns kommen, eigenverantwortlich ihren Streit beilegen wollen. Wir geben keine Tipps, sondern helfen vielmehr, dass die Konfliktparteien gemeinsam ihre eigenen Lösungen finden.“ Doro Wahner sieht Freiwilligkeit und innere Kooperationsbereitschaft als wichtige Voraussetzung für den Erfolg eines Treffens. „Außerdem sollte man versuchen, die Sicht des anderen zu begreifen, um herauszufinden, was hinter einem Konflikt steckt.“ Gehe es etwa um einen Nachbarschaftsstreit, sei es gut, diesen nicht komplett eskalieren zu lassen, bevor der Mediator aufgesucht wird. Wer erfährt, wie der andere sich fühlt, komme einer Lösung oft schneller näher. „Und natürlich gibt es auch Fälle, da geht nichts mehr. Da hilft nur der Wohnungswechsel - oder aber man kann den Konflikt aushalten.“

Dass sich ein Problem in Luft auflöst, ist indes nach Ansicht des Waage-Teams nicht möglich. „Also muss ein Weg gefunden werden, der neutrale Rahmen bei uns ist da eine gute Voraussetzung, rein atmosphärisch“erklärt Wahner. Die Mediatoren führen zunächst Einzelgespräche, bevor sie sich mit den Parteien an einen Tisch setzen. „Ein Perspektivwechsel ist ein klarer Gewinn“, sagt Wahner. Im Verein treffen sich die Konfliktparteien auf Augenhöhe.

Rund 11 000 Fälle wurden in den vergangenen 25 Jahren vom Verein Waage begleitet, seit 2012 gibt es zudem ein Projekt zu interkultureller Kompetenz. Oft ist die Arbeit der Mediatoren ein Prozess, der einige Zeit in Anspruch nimmt. „Viele Paare reden bei uns das erste Mal wieder richtig miteinander, wir geben ihnen die Zeit dafür“, betont Geschäftsführer Lutz Netzig. Konkrete Lösungsvorschläge geben die Mediatoren nicht. „Aber wir passen schon auf, das niemand über den Tisch gezogen wird, dass ein Fall in der Waage bleibt“, sagt Wahner. Neben dem Handwerkszeug eines Mediators wie Gesprächsführung sei es wichtig, überparteilich zu agieren und „darauf zu vertrauen, dass es funktioniert“, betont die Mediatorin. Die Bandbreite der einzelnen Fälle sei im Laufe der Jahre immer größer geworden - von häuslicher Gewalt über Sachbeschädigung und Beleidigung bis zu Erpressung oder Raub werde alles besprochen. „Wir wollen auch vermitteln, dass Konflikte nicht ausgehalten werden müssen, sondern gelöst werden können“, betont Wahner. Menschen könnten nicht unbedingt verändert, aber verstanden werden. „Dass sie handlungsfähig bleiben ist besonders wichtig.“

Der Zuzug der vielen Flüchtlinge vor allem in diesem Jahr hat den Verein auch bereits beschäftigt. Bei einem Fall ging es um Anwohner, die Probleme mit dem Lärm der spielenden Kinder dreier Flüchtlingsfamilien hatten. „Wir haben noch ein Gespräch, aber die Bereitschaft, den Konflikt zu lösen, ist bei beiden Seiten eindeutig vorhanden“, meint Doro Wahner zuversichtlich. Vermutlich wird das klärende Gespräch daher der Anfang eines friedlichen Miteinanders sein.

Von Susanna Bauch

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Oststadt
Ein Spaziergang durch die Oststadt

Zwischen Mitte und List führt die Oststadt in Hannover ein wenig ein Schattendasein. Dabei gibt es in dem Viertel viel zu entdecken: Ein Streifzug zu den schönsten Plätzen des Stadtteils.

Oststadt in Zahlen
  • Stadtbezirk : Mitte, 1. Stadtbezirk in Hannover
  • Stadtteile: Mitte, Calenberger Neustadt, Oststadt, Zoo
  • Einwohner: Im Stadtbezirk ca. 34.040 Einwohner
  • Einwohner je Stadtteil: Mitte (9.418 Einwohner), Calenberger Neustadt 6.556 (Einwohner), Oststadt (13.695 Einwohner), Zoo (4.371 Einwohner)
  • Bevölkerungsdichte : 3.167 Einwohner je km²
  • Postleitzahl : 30159, 30161, 30167, 30169, 30175
  • Geschichte: Der westliche Teil der Oststadt in Hannover ist durch den Wohnungsbau in den 1950er Jahren geprägt, nachdem der Teil im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde. In ihrem Entstehungszeitraum im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert war die Oststadt ein geschlossenes Siedlungsgebiet.