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So funktioniert Schule mit 90 Prozent Ausländeranteil

Peter-Ustinov-Schule So funktioniert Schule mit 90 Prozent Ausländeranteil

An der Peter-Ustinov-Schule zeigt sich, welche Schwierigkeiten "Bevölkerungsvielfalt" an der Schule mit sich bringen kann. Fast alle Schüler haben einen Migrationshintergrund, viele sprechen kaum oder kein Deutsch und sie befinden sich auf ganz unterschiedlichen Lernniveaus. Vorgegebene Curricula sind hier nicht einzuhalten.

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An der Peter-Ustinov-Schule kommen die Schüler von überall her. Doris Schröder-Köpf hat sie besucht.

Quelle: Frank Wilde

Hannover. "Bevölkerungsvielfalt“ ist das Stichwort. „Bevölkerungsvielfalt“, das hat das Statistische Bundesamt unlängst ausgerechnet, prägt deutsche Schulen wie nie zuvor. Jeder dritte Schüler hat heute einen Migrationshintergrund. Aber was bedeutet es, wenn sich in einer Klasse Flüchtlingskinder mit Kindern von Arbeitsmigranten aus Osteuropa mischen - mit Kindern, die teilweise nie eine Schule besucht haben, die Analphabeten sind? Wenn dazu noch ausländische Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommen, aus bildungsfernen Schichten und Kinder mit Förderbedarf in Deutsch?

Die Integrationsbeauftragte des Landes Niedersachsen, Doris Schröder-Köpf, hat am Mittwoch die Peter-Ustinov-Schule in Hannover-Ricklingen besucht, eine Oberschule, die von solchen Strukturen geprägt ist. 90 Prozent der Kinder sind hier Ausländer, kommen aus Bulgarien, Rumänien, Griechenland, der Türkei, Syrien oder dem Irak - und befinden sich auf sehr unterschiedlichen Lernniveaus. Man sehe hier, was es bedeute, in Klassen zu unterrichten, in denen es keinen Korridor der Normalität mehr gebe, in denen jedes Kind einen anderen Bildungshintergrund mitbringe, sagte Schröder-Köpf. „Die Lehrkräfte, die hier unterrichten, sind Helden.“

Schüler bleiben weg

Es mache kaum noch Sinn, zu versuchen, in solchen Klassen vorgegebene Curricula einzuhalten, sagte Schulleiterin Karin Haller am Mittwoch. Zu viele Kinder könnten dem Stoff der Lehrpläne nicht folgen. Die Konsequenz: „Sie verstummen, werden renitent oder bleiben weg.“

Haller forderte das Land auf, darüber nachzudenken, wie man in Schulen wie ihrer kreativer arbeiten könne, losgelöst von inhaltlichen Standards der Lehrpläne. Man könne statt in altershomogenen Klassen in Gruppen auf denselben Niveaustufen unterrichten, sagte Haller. Es gebe auch in derzeitigen Regelklassen bereits eine Vielzahl an Differenzierungsmöglichkeiten, hieß es dazu am Mittwoch aus dem niedersächsischen Kultusministerium. Man habe für konstruktive Vorschläge aber ein offenes Ohr.

Wie schwierig Unterricht in heterogenen Klassen sein kann, konnte Schröder-Köpf am Mittwoch in einer fünften Klasse erleben. Ein deutsches Kind gibt es dort. Es war am Mittwoch krank. Behandelt werden müssten laut Lehrplan Gesellschaftspyramiden im alten Ägypten. Es war überdeutlich: Das ergibt kaum Sinn. Ein 12-jähriger Junge konnte dem hohen Besuch noch etwas über das Thema erzählen, in holprigem Deutsch, aber immerhin. Er ist hier geboren, die Eltern stammen aus Rumänien. Seine Sitznachbarin kam mit ihrer Familie vor neun Monaten aus Bulgarien. Das Wort „Gesellschaftspyramide“ war für sie ein unverständliches Wortungetüm.

Gitarrenmusik baut Brücken

Klassenlehrerin Annett Neudecker hatte deshalb ein anderes Element in ihre Stunde eingebaut. Sie zeigte Aufnahmen von alltagspraktischen Projekten: Tulpenzwiebeln pflanzen im Schulgarten, ein Ausflug zum Schlittschuhfahren. Der Effekt: Die Schüler beteiligten sich angeregt. „Du kannst das Wort Schlittschuhe noch nicht richtig aussprechen, es ist auch schwer“, sagte Schröder-Köpf zu einem Schüler, der den Ausflug ins Eisstadion mit Händen und Füßen beschrieb: „Aber die Sache selbst kannst Du ja.“

Wie sehr nonverbale Methoden helfen, erwies sich noch an anderer Stelle. Die „bunte Gitarrenklasse“ gab Ed Sheerans Hit „Shape of you“ zum Besten. Schülerinnen der 9. Klasse hatten einen Praktikumsbericht in Fotos und einem kleinen Film statt in Schrift festgehalten. „Wir lassen keinen zurück“, sagte Haller: „Aber wir brauchen Hilfe.“

Manche sprechen überhaupt kein Deutsch

Die Peter-Ustinov-Schule ist eine von drei Oberschulen in Hannover, neben ihr gibt es noch die Heisterbergschule und die Pestalozzischule. An der Mini-IGS werden Haupt- und Realschüler unterrichtet. Insgesamt 291 Kinder gibt es hier: Bei rund 90 Prozent von ihnen ist Deutsch nicht die Muttersprache, manche sprechen überhaupt kein Deutsch. Es gibt zwei Sprachlernklassen. 90 Kinder sind in Förderkursen aus dem Programm Bildung und Teilhabe (BuT) untergebracht, Bedarf hätten nach Angaben der Schule 150 Kinder.

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Ricklingen in Zahlen
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  • Einwohner: im Stadtbezirk ca. 43.422
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  • Bevölkerungsdichte : 2.948 Einwohner/km² im Bezirk
  • Postleitzahlen : 30453, 30457, 30459
  • Markantes aus der Geschichte: Im alten bäuerlichen Dorfkern liegt die Edelhofkapelle aus dem 14. Jahrhundert mit Glasmalereien von Charles Crodel (1960). Im Dreißigjährigen Krieg lagerte Tilly im Wrampenhof an der Düsternstraße. Das Dorf Ricklingen wurde 1913 in die damalige Stadt Linden und mit dieser 1920 in die Stadt Hannover eingemeindet.
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