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Café Anna Blume: Hannovers einziger Integrationsbetrieb

Stöcken Café Anna Blume: Hannovers einziger Integrationsbetrieb

Vor einem Jahr hat auf dem Stadtfriedhof Stöcken das Café Anna Blume eröffnet. In einer ehemaligen Leichenhalle. Es beschäftigt drei Mitarbeiterinnen mit und drei Mitarbeiterinnen ohne Handicap und ist damit der einzige Integrationsbetrieb in der Region Hannover.

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Im Café Anna Blume in Stöcken arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung zusammen, so auch Jeanette Wulfes (v. l.), Dunja Karzewsky, Marietta Meine und Vanessa Kruse. Fotos: Schaarschmidt (2)

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Manches hat sich Ute Wrede einfacher vorgestellt, als sie den Anstoß für ihr Café Anna Blume auf dem Stöckener Friedhof gab. Die Innenarchitektin, selbst Mutter einer behinderten Tochter, wollte reguläre Arbeitsplätze für Behinderte mit verminderter Arbeitsleistung schaffen. Das ist gelungen: Der Integrationsbetrieb beschäftigt - abgesehen von Geschäftsführerin Wrede - drei Festangestellte mit und drei ohne Handicap. Dazu kommen sechs Aushilfen, die bei Bedarf einspringen.

Hilfe zu mehr Selbstständigkeit

Kürzlich feierte das Team mit Gästen das einjährige Bestehen des stilvollen Cafés im historischen Gemäuer einer ehemaligen Leichenhalle. Bürgermeister Thomas Hermann fand lobende Worte, die Landesbeauftragte Petra Wontorra hielt einen Vortrag. Denn in der Region Hannover ist Anna Blume bisher der einzige Integrationsbetrieb. Anders als Cafés von Behindertenwerkstätten zählt das kleine Unternehmen zum ersten Arbeitsmarkt und zahlt ortsübliche Löhne.

Kultur und Kuchen auf dem Friedhof

Das Café Anna Blume liegt auf dem Stadtfriedhof Stöcken in einem Flügel des Eingangsportals. Wenn das Wetter es zulässt, wird auch draußen serviert. Es bietet hausgemachte Kuchen, Frühstück, Mittagstisch und Abendbrot sowie gelegentlich Kulturprogramm. Geöffnet ist das Café an der Stöckener Straße 68 dienstags bis sonntags von 10 bis 18.30 Uhr (1. November bis 14. März bis 17 Uhr).

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Für die Mitarbeiterinnen eröffnet ihr Verdienst die Aussicht auf ein selbstständigeres Leben. Marietta Meine sucht seit Kurzem zum ersten Mal nach einer eigenen Wohnung für sich und ihre Schwester. Bisher lebt die 26-Jährige mit erblicher Muskelschwäche bei ihren Eltern, an einen Auszug war nicht zu denken. Die Hauswirtschaftshelferin hat nach ihrer Ausbildung vier Jahre in Arbeitslosigkeit und Beschäftigungsmaßnahmen verbracht. Auf ihre zahlreichen Bewerbungen bekam die junge Frau nur Absagen. „Ehrlich gesagt hatte ich nicht gedacht, noch eine Arbeit zu finden.“

Auch Wrede war anfangs skeptisch, ob die Bewerberin mit Muskeldystrophie der anstrengenden körperlichen Arbeit gewachsen sein würde. „Der Café-Betrieb ist an manchen Tagen sehr stressig, und wir sind ein sehr kleines Team.“ Falle eine Mitarbeiterin häufiger aus, wirke sich das schnell auf alle anderen aus.

Die Geschäftsführerin greift deshalb inzwischen bei jeder Neueinstellung auf die Möglichkeit einer Probebeschäftigung für drei Monate zurück. Die Arbeitsagentur trägt den Lohn. „Es stellt sich schnell heraus, ob eine Bewerberin teamfähig und belastbar genug ist.“

Marietta Meine hat ihr Durchhaltevermögen längst unter Beweis gestellt. Sie packt die Lebensmittellieferungen um, putzt, spült und lernt jetzt auch, ein attraktives Frühstück zusammenzustellen, ohne dass eine auf der Karte angekündigte Komponente fehlt.

Auch Vanessa Kruse und Jeanette Wulfes hatten kaum noch Hoffnung auf eine Anstellung, bis sie im Anna Blume anfingen. „Am Anfang fiel es mir schwer, zu den Gästen zu gehen“, erzählt Vanessa Kruse. Inzwischen arbeitet die 26-Jährige mit Lernschwäche vor allem im Service. Und hofft aus einer Notunterkunft bald in eine eigene Wohnung zu ziehen. „Ich bin sehr erleichtert, dass es für mich endlich aufwärts geht.“

Manche hält es nicht lange

Bei Jeanette Wulfes äußert sich ihre Epilepsie in einer kurzen geistigen Abwesenheit. Für Außenstehende kaum wahrnehmbar, aber anstrengend für sie selbst. Dennoch meistert die 22-Jährige ihre Arbeit sehr gut, betont Betriebsleiterin und Köchin Dunja Karzewsky. Jeanette Wulfes gibt die Arbeit im Team nach und nach etwas mehr Selbstvertrauen. „Ich bin sehr zufrieden, weil ich hier so akzeptiert werde, wie ich bin.“

Dennoch hat das erste Jahr für die Café-Gründerin einige ernüchternde Erfahrungen gebracht. Manche Aushilfen und Festangestellte hielt es nicht lange. „Viele Menschen ohne Handicap glauben, dass ein Café mit behinderten Mitarbeiterinnen einen lässigen Job bietet“, resümiert Initiatorin Ute Wrede. Ähnliche Vorstellungen hegten behinderte Bewerberinnen. „Einige denken, sie könnten ruhig öfter wegen psychischer Probleme ausfallen.“ Das Café muss jedoch trotz sozialen Anspruchs am Markt bestehen. Zuschüsse von Jobcenter und Integrationsamt sollen die eingeschränkte Arbeitsleistung der behinderten Mitarbeiter ausgleichen. Damit das halbwegs klappt, muss das Team insgesamt aber gut aufeinander eingespielt sein.

Auch Hochzeiten kann man feiern

Wrede hofft darauf, dass sich auch andere Arbeitgeber darauf einlassen, über eine Probebeschäftigung Behinderte testweise einzustellen. „Mit diesem Café wollen wir durchaus auf die Arbeit in anderen Betrieben vorbereiten.“ Bei vielen Gäste jedenfalls finden die Köstlichkeiten aus der Küche ebenso Anklang wie die meist zurückhaltende Art der Mitarbeiterinnen. Das Café-Team bewirtet Trauergesellschaften, richtet Geburtstagsfeiern aus - und kürzlich sogar eine Hochzeit. „Das waren natürlich keine Leute, die eine Jungfrau entführen und sich am Teich betrinken wollten.“

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Stöcken in Zahlen
  • Stadtbezirk : Herrenhausen-Stöcken, 12. Stadtbezirk in Hannover 
  • Stadtteile: Burg, Herrenhausen, Ledeburg, Leinhausen, Marienwerder, Nordhafen und Stöcken
  • Einwohner: Im Stadtbezirk ca. 34.664 Einwohner
  • Einwohner je Stadtteil: Burg (3.725), Herrenhausen (7.660), Ledeburg (5.797), Leinhausen (2.918), Marienwerder (2.461), Nordhafen (128) und Stöcken (11.975)
  • Bevölkerungsdichte : 1.641 Einwohner je km²
  • Postleitzahl : 30419
  • Geschichte: Der berühmteste Einwohner Stöckens war wohl Cord Broyhan. Er erfand 1526 ein helles Bier. Das nach ihm benannte obergärige Broyhan-Bier verschaffte der Stadt Hannover einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung und eine bedeutende Stellung auf dem Gebiet der damaligen Braukunst. Aus der Sitte, das Broyhan-Bier zusammen mit Branntwein zu trinken, entstand die Lüttje Lage.
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