Ein abgedunkelter Saal im zweiten Stock des Heinemanhofes: An allen vier Seiten des rekonstruierten Speisesaal des ehemaligen jüdischen Damenstiftes in Kirchrode sind Schautafeln aufgestellt. Es gibt ein Tischchen mit Leselampe, ein Bücherregal, Monitore und Hörstationen. Und dazwischen immer wieder das Portrait von Anne Frank, dem jüdischen Mädchen, das mit ihrer Familie in einem Amsterdamer Hinterhaus lange Zeit versteckt lebte und schließlich doch von den Nationalsozialisten entdeckt und ermordet wurde. Ihr Tagebuch aus dieser Zeit der Judenverfolgung gibt Einblicke in ihr Seelenleben und ist ein einzigartiges Zeitdokument, das von Millionen Menschen weltweit gelesen wurde.
Das Tagebuch bildet die Basis für eine Ausstellung des Anne-Frank-Zentrums in Berlin, die seit fünf Jahren in verschiedenen Städten gezeigt wird und seit dem 26. August in Hannover zu sehen ist. „Täglich kommen bis zu 70 Besucher“, bilanziert Projektkoordinator Holger Walla. Da der Eintritt frei ist, werden die Besucher nicht gezählt. Insgesamt schätzt Walla ihre Zahl bisher auf mehr als 2000. Ursprünglich sollte die Ausstellung in Kirchrode bis zum 2. Oktober laufen, jetzt wird sie bis zum 15. November verlängert. So ist sie auch dann noch in Hannover zu sehen, wenn hier der „Zug der Erinnerung“ hält, der ebenfalls die Verfolgung jüdischer Kinder und Jugendliche thematisiert.
Die Ausstellungskosten für die Verlängerung übernimmt die Region Hannover. Die Weiterführung des Projekts „peer education“ ist hingegen finanziell noch nicht gesichert. Dabei ist die Idee, dass qualifizierte Schüler anderen Jugendlichen die Ausstellungsinhalte näher bringen, von zentraler Bedeutung: „Wir haben die gleiche Ebene“, sagt Kristin Uelze: „Außerdem fällt der Museumscharakter weg.“ Die 18-Jährige ist eine von 27 Schülern der Herschelschule in Vahrenheide, die sich freiwillig gemeldet hatten und in einem zweitägigen Seminar zum sogenannten Guide ausgebildet wurden. Unterstützt wurden sie von dem inzwischen pensionierten Lehrer Eckhardt Brix, der viele Schüler noch aus seiner aktiven Zeit kennt.
In den vergangenen Wochen hat jeder Guide bis zu drei Gruppen durch die Ausstellung geführt und dabei sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht: „Schade, dass manchmal nicht das Interesse da war“, resümiert Tanja Engel. Dieses sei auch oft davon abhängig gewesen, wie gut die Gruppen vorbereitet waren. Für die 19-Jährige war es eine Herausforderung, sich auf das Alter und die Vorbildung der Zuhörer einzustellen und vor einer größeren Gruppe zu sprechen: „Da muss man all seinen Mut zusammen nehmen.“ Zumeist haben sie und ihre Mitschüler positive Resonanz erfahren. Die 17-Jährige Büsra Cergel hatte sogar eine Gruppe von Blinden durch die Ausstellung geführt und musste viele Exponate und Bilder beschreiben. „Das hat Spaß gemacht“, erzählt sie. „Die Gruppe hatte viele Fragen, und es gab anregende Diskussionen.“
Oftmals verschlug es den Besuchern aber auch die Sprache: Wenn sie die Filme mit dokumentarischen Aufnahmen aus den Konzentrationslagern sahen. Oder wenn sie den Tagebuchaufzeichnungen von Anne Frank lauschten. „In vielen Gesichtern konnte man sehen, wie betroffen die Besucher waren“, sagt Kristin. Auch in den begleitenden Workshops im Seminarraum wurden die Gruppen mit erschütternden Einsichten konfrontiert: So sollten die jugendlichen Besucher ihren normalen Tagesablauf schildern. Anschließend wurde ihnen vermittelt, was sie davon machen dürften, wenn für sie die Nürnberger Rassegesetze und andere Restriktionen der Nationalsozialisten gelten würden: „Da bleibt nicht viel mehr außer schlafen“, sagt Tanja.
Für die beteiligten Herschelschüler war das Projekt eine wichtige Erfahrung – ihr Engagement wird sich in ihren Zeugnissen niederschlagen. Für weitere Führungen von Gruppen stehen nach den Herbstferien Schüler der KGS Ronnenberg bereit. Um sie in einem Seminar qualifizieren zu können, werden allerdings noch Gelder benötigt. Ansprechpartner Holger Walla ist bei der Stadt telefonisch unter 16834058 zu erreichen. Für einzelne Besucher ist die Ausstellung im Heinemanhof, Heinemanhof 1-2, in Kirchrode werktags zwischen 14 und 18 Uhr geöffnet.
Von Sebastian Hoff
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