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Bewohner warten vergeblich auf Telekom-Anschluss

„Südstadtschule“ Bewohner warten vergeblich auf Telekom-Anschluss

Kein Anschluss unter keiner Nummer: Einige Bewohner des Projekts „Südstadtschule“ haben Monate nach dem Einzug immer noch kein Festnetz-Telefon – jetzt erst will die Telekom handeln.

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Sie warten seit Monaten darauf, dass die Telekom die fünf Meter vom grauen Fernmeldekasten zum ehemaligen Schulgebäude überbrückt (v. l.):
Michael Beyer-Zamzow, Helmut Drewes, Cordt Bartels, Anja Eckert, Bernd Rokahr, Stefanie von Heeren und Heide Beusser.

Quelle: Peters

Südstadt. Eigentlich gilt der Wohnkomplex „Südstadtschule“ an der Ecke von Schläger- und Krausenstraße als modernes Vorzeigeprojekt. Doch was einige Anwohner seit Monaten beim – vergeblichen – Warten auf einen Telefonanschluss erleben, weckt bei ihnen Assoziationen an kaiserliche Post oder DDR-Planwirtschaft. Sieben Parteien – fünf Private und zwei Gewerbetreibende – sind trotz Hunderten von Telefonaten und Dutzenden von Anschreiben immer noch nicht an das Festnetz der „Telekom Deutschland“ angeschlossen. Ein Architekturbüro will jetzt aufgrund der unhaltbaren Zustände wieder ausziehen, andere Wohnungsbesitzer klagen über ungerechtfertigte Abbuchungen und hohe Kosten für Handy-Rechnungen. Gegenüber dem Stadt-Anzeiger hat der Konzern jetzt Fehler eingestanden und versprochen, die Leitungen in der kommenden Woche zu legen.

Gut zwei Jahre dauerte der Umbau der früheren Sehbehindertenschule zu einem Komplex mit 15 Eigentumswohnungen, drei Gewerbeeinheiten und einer Bücherei. Im August und September dieses Jahres wurde die Anlage bezogen. Doch obwohl die Projektentwicklungsgesellschaft „Plan W“ und die Eigentümer gegenüber der Telekom schon vor einem Jahr darauf hingewiesen hatten, dass es ab Sommer 2011 einen erhöhten Bedarf an Leitungen geben werde, passierte – nichts. Die Telekom verwies darauf, dass es einen alten Kabelstrang mit zehn Anschlussmöglichkeiten gebe. Das Verlegen eines neuen Strangs mit zusätzlichen Leitungen, erzählt Planer Michael Beyer-Zamzow, sei erst bei tatsächlich entstehendem Bedarf in Aussicht gestellt worden, sprich: bei Einzug. Die zehn Eigentümer, die ihre Wohnungen als erste beziehen durften, hatten Glück. Nach dem Motto „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ bekamen sie eine Verbindung, egal, ob sie Telekom-Kunden oder mit einem anderen Unternehmen vernetzt waren. Für die anderen Anlieger begann eine kommunikationstechnische Leidenszeit.

  • Die Architektin Stefanie von Heeren und der Bauingenieur Helmut Drewes aus der Krausenstraße hatten im März dieses Jahres bei der Telekom eine Umstellung ihres bestehenden Vertrags beantragt. Dummerweise zählten sie zu denjenigen, die nicht in den Genuss der ersten zehn Anschlüsse kamen. Inzwischen haben sie von der Telekom 26 verschiedene Freischaltungstermine genannt bekommen – obwohl es nach wie vor überhaupt keine physikalische Leitung in ihre Wohnung gibt. „Das Absurdeste war, dass wir per Post mehrmals Termine zugeschickt bekamen, die in der Vergangenheit lagen“, erzählt Stefanie von Heeren. Der neueste Termin für eine Freischaltung: 20. Februar 2012. „Wir sind extrem verärgert“, ergänzt Drewes, der als Professor an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst arbeitet. Zu allem Überfluss sei der Handy-Empfang in der Wohnung aufgrund der guten Abschirmung der ehemaligen Schulturnhalle sehr schlecht: „Wir müssen uns zum Telefonieren immer ans Fenster stellen.“
  • Die Nachbarn von Drewes, Anja Eckert und Detlef Kurdts, sind ebenfalls nicht verkabelt. Inzwischen haben sie von der Telekom aber schon drei Rechnungen zur Zahlung einer Grundgebühr bekommen, seltsamerweise in unterschiedlicher Höhe bis zu 44,20 Euro monatlich. „Auf unsere Beschwerden hin wurde uns schon mehrmals eine Rückbuchung versprochen, aber wir haben noch keinen Cent zurückbekommen“, klagt Eckert. Doch ist die Familie mit den zwei Kindern nicht allein mit unbegründeten Abbuchungen: Auch anderen Wohnungsinhabern wurden ohne jegliche Grundlage Grundgebühren abgezogen. Ein Paar berichtet sogar von Gesprächsgebühren in die USA, die ihnen berechnet worden seien – von einem nicht existierenden Anschluss. Dass sie nur noch per Handy erreichbar sei, berichtet Anja Eckert, habe noch ganz andere unerwünschte Nebenwirkungen: „Meine betagten Eltern rufen mich nicht mehr an, weil sie die Kosten scheuen.“
  • Auch die Projektentwickler von „Plan W“ blieben nicht vom Leitungs­chaos verschont. Dort dauerte es sechs Wochen mit mehreren geplatzten Terminen und diversen Gesprächen, bis das Büro – immerhin – angeschlossen war. „Wochenlang haben wir unseren Internet-Datenverkehr mit Handys abgewickelt, was nur sehr verlangsamt funktionierte und überaus lästig war“, sagt Geschäftsführer Michael Beyer-Zamzow.
  • Siebenmal, so haben die Architekten Cordt und Ralf Bartels gezählt, sind sie in den vergangenen Monaten in der Telekom-Filiale in der Bahnhofstraße gewesen, um endlich ans Netz zu kommen. Von dort aus haben sie Faxe an die Beschwerdestelle geschickt, haben nach eigenem Bekunden mehr als 30 Mal bei der Hotline des Kommunikationsunternehmens angerufen. Festnetzanschluss? Fehlanzeige. „Wir haben auch schon den Vertrag bei unserem bisherigen Anbieter HTP gekündigt, um als Telekom-Kunden bessere Chancen zu haben, aber es passiert einfach nichts“, schimpft Cordt Bartels. „Stinksauer“ sei er auf den Konzern, und da er die Räume an der Ecke von Schläger- und Krausenstraße nur gemietet habe, verweigere er die Mietzahlungen an den Eigentümer: „Für mich ist ein Büro ohne Telefonanschluss kein Büro.“ Die Geschäfte des Architekturbüros, das insgesamt fünf Mitarbeiter hat, hätten schon stark unter den massiv eingeschränkten Verbindungsmöglichkeiten per Telefon und Internet gelitten, auch Aufträge seien der kleinen Firma dadurch schon entgangen. Die Konsequenz: Die Brüder Bartels wollen ausziehen, sind bereits auf der Suche nach anderen Räumen.
  • Professor Bernd Rokahr ist Chef des gleichnamigen Innenarchitektur-Büros in der Schlägerstraße. „Ich habe selbst schon viele Leitungsanlagen in Häusern verlegt, aber was ich hier am eigenen Leib erfahre, habe ich in 21 Jahren Selbstständigkeit noch nicht erlebt“, sagt er. Auch er habe zwischen 30 und 40 Anrufe mit der Telekom getätigt, um endlich per Festnetz kommunizieren zu können – vergeblich. „Jeder Anruf, der mich über meine alte Festnetznummer erreicht, kostet mich wegen der Rufumleitung hohe Handy-Gebühren, im Monat 150 bis 200 Euro“, erläutert er. Große Mühe habe es ihn gekostet, in letzter Minute zu verhindern, mit seiner Büronummer aus den „Gelben Seiten“ und anderen Telefonverzeichnissen gelöscht zu werden: „Die haben gesagt, an meinem neuen Standort gebe es ja gar keine Leitung.“ Als besonders bitter empfindet es Rokahr, dass die Telekom wochenlang in den umliegenden Straßen gebuddelt hat, um die Kabel für das neue Glasfaser-Giganetz zu verlegen. „Das ist der Hohn schlechthin“, klagt der Architekt, „vor unseren Augen werden über Wochen Hightech-Kabel verlegt, und die fünf Meter vom Fernmeldekasten zu unserem Gebäude kann die Telekom nicht graben“. Eine der absurdesten Begründungen für die permanenten Verzögerungen habe gelautet, es seien in letzter Zeit zu viele Gewitterfronten über Hannover hinweggezogen. Auch Anwohnerin Heide Beusser hat so manche aberwitzige Begründung gehört, warum sie noch keinen Telefonanschluss hat: „Die Leute im Callcenter der Telekom waren immer sehr freundlich, aber total inkompetent.“

Was alle Betroffenen eint, ist das Gefühl völliger Hilflosigkeit und die Ohnmacht, dem Unternehmen ausgeliefert zu sein. Versprochene Rückrufe blieben aus, Zusicherungen wurden nicht eingehalten, ständig mussten sie wechselnden Hotline-Mitarbeitern alles von vorne erzählen. Positiv sei lediglich, dass die Nachbarschaftshilfe im Projekt „Südstadtschule“ funktioniere, dass man sich gegenseitig mit WLAN-Verbindungen und Querverkabelungen helfe, so gut es eben gehe.

Nachdem der Stadt-Anzeiger die Telekom in der Vorwoche mit den Vorwürfen konfrontiert hatte, soll nun alles ganz schnell gehen. „Aufgrund eines Fehlers im Auftragsystem ist es bedauerlicherweise zu der Verzögerung bei der Leitungsverlegung und damit auch bei der Schaltung der Kundenanschlüsse gekommen“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme der Telekom. Auch die fehlerhafte Rechnungsstellung bei einigen Anwohnern sei darauf zurückzuführen. „Wir entschuldigen uns in aller Form für die Verzögerung sowie auch für die Unannehmlichkeiten, die den Kunden dadurch entstanden sind“, erklärte eine Konzernsprecherin. Die Telekom arbeite „mit Hochdruck“ an der Fehlerbeseitigung und werde die Leitung in der kommenden Woche legen sowie die Anschlüsse schalten. Auch sollten die Rechnungsstellungen korrigiert sowie „entsprechende Wiedergutmachungen und Kulanzen“ gutgeschrieben werden.

Die betroffenen Südstadtschul-Bewohner sind positiv überrascht über die Mitteilung des Konzerns, bleiben aber skeptisch. „So oft wie wir schon enttäuscht wurden, mache ich jetzt keine Luftsprünge“, sagt etwa Cordt Bartels. Und auch Bernd Rokahr bleibt vorsichtig: „Ich messe die Telekom nur noch an ihren Taten, nicht an ihren Worten.“

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