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Süd Bildhauer Wilfried Behre arbeitet am Maschsee unter freiem Himmel
Hannover Aus den Stadtteilen Süd Bildhauer Wilfried Behre arbeitet am Maschsee unter freiem Himmel
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10:20 25.08.2011
Gigantische Arbeitsmaterialien: Bildhauer Wilfried Behre aus der Südstadt in seiner Frischluftwerkstatt am Maschsee. Quelle: Harfst
Südstadt

Er ist schon von weitem zu hören. Rhythmisch wie ein Metronom, geradezu meditativ klingt das „tick, tick, tick“, das Hammer und Meißel auf Wilfried Behres Steinen erzeugen. Seit 20 Jahren betreibt der Bildhauer aus der Südstadt seine sogenannte Frischluftwerkstatt im Staudengrund am Maschsee, unweit der Maschseequelle. Von der Stadt werde er dort „angenehm geduldet“, wie er es formuliert. Unzählige Spaziergänger haben ihn während dieser zwei Dekaden beobachtet. Manche trauen sich auch, ihn anzusprechen. Behre liebt diese Begegnungen, denn so erfahre die Bevölkerung, wie Kunst entsteht. Und trotzdem: „Bei der Arbeit bin ich sehr vertieft.“ Mit Ohrenstöpseln schützt sich der 55-Jährige gegen das „tick, tick, tick“, mit einer Schutzbrille gegen Steinsplitter.

Dass Behre ein Open-Air-Atelier unterhält, hat handfeste Gründe: Seine Arbeitsmaterialien sind gigantisch; sie passen nicht in das kleinere Atelier, das er zu Hause hat. Spätestens seit er 1992 sein Kunststudium in Hannover als Meisterschüler beendete, steht er auf Stein. Sie dürfen gerne sehr groß sein und vorzugsweise aus Granit oder Sandstein. „Das bleibt Jahrtausende“, sagt der Künstler. Eine gerade beendete Arbeit von ihm, die noch im Staudengrund liegt, wiegt 14 Tonnen. Behre hat seine charakteristischen Kerben in dem Block, den er selbst im Steinbruch ausgesucht hatte, hinterlassen. Die Einlässe hat er spiegelglatt geschliffen. Auch das ist ein typisches Merkmal des Künstlers, der sein gesamtes Leben in der Südstadt gelebt hat. Die Ewigkeit, die Steine repräsentieren, hat es Behre angetan. Für seinen 14-Tonner wünscht er sich beispielsweise einen Platz irgendwo im Zentrum einer Stadt. Wasser könnte den Brocken umspielen, Kinder darauf herumkrabbeln: „Der Stein kann das ab.“

Als Jugendlicher waren ihm solche Gedanken noch fern. Behre machte nach der Schule eine Ausbildung zum Wärme-, Kälte- und Schalltechniker. „Das war ein Fehlgriff“, sagt der zweifacher Familienvater rückblickend. Er zog einen Schlussstrich, machte Abitur und entschied: „Jetzt machst du, wozu du Lust hast.“ Lust hatte er auf Kunst – und begann diese 1978 zu studieren. „Sicherheit ist egal“, sagte er sich damals. Und so sei es auch heute – mal sei mehr Geld da, mal weniger. Sein Credo lautet: „Erst die Kunst, dann das Geld.“ Seine Steine aber, die sind seither weltweit verstreut. Die sogenannten „globalen Steinbänder“ – jeweils sieben Granitblöcke in einer Linie – gibt es nicht nur am Maschsee, sondern auch in Vietnam, Malaysia und Indien. In China hat er Seminare für Kunststudenten abgehalten. Für den Fiedelerplatz in Döhren entwarf er das Konzept Wünschestein: Ein drei Tonnen schwerer Stein soll dort über eine Kiste mit Kinderwünschen gestülpt werden.

Die größte Aufmerksamkeit erregte Behre jedoch mit seinen beiden Friedenssteinen auf dem hannoverschen Opernplatz. „Nie wieder Krieg“ hatte er in den harten Werkstoff gemeißelt. 1999, im Zuge des Kosovo-Konflikts, legte er sie im Stadtzentrum ab – zunächst nahezu unbeachtet. Acht Jahre später rückten die Steine dann plötzlich in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Der Opernplatz sollte umgestaltet werden, die Steine sollten weg. „Acht Jahre haben sie da gelegen und keiner hat etwas gesagt“, erzählt Behre. Er verstehe das Problem immer noch nicht. Und obwohl die Steine mittlerweile abgeräumt sind, sieht er den Disput mit der Stadtverwaltung noch nicht als ausgestanden an. Den vorgeschlagenen Ersatzstandort in der Nähe des Kinderkrankenhauses auf der Bult, bezeichnet er als „Alibiplatz“. So liegen die steinernen Streitobjekte erst mal weiterhin auf einem städtischen Betriebshof.

Die perfekte Skulptur gibt es für Behre nicht, die Sehnsucht danach treibt seine Künstlerseele jedoch immer wieder um. Und manchmal, erzählt er, sind da diese ganz besonderen Augenblicke bei der Arbeit: „Es gibt Momente, da denke ich, da war so ein Augenblick.“ Wenn es also schon nicht die perfekte Skulptur gibt, dann wenigstens den perfekten künstlerischen Moment. Besucher können Behre mit etwas Glück am Westufer des Maschsees beobachten – sie müssen nur dem „tick, tick, tick“ des Meißels folgen.

Sebastian Harfst

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