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Einrichten im Retroschick

Südstadt Einrichten im Retroschick

Schränkchen, Tische, Sessel, Lampen und Accessoires der Fünfziger- bis Siebzigerjahre erleben ein Comeback. Im Laden "Wohntraum" in der Lutherstraße hat Inhaber Michael Schulte auf drei Etagen ausgestellt, was früher die Wohnungen schmückte. Da kommen bei so manchem Kunden Kindheitserinnerungen auf.

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Der Laden „Wohntraum“ bietet gebrauchte Möbel, Lampen und Accessoires aus den Fünfziger- bis Siebzigerjahren.

Quelle: Benjamin Behrens

Südstadt. Südstadt. Eigentlich sucht Heike Strobel einen Tisch, doch nun lässt sie sich eine riesige Schulwandkarte nach der anderen präsentieren. Das Erdinnere, Längen- und Hohlmaße, China und Taiwan, die lateinische Ausgangsschrift - eine große Karte nach der anderen rollt der Betreiber des Ladens „Wohntraum“ vor der Werbeassistentin aus. „Wow!“ und „Oh, süß!“, ruft sie entzückt über den möglichen Wandschmuck, der aus einer Schulauflösung stammt. Am Ende verlässt sie den Laden dann doch, ohne etwas zu kaufen.

Auf drei Etagen verteilen sich bei „Wohntraum“ in der Lutherstraße gebrauchte Möbel, Lampen und Accessoires der Fünfziger- bis Siebzigerjahre. Die Schulkarten sind ein Verkaufsschlager, mehr als die Hälfte der knapp 300 Exemplare ist innerhalb eines halben Jahres über den Tresen gegangen. „Die erinnern mich an meine Kindheit“, sagt eine 50-jährige Kundin. Von einem „Flashback in meine Jugend“ spricht Benita Neubauer (57), die ebenfalls überlegt, eine solche Landkarte zuhause im Flur aufzuhängen. Da sie „Katalogwohnzimmer“ langweilig findet, hat Neubauer ihre Wohnung in einem Stilmix eingerichtet - Modernes kombiniert mit einzelnen Design-Klassikern. Auf der Suche nach „Retro“-Stücken hat sie gute Chancen, bei „Wohntraum“ fündig zu werden. Zurzeit stehen dort vor allem Möbel aus den Sechzigerjahren. „Die Sechziger sind absolut angesagt“, sagt Betreiber Michael Schulte.

Der 44-Jährige, der den Second-Hand-Laden im November 2012 eröffnet hat, informiert sich ständig über die aktuellen Trends, etwa in Zeitschriften, aber auch über Fernsehwerbung und -serien. Auffallend oft sei dort in letzter Zeit die typische Wohnungsausstattung der Sechziger zu sehen: schlichte, eher filigrane Möbel auf schmalen, sich nach unten verjüngenden Füßen - eine Fortentwicklung der geschwungeneren Exemplare aus den Fünfzigern, bevor es in den Siebzigern deutlich klobiger weiterging. Entsprechend sucht Schulte etwa bei Wohnungsauflösungen gezielt nach schnörkellosen Teakholztischen und -stühlen, Schleiflackschränkchen und petrolfarbenen Sofas aus dieser gefragten Epoche.

Die junge Generation interessiert sich für alte Möbel

Warum gerade die Sechziger „hip“ sind? „Das sind so Moden“, meint der Gebrauchtmöbelhändler, der zunächst eine Bäckerlehre absolvierte und sich danach noch zum Kaufmann ausbilden ließ. Und so wird bei „Wohntraum“ nichts aufgearbeitet, defekte Ware hat hier keine Chance. Möbel vom Sperrmüll am Straßenrand seien nur sehr selten dabei. „Wenn jemand etwas weggeben will oder jemand stirbt, gehen die guten Stücke heute direkt an die Enkel“, sagt Schulte. Aufgrund der Retro-Ausstattung in Serien wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ oder „Mad Men“ interessiere sich nicht zuletzt die junge Generation für den rückwärtsgewandten Trend, berichtet der Händler. Sein Kundenspektrum reiche vom Grundschüler bis zur 95-Jährigen, die sich vor dem Umzug ins Heim nach einer kleinen Kommode umsehe.

Mittwochs, donnerstags und freitags ist von 12 bis 18 Uhr geöffnet, sonnabends von 11 bis 15 Uhr. Viele schauten regelmäßig herein, bevorzugt am Mittwoch. Montags und dienstags hat Schulte geschlossen. Dann holt Schulte neue Ware, die er im weiten Umkreis zwischen Dänemark und Hildesheim, seiner ostwestfälischen Heimat und Braunschweig entdeckt hat. Vieles findet er im Internet. Vor der Ladengründung hatte er selbst auch ausschließlich über das Internet verkauft; nach wie vor bietet er dort noch Stücke an, die er in der Südstadt nicht schnell genug loswird.

Sein Ebay-Shop lockt sogar Abholer aus Hunderte Kilometer entfernten Metropolen nach Hannover. „In Berlin würden die Sachen doppelt so viel kosten“, meint Schulte, der sich im selben Haus eine Wohnung gemietet hat. Er sei nach den diversen beruflichen Stationen nun sehr zufrieden, erzählt er. Schon als Kind habe er zusammen mit Mutter und Schwester begeistert Zimmer neu dekoriert, mit wenig Geld. „Damals schämte man sich für gebraucht gekaufte Möbel“, erinnert er sich.

Nur kurz im Laden vorbeigeschaut hat an diesem Tag Christof Butz. Einen Hocker aus Buchenholz, den er vor sein Bücherregal stellen möchte, hat der Optiker aus der Südstadt auch dieses Mal gefunden. Ihm macht es nichts aus, den Laden ohne Kauf zu verlassen. Viele Frauen dagegen, hat Schulte festgestellt, nehmen in solch einem Fall gern zumindest eine Vase oder eine Teedose im Retro-Look mit. Andere werden schwach, wenn sie den Laden durch eine Zwischentür zum Nebenraum verlassen. Als „Shop in Shop“ hat sich dort eine kleine Filiale des Lindener „Anne Behne“-Schuhgeschäfts eingerichtet - mit wechselnden Möbeln von „Wohntraum“, die inmitten der Schuhe auch hier zum Verkauf stehen.

Von Gabriele Schulte

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