Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 12 ° wolkig

Navigation:
Nur die Ruhe

Engesohder Friedhof Nur die Ruhe

Der Engesohder Friedhof ist eine große Ansammlung kleiner Denkmale – jetzt wird die Anlage 150 Jahre alt.

Voriger Artikel
Bauarbeiten nicht alle im Zeitplan
Nächster Artikel
37-Jährige von Stadtbahn erfasst

Friedhof Engesohde.

Quelle: Tobias Kleinschmidt

Hannover. Hier trifft man auf lauter Bekannte. Auf Menschen, nach denen Straßen benannt sind. Zum Beispiel auf Oberbürgermeister Arthur Menge oder Baurat Ferdinand Wallbrecht. Illustre Künstler wie Edmund Koken und Friedrich Kaulbach finden sich hier. Persönlichkeiten wie der Flugpionier Karl Jatho und Politiker wie Gustav Noske. Sucht man die Nähe von Prominenten, liegt man hier richtig: Der Engesohder Friedhof ist ein Stück begrünte Stadtgeschichte. Eine große Ansammlung kleiner Denkmale, in denen sich der Zeitgeist gleich mehrerer Epochen niedergeschlagen hat. Und zugleich ist der Friedhof mit seinen Hecken und Alleen eine der schönsten Parkanlagen Hannovers. Am Wochenende feiert die Stadt sein 150-jähriges Bestehen.

„Als der Friedhof 1864 eröffnet wurde, war er der größte Begräbnisplatz der Stadt“, sagt Kerstin Schönewald, „und seither hat er sein Gesicht immer wieder verändert.“ Die Friedhofsplanerin steht vor dem Arkadengang am Eingang des Friedhofs: „Die prunkvollen Grabmäler in diesem Gang kosteten damals bis zu 500 Taler“, sagt sie. „Heute würden Steinmetze für einige von ihnen ungefähr den Preis eines Einfamilienhauses verlangen.“

Bei seiner Eröffnung war der Engesohder Friedhof der erste kommunale Zentralfriedhof der Stadt. Kleinere Anlagen wie der Garten- oder der Nikolaifriedhof, die meist bei Kirchen lagen, wurden damals nicht weiter belegt. Der Engesohder Friedhof - für damalige Verhältnisse ein riesiger Gottesacker - bot ausreichend Platz. Der Baumeister Georg Ludwig Friedrich Laves fand hier seine letzte Ruhe ebenso wie Goethes Patenkind Georg Kestner. Beider Gräber liegen im Schatten derselben Eibe; die Familien waren verwandt. Den Schulpatron Adolf Tellkampf trug man unweit davon zu Grabe, und auch Stadtbaumeister Ludwig Droste, der den Friedhof geplant hatte, wurde hier ganz eins mit seinem Werk.

Auf dem inzwischen mehrfach erweiterten Areal - mit 22 Hektar Fläche zählt er heute zu den größten der 20 städtischen Friedhöfe - fanden arme Schlucker damals ihre letzte Ruhe in schmucklosen, flachen Reihengräbern. Von diesen ist heute meist nichts mehr erhalten. Doch die so entstandenen Schneisen eröffnen Blickachsen auf jene imposanten Grabmäler der gut Betuchten, die diesem Friedhof seinen melancholisch-morbiden Charme verleihen.

Manche Monumente wirken, als hätten die Angehörigen versucht, der Allmacht des Todes etwas entgegenzusetzen: Prächtige Grabstätten zeugen vom Bürgerstolz wohlhabender Familien; mit ihren Statuen und Säulen dienten sie auch der Repräsentation. Manche Familien ließen sich ganze Mausoleen errichten. Im Tode sind eben doch nicht alle gleich.

Bis heute wirken Gräber bisweilen wie Visitenkarten: Das trutzige Grabmal des Infanteriegenerals Otto von Emmich, der 1915 starb, erinnert von Ferne an eine Bunkerlinie von der Westfront. Der rassistische Kolonialpolitiker Karl Peters bekam einen massiven Granitklotz mit martialischer Inschrift („Er erwarb Deutsch­ostafrika für sein Vaterland“). Das Grab der berühmten Tänzerin Yvonne Georgi hingegen ziert eine schlanke, elegante Stele. Und der Künstler Kurt Schwitters ließ sich ein Credo des Zweifels in den Grabstein gravieren: „Man kann ja nie wissen.“

„Heute sind große Grabanlagen eher die Ausnahme“, sagt Friedhofsplanerin Schönewald. Die Trauerkultur wandelt sich; der Trend geht zur Urnenbeisetzung und zu pflegearmen Gräbern. Da fordert die Mobilität der globalisierten Gesellschaft ihren Preis: Wenn die Kinder fortziehen, ist niemand da, um die Gräber der Eltern zu pflegen. Stattdessen bietet die Stadt inzwischen Urnengräber an, die am Fuße der gewaltigen Grabmäler aus dem 19. Jahrhundert liegen. So zieren die Denkmale von damals die Grabstätten von heute. Jede Abteilung des Friedhofes ist auf diese Weise ein Spiegel ihrer Zeit. „Und jede“, sagt Friedhofsplanerin Schönewald, „ist ein kleines Kunstwerk.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Süd
So schön ist die Südstadt in Hannover
Region Hannover
So schön ist Hannover-Kirchrode