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Süd Herr Stender gibt auf
Hannover Aus den Stadtteilen Süd Herr Stender gibt auf
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00:15 11.03.2014
Von Conrad von Meding
„Ich habe schließlich trotz alledem meinen Stolz“: Otto Stender schließt sein Geschäft in der Marienstraße – und schweigt über seine Sorgen. Quelle: Alexander Körner
Hannover

In Kürze wird Otto Stender den kleinen Buchladen in der Marienstraße zum letzten Mal abschließen. Freunde wollen ihm helfen, die Restbestände fortzuschaffen. Das bedruckte, aber nicht mehr verkäufliche Kulturgut soll wohl an Oxfam gespendet werden. Die Bestände haben sich schon spürbar gelichtet, seit das Ehepaar Stender nichts mehr bestellt, sondern nur noch verkauft. Es waren einmal 10.000 Titel in dem kleinen Laden an der Marienstraße. Weil sie nicht nebeneinander in die Regale passten, standen sie oft hintereinander, und bis das richtige Exemplar gefunden war, konnte es schon etwas dauern. Aber Hektik, Aufregung, Tempo, diese Merkmale unserer kurzatmigen Zeit, die waren dem Laden sowieso fremd. Man konnte manchmal das Gefühl haben, Amazon liefere die Bücher schneller, als allein der Bestellvorgang bei Otto Stender dauerte. Aber Amazon ist so ein Wort, das man in diesem Geschäft besser nie in den Mund nahm.

Mit Otto Stender geht wieder ein Kapitel des inhabergeführten Innenstadt-Buchhandels zu Ende. Heinz-Walter Hebestreits Geschäft Sachse & Heinzelmann hat vor zwölf Jahren geschlossen. Anstelle von Martin Schmorl, einst Buchhändler in vierter Generation, führt jetzt die Hugendubel-Kette die Tradition seiner Buchhandlung am Kröpcke weiter. Und auch für Otto Stender, früher Beitreiber der glanzvollen Georgsbuchhandlung, ist nun Schluss. Der 77-Jährige hätte wohl gerne weitergemacht. Doch seine vier Kinder, von denen drei das Buchhändlergeschäft gelernt haben, haben ihm vorgerechnet: Jeder Tag, den das Geschäft noch länger öffnet, bringt kein Geld, sondern kostet nur.

Es ist ohnehin eigentlich nicht wirklich Otto Stenders Geschäft. Es ist das Geschäft seiner Frau Johanna. Er hat darin Unterschlupf gefunden, nachdem seine große Buchhandlung in der Georgstraße um die Jahrtausendwende eine furiose Pleite hingelegt hatte.

Was waren das für Zeiten. „Sie sind alle bei mir gewesen“, sagt Otto Stender und blickt verträumt auf die Fotos in seinen Gästebüchern. Siegfried Lenz hat bei ihm gelesen, Günter Grass, F. C. Delius, Lars Gustafsson, Ralph Giordano, Georg Stefan Troller, Peter Rühmkorf sogar zweimal. Auf seinem legendären roten Sofa in der Georgstraße verspottete Inge Meisel vielleicht etwas zu bissig die hannoversche Kundschaft; Hiltrud und Gerhard Schröder saßen dort liebevoll vereint acht Tage nach seiner ersten Wahl zum Ministerpräsidenten. Walter Kempowski kam sogar noch zum Laden, als Otto Stender längst nicht mehr in der Georgstraße residierte. „Auf einmal stand er in der Marienstraße vor dem Schaufenster und wühlte in der Auslage“, sagt Otto Stender.

Mit Liebe zur Literatur

Die Georgsbuchhandlung war das Paradebeispiel einer exzellenten literarischen Buchhandlung. Gegen die heutigen Dimensionen der Buchhandelsketten wie Hugendubel oder Lehmanns war sie klein, aber ihre 400 Quadratmeter waren eben doch fast exakt das Zehnfache der aktuellen Buchhandlung Stender in der Marienstraße. Otto Stender war schon damals umtriebig. Nicht nur, dass er ständig im Geschäft präsent war und alle Stammkunden beim Namen kannte. Zum Schorsenbummel trug er 1988 das rote Sofa vor sein Geschäft auf die Grünfläche an der Oper, als Erster las dort Paul Maar („Das Sams“) unter freiem Himmel. Und als die Pleite unabwendbar schien und er im Jahr 2000 einen Neustart in der Karmarschstraße versuchte, da chauffierte eine Kutsche die Kunden, die von der Adressänderung nichts mitbekommen hatten, von der Georgstraße zum neuen Geschäft.

Es schien ein fröhlicher Anlass. Keiner merkte damals, dass etwas Schreckliches passiert war. Die Miete in dem Geschäft war verdreifacht worden, was Stender wegen der schleppenden Konjunktur und nachlassenden Verkäufen nicht bezahlen konnte. Für die Georgsbuchhandlung aber, die er von der SPD-eigenen Volksbuchhandlung zum literarischen Kleinod umfunktionierte, hatte er seine gesamte Altersversorgung beliehen. Durch die Pleite stand er als Mittsechziger ohne Absicherung da. „Das geht niemanden etwas an“, ist alles, was Otto Stender heute zu dem Thema knurrt. Aber es gehört zur Wahrheit: Jetzt, zum Ende eines beeindruckenden Berufslebens, ist kein Geld da, und bei Selbstständigen stockt keine Rentenversicherung auf.

Was Otto Stender bleibt außer seiner Familie und der Liebe zur Literatur ist der Verein Mentor. Er hat ihn aufgebaut, nachdem er bei der Schülerin Vanessa bemerkt hatte, wie sehr Lesekompetenz und eine Beziehung zum Buch die soziale Stellung und das Selbstwertgefühl junger Menschen ändern können. Die Hauptschülerin Vanessa brachte es bis zum Abitur, weil ihr jemand ein Ohr lieh, ihr beim Lesen zuhörte und über das Gelesene sprach. „Ich habe mit Fassungslosigkeit festgestellt, dass vielen jungen Menschen jeglicher Wortschatz fehlt, weil sie nie lesen - und mit Freude gemerkt, dass sich das durch Zuwendung und Zuhören ändern lässt“, sagt Stender. Mit dieser Geschichte brachte er es in alle Medien und 2007 sogar bis zu Anne Will aufs Talkshow-Sofa. Vor allem aber begeisterte er andere Menschen mitzumachen und sich als Lesehelfer zu engagieren. Der von ihm gegründete Verein Mentor hat bundesweit mittlerweile 14.000 Mitglieder und betreut aktuell fast 17.000 Kinder. Regionsweit sind es 1600 Leselernhelfer.

Eine ist gerade neu hinzugekommen. Sie saß einst mit Gerhard Schröder auf dem roten Sofa der Georgsbuchhandlung. „Hillu“, die nach der Scheidung wieder Schwetje heißt, hat Otto Stender berichtet, dass sie jetzt im Ruhestand gerne etwas Neues machen und als Lesehelferin den Verein Mentor unterstützen möchte.

Während der Verein boomt, ist es im kleinen Geschäft in der Marienstraße ruhig geworden. Es kommt kaum noch Kundschaft. Alte Freunde schauen noch zum Klönen vorbei, vereinzelt greifen sich Kunden ein reduziertes Buch aus Grabbelkisten vor der Tür. Spätestens zum Monatsende, sagt Johanna Stender, soll Schluss sein. Das Kapitel wird zugeschlagen.

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