Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Süd Hochhaus-Sanierung führt zu Mieterhöhung
Hannover Aus den Stadtteilen Süd Hochhaus-Sanierung führt zu Mieterhöhung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:00 04.10.2012
Von Michael Zgoll
Jürgen Lange akzeptiert die Mieterhöhung nicht – er hat eine neue Wohnung im Blick. Quelle: Michael Zgoll
Südstadt

Eines der markantesten Gebäude der südlichen Südstadt, das Wohnhochhaus gegenüber dem Bismarckbahnhof, bekommt ein neues Gesicht. Eine Südstädterin hat das Haus Nummer 5 in der Mainzer Straße im Frühjahr von dem Luxemburger Fonds Geres gekauft. Ihr Ziel: Dem zehngeschossigen Gebäude, das seit den achtziger Jahren mit dunkelgrauen Alu-Schindeln verkleidet ist, das Ursprungs-Aussehen aus den fünfziger Jahren zu verleihen und es energetisch zu sanieren.

Eine hellgraue Putz-Fassade inklusive Wärmedämmung, rot abgesetzter Balkone und dreiteiliger Fenster sind wesentliche Bestandteile der Modernisierung. Bei etlichen Hausbewohnern ruft die Sanierung allerdings heftigen Unmut hervor: Sie beklagen, dass die Miete anschließend um 40 bis 50 Prozent erhöht werden soll. Einige wollen ausziehen oder sind bereits ausgezogen, andere wollen eine Mieterhöhung in dieser Höhe nicht akzeptieren.

Die neue Eigentümerin möchte das Hochhaus zu einem Hingucker machen: „Das Gebäude soll wieder eine Bereicherung für die Südstadt werden.“ Sie habe ausführlich mit Stadtplanung, Bauamt und Lokalpolitikern gesprochen, welches Aussehen dem Haus am ehesten gerecht werde. Das Ergebnis war, eine größtmögliche optische Annäherung an die fünfziger Jahre zu versuchen und das Gebäude mit seinen 55 Wohnungen und dem Ladenlokal im Erdgeschoss energetisch zu sanieren. Zum Zuge kam dabei ein Entwurf des Ingenieurbüros Dörger-Löscher-Schneider in Barsinghausen.

Ein neues Lüftungskonzept erspart es den Mietern, per Fenster zu lüften; wer möchte, kann die künftig dreifach verglasten Flügel allerdings nach wie vor öffnen. „Wir hatten auch über eine Verklinkerung der Fassade nachgedacht, aber das wäre zu kostspielig geworden“, erzählt die Besitzerin. Im Inneren des Gebäudes stehen ebenfalls Veränderungen an: Der Fahrstuhl wird - innerhalb des bestehenden Schachts - vergrößert, auch ist der Einbau einer neuen Sprechanlage geplant. Eine generelle Modernisierung der Wohnungen steht allerdings nicht ins Haus. Die Eigentümerin will diese nur sanieren, wenn Mieter ausziehen - und hat dies bislang in vier Wohnungen umgesetzt.

Die Südstädterin betont, dass sie mit allen Mietern das Gespräch gesucht habe, um deren Wünsche in Hinblick auf das Haus zu erfahren. Viele hätten sich über den „verlotterten Zustand“ des Gebäudes beschwert, hätten Geschichten von Drogenhandel in einer Wohnung erzählt oder Verfall und Verwahrlosung beklagt - was sie persönlich auch so gesehen habe. „Solch ein Haus birgt dann ja auch sozialen Sprengstoff“, sagt sie. Darum sei die Sanierung für sie „nachhaltige Bestandspflege“.

Doch wie sinnvoll eine Sanierung des Hauses auch sein mag - das Problem für viele Mieter ist, dass damit eine massive Mieterhöhung auf sie zukommt. Von 3,75 Euro Aufpreis pro Quadratmeter ist die Rede. Jürgen Lange wohnt seit 29 Jahren an der Mainzer Straße, bislang zahlte er für seine Zwei-Zimmer-Wohnung 519 Euro Warmmiete. Ab dem 1. März 2013 soll der Postbeamte im Ruhestand 738 Euro zahlen - das sind mehr als 40 Prozent Aufschlag. Seine Konsequenz: Er zieht aus. „Wenn man so lange in einem Haus gelebt und sich auch um viele Kleinigkeiten gekümmert hat, fällt solch eine Trennung natürlich nicht leicht“, klagt er. Er wisse, dass die geplanten Umbauten 878000 Euro kosten würden - doch damit Mieterhöhungen dieser Größenordnung zu verbinden, sei ein Ding der Unmöglichkeit.

Mit dieser „Luxussanierung“ versuche die Eigentümerin, die alteingesessenen Mieter aus dem Haus zu vertreiben, schimpft ein anderer Hausbewohner. Er wisse von rund einem Dutzend Mieter, die bereits ihren Auszug planen. Der Mieterbund habe ihm erklärt, die Kosten für eine Wärmedämmung in dieser Höhe dürften nur umgelegt werden, wenn eine entsprechende Ersparnis für die Mieter nachgewiesen wird - was nicht geschehen sei.

Noch weitergehende Sorgen plagen Edgar Lange, Chef des Tierbedarfs-Geschäfts „Die Futterkiste“ im Erdgeschoss. Er spricht davon, dass er künftig rund doppelt so viel Miete zahlen soll wie bisher: „Das gefährdet die wirtschaftliche Existenz meines Ladens.“ Immerhin habe er das Geschäft, seit er es vor elf Jahren übernommen habe, wieder „auf Vordermann gebracht“, inzwischen sei es eine „kleine Institution“ im Stadtteil. Zuvor waren in dem Ladenlokal Friseur, Bäcker und Apotheke untergebracht, eine Zeitlang stand es leer. Im Haus kursiere derzeit ein Unterschriftenliste gegen die exorbitanten Mieterhöhungen, auf der bislang 20 Unterschriften stehen würden, berichtet Lange. Gegen eine moderate Erhöhung habe ja niemand etwas einzuwenden, aber Sprünge von 40 oder 50 Prozent seien überhaupt nicht akzeptabel. Der Geschäftsmann beklagt zudem etliche Überraschungen: So sei die Fassade vier Wochen vor dem angekündigten Termin eingerüstet worden und sein Geschäft sei bis auf die Eingangstür von Abdeckplanen verhüllt worden: „Kein Wunder, dass ich jetzt bereits erhebliche Umsatzeinbußen habe.“

Die Eigentümerin verteidigt den früheren Baubeginn mit dem Bestreben, das Gerüst noch vor Weihnachten abbauen zu wollen: „Je eher wir fertig sind, desto besser ist es doch für die Mieter.“ Die Verhüllung der „Futterkiste“ sei ein Fehler von Seiten der Gerüstbaufirma gewesen. Dieser sei aber bereits behoben worden. Die 42-Jährige bestätigt, dass bei ihr zehn bis zwölf weitere Kündigungen eingegangen sind. Allerdings seien ihr auch andere Motive für einen Auszug bekannt als die Mieterhöhung. Zudem habe sie etliche zustimmende Reaktionen zur geplanten Verschönerung des Hauses vernommen.

Dass die geplanten Aufschläge für einige Mieter eine erhebliche Mehrbelastung bedeuten, bestreitet die Hauseigentümerin nicht. Allerdings würden einige Bewohner nur Mieten von vier Euro pro Quadratmeter zahlen - deutlich weniger als die derzeit in der Südstadt gehandelten Durchschnittsmieten. Wenn ein Haus von einem Fonds derart heruntergewirtschaftet worden sei und nun ein Mietsprung anstehe, sei das bedauerlich, aber nicht zu ändern: „Ich mache keinen großen Reibach mit dieser Modernisierung.“ Außerdem seien die Heizkosten-Einsparungen, mit denen die Hausbewohner rechnen könnten, durchaus beträchtlich, und: „Die Politik fordert doch eine Energiewende, aber das hat eben seinen Preis.“

Jürgen Lange ist das inzwischen egal. Der 68-Jährige mag nicht mit Einsparpotenzialen und Amortisations-Berechnungen in der Größenordnung von Jahrzehnten jonglieren. Er weiß nur, dass er eine Mietsteigerung von mehr als 200 Euro pro Monat nicht verkraften kann. Und deshalb steht sein Umzug aus der Mainzer Straße Nummer 5 fest - Ende November zieht er die Wohnungstür im neunten Stock ein letztes Mal hinter sich zu.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Glanzlichter zur Geisterstunde: Junge Artisten des Zirkus Salto lassen in der Südstadt „Kleine Monster“ lebendig werden - das Publikum sieht es mit Vergnügen.

04.10.2012

Auf der viel befahrenen Marienstraße könnte es noch ein wenig hektischer werden, als es ohnehin schon ist. Die Henriettenstiftung erhält dort voraussichtlich Anfang 2013 eine neue Zufahrt für Notaufnahmepatienten.

Veronika Thomas 06.10.2012

Am Dienstagnachmittag kollidierten zwei Fahrradfahrer (78 und 85 Jahre alt) an der Jordanstraße. Der 78-jährige Mann wurde dabei schwer verletzt. Die Polizei sucht Zeugen.

03.10.2012