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Neustart auf dem Kronsberg

Berufliche Wiedereingliederung für Patienten Neustart auf dem Kronsberg

Vor fünf Jahren ging die Klinik am Kronsberg in Betrieb – 
und konzentriert sich inzwischen auch intensiv auf die 
berufliche Wiedereingliederung ihrer Patienten.

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In der Klinik am Kronsberg lernen Patienten den Wiedereinstieg ins Berufsleben zu meistern.

Quelle: Michael Wallmueller

Hannover. Michel Homburg* hat wieder eine Perspektive. „Das Tollste überhaupt ist, dass ich einen neuen Job habe“, erzählt der ehemals selbstständige Tischlermeister strahlend. „Dort darf ich sogar Lehrlinge ausbilden.“ Seit drei Monaten wird der 48-Jährige in der Fachklinik für Abhängigkeitserkrankungen am Kronsberg therapiert. Und trotz seiner Probleme, die er zu bewältigen hat, wirkt er ausgeglichen und zufrieden, als sei eine riesige Last von ihm abgefallen. „Erst hier habe ich festgestellt, dass ich gar nicht der Unternehmertyp bin“, sagt der alkoholkranke Mann, der bis zu seiner Entgiftung täglich ein bis zwei Flaschen Wodka getrunken hat – um all die Belastungen und den Stress um seine Tischlerei zu ertragen. „Ich musste mindestens fünf Millionen Euro Umsatz im Jahr machen, dann haben die Kunden nicht gezahlt, dazu kam meine Depression.“

Für Michel Homburg ist es die zweite stationäre Therapie, die er absolviert. „Aber hier ist es ganz anders, das Konzept ist einfach genial“, sagt der Vater von zwei 14 und 16 Jahre alten Kindern. „Jetzt habe ich einen festen Ansprechpartner, der immer für mich da ist, sieben Tage die Woche.“ In der anderen Klinik habe er seinen zuständigen Arzt einmal wöchentlich für etwa zehn Minuten gesehen. In der Kronsberg-Klinik habe er die Möglichkeit, sich „völlig neu zu resetten“, wie er es nennt. Neustart also. Dabei sind die Probleme, die er zu bewältigen hat, nicht gerade klein. Seine Frau hat ihn mit den Kindern verlassen, aufgrund hoher Schulden müssen Haus und Betrieb verkauft werden, und er muss sich eine Wohnung suchen.

Behandlungskonzept findet überregionale Beachtung

Vor fünf Jahren wurde die Fachklinik am Kronsberg in den Gebäuden des ehemaligen Expo-Bauernhofs eröffnet. Für den hannoverschen Suchthilfeträger Step bedeutete die einzige Rehabilitationsklinik in der Landeshauptstadt eine wichtige Ergänzung des bisherigen Angebots. Vor allem das außergewöhnliche Behandlungskonzept – Alkohol-, Medikamenten- und Drogenabhängige zwischen 18 und 60 Jahren werden gemeinsam unter einem Dach therapiert – fand auch überregional Beachtung. Aber nach einem Jahr zogen dunkle Wolken über dem Kronsberg auf. Damals wurde bekannt, dass Patienten der Klinik mit Drogen handelten und Rauschgiftdealer rund um die Klinik ihre Geschäfte betrieben. 2010 gelangten Unbekannte bei einem Einbruch an Drogenersatzstoffe wie Methadon, weil es offenbar ein Leck in der Schließanlage zum gesicherten Medikamentenschrank gab. Der Klinikleiter zog daraufhin die Konsequenzen und trat zurück.

Seit Juni 2010 leitet die Diplom-Sozialpädagogin und Suchttherapeutin Carola Bau die Kronsberg-Klinik – und hat gemeinsam mit dem 46-köpfigen Mitarbeiterteam das Konzept kräftig überarbeitet. „Es funktioniert nicht, dass sich Suchtabhängige selbst managen. Diese Klientel braucht Orientierung, Schutz und Schonraum“, erklärt die 42-Jährige rückblickend. Inzwischen gebe es ein engmaschiges Kontrollsystem inklusive Zimmervisiten und Urinproben. In den Außenhäusern des weitläufigen Geländes wohnen neben Patienten auch Mitarbeiter, und die Tagesklinik mit 18 Plätzen wurde in die Walter-Gieseking-Straße verlegt – um das ständige Kommen und Gehen und die damit verbundene Unruhe am Klinikstandort zu unterbinden.

Neu ist eine Aufnahmestation, in der Neuankömmlinge zwei Wochen lang bleiben. Diese Zeitspanne soll ihnen als Orientierung dienen im System Kronsberg-Klinik mit seinem dichtmaschigen Therapiekonzept. Die neuen Patienten werden zunächst intensiv fachärztlich untersucht, danach erste Therapieinhalte festgelegt. Über 80 barrierefreie Plätze für Männer und Frauen verfügt die Klinik – 35 für Alkohol- und Medikamentenabhängige, 45 für Drogenabhängige. Das Durchschnittsalter der Patienten liegt bei 37 Jahren; zu ihnen gehören Facharbeiter genauso wie Studenten, junge Cannabiskonsumenten zwischen 20 und 30 Jahren sowie Angestellte mit anspruchsvollen Jobs, die ihre beruflichen Leistungen mithilfe von Kokain zu steigern versuchten. „Den klassischen Opiatabhängigen haben wir hier kaum noch“, sagt Carola Bau. Ziel der durchschnittlich dreimonatigen Therapie sei die berufliche Wiedereingliederung.

"Das sind Spitzenwerte"

„Wir legen großen Wert darauf, dass sich unsere Patienten hier gut aufgehoben, ernst genommen und wohlfühlen“, erläutert Bau. Dazu tragen feste Bezugstherapeuten und -gruppen ebenso bei wie eine sogenannte Meckerbox und die stets mittwochs tagende Patientenvollversammlung. Hier können Wünsche und Anregungen im Plenum vorgebracht werden, jeder Neuankömmling wird in großer Runde begrüßt, und scheidende Patienten erhalten ein kleines Abschiedsgeschenk. „Das Rückmeldesystem ist Teil unseres Erfolgsrezepts“, sagt Klinikleiterin Bau. 88 Prozent aller Patienten mit der Diagnose Alkohol schließen die Reha ihren Angaben zufolge erfolgreich ab, von den ehemaligen Nutzern illegaler Drogen schaffen es 84 Prozent. „Das sind Spitzenwerte.“

Der Klinikalltag für die Patienten ist vollgepackt mit Therapiesitzungen, Sportangeboten und Maßnahmen zur beruflichen und sozialen Integration. Hinzu kommen Seminare und Sprechstunden für Angehörige, gemeinsame Ausflüge, die Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen, Kochkurse und Kreativgruppen. Erwerbstätige lernen unter anderem, besser mit Stress und Konflikten am Arbeitsplatz umzugehen, auch in Rollenspielen. In eigenen Werkstätten werden reale Arbeitsbedingungen an speziellen Maschinen simuliert und analysiert. „Dadurch wollen wir herausfinden, ob jemand möglicherweise deshalb Entlastung durch Alkohol gesucht hat, weil er aufgrund falscher Bewegungen – etwa am Fließband oder bei der Metallverarbeitung – Probleme mit Schulter oder Rücken bekommen hat“, erläutert Bau.

Gemeinsam mit dem Jobcenter, kooperierenden Betrieben und der Deutschen Rentenversicherung, die den weitaus größten Teil der Rehabilitationen am Kronsberg finanziert, wird für Patienten ohne Job eine Berufsperspektive entwickelt. Dazu gehören Praktika, das Erstellen von Bewerbungsmappen und EDV-Training. Michel Homburg wird noch vier Wochen am Kronsberg bleiben, danach wechselt er zur weiteren Stabilisierung ins sogenannte Stadthaus. Die vielfältigen Therapieangebote haben ihm gutgetan. „Ich habe sogar acht Kilogramm zugenommen“, sagt der noch immer sehr schlanke Mann. „Sogar meine Schuldenproblematik ist hier zur Sprache gekommen.“ Was ihn aber am meisten überrascht hat, waren das Achtsamkeitstraining und die Übungen zur Körperwahrnehmung. „Sich darauf zu konzentrieren, den Wind oder Regentropfen zu spüren, das war für mich völlig neu. So etwas habe ich Jahrzehnte nicht mehr wahrgenommen.“

* Name geändert

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