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Mieter beziehen Wohnungen in ehemaliger Schule

Wohnprojekt „Südstadtschule“ Mieter beziehen Wohnungen in ehemaliger Schule

Geschlafen wird im Lehrerzimmer: Die meisten Bewohner des Wohnprojekts „Südstadtschule“ haben ihr neues Quartier bereits bezogen. Die frühere Nutzung aber bleibt lebendig – wie ein Besuch des Stadt-Anzeigers zeigt.

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So schön kann eine Wohnung in einer ehemaligen Turnhalle in der Südstadt sein. Auf den Erhalt der Sprossenwand legten die Denkmalpfleger großen Wert.

Quelle: Zgoll

Südstadt. Vor 20 Jahren hätte sich ein Pädagoge der Sehbehindertenschule gewiss nicht träumen lassen, dass „sein“ Lehrerzimmer einmal als Schlafzimmer ausstaffiert sein würde. Vor 20 Jahren hätten sich Christel Kluge und Michael Schuchmann ebenso wenig träumen lassen, ihre Nächte in einem Südstädter Lehrerzimmer zu verbringen. Doch genau das ist jetzt passiert – vor wenigen Wochen haben die Physiotherapeutin und der Gebäudereiniger-Meister ihre neue Eigentumswohnung in der Schlägerstraße bezogen. Essen sie zu Abend, tafeln sie auf dem Boden eines ehemaligen Pausengangs, betreten sie ihr kleines Atrium, stehen sie vor der Backstein-Fassade des Lehrerzimmers. Der Stadt-Anzeiger hat dem Baugemeinschafts-Projekt „Südstadtschule“, dessen 15 Wohnungen im Laufe der jüngsten drei Monate nahezu vollständig – mit Ausnahme eines Domizils – bezogen wurden, einen Besuch abgestattet – und ist auf etliche Zeugnisse vergangener Zeiten gestoßen.

Die prägende Fassade an der Schlägerstraße versprüht auch nach dem millionenschweren Umbau des Komplexes unverändert den Charme eines Umspannwerks. Sie lässt nicht erahnen, welchen Aufwand die Bauherren betrieben haben, um Denkmalschutz und individuelle Wohn-Wünsche unter einen Hut zu bringen. Auch bei einem ersten Betreten der Räumlichkeiten ist die Schulgeschichte noch überaus lebendig. Solch großzügig bemessene Flure, derart verschwenderisch angelegte Treppenhäuser oder ausufernde Kellerräume sind bei einem Neubau undenkbar. Ein Treppenaufgang, der sinnfrei vor einer Wand endet, würde dort als krasse Fehlplanung gebrandmarkt, eine Kellertreppe in Waschbeton-Optik ein Naserümpfen provozieren. Doch in der „Südstadtschule“ werden solche Besonderheiten gerne als Beweisstücke für die Einzigartigkeit des Bauvorhabens akzeptiert, nimmt man sie als Verweis auf die Ursprünge des 1959 vom Architekten Friedrich Lindau konzipierten Gebäudes gerne in Kauf. Selbst die umständlich zu befüllenden Klopapier-Halter aus den Schülertoiletten oder die großvolumigen Klassenzimmer-Lampen, die im hauseigenen Fundus verblieben sind, haben hier ihre Fangemeinde.

Jede Wohnung ist unterschiedlich groß – zwischen 59 und 176 Quadratmeter –, die Raumhöhen schwanken zwischen 2,40 und 3,30 Meter, jeder Grundriss ist anders. Bei einem Rundgang durch die Wohnungen stößt man auf ein verborgenes Kämmerchen hier, auf einen unerwarteten Ausblick dort, auf ein raffiniert eingepasstes Einbau-Element an anderer Stelle. Modern gestylt kommen die Räume daher, jeder Eigentümer durfte seine eigenen Ideen verwirklichen – so weit es der Geldbeutel zuließ.

Intensiv war das Ringen zwischen Denkmalschützern, die möglichst viel Fassadenfläche unverändert erhalten wollten, und den Licht- und Sichtbedürfnissen der neuen Besitzer. Hier und da sind die Kompromisse nicht zu übersehen: Etwa an der Rückfront der ehemaligen Büchereiräume an der Krausenstraße, wo es neuerdings bodentiefe Fenster gibt. Etwa an der Fassade der früheren Umkleideräume, in die mehrere Eingangstüren hineingeschnitten wurden, oder entlang der Außenwände, die jetzt mit fünf – wahrlich schulfremden – Balkonen bestückt sind. In die Turnhalle zogen die Bauherren zwei Zwischendecken ein, was unter Zuhilfenahme von Querwänden vier Wohnungen mit reihenhausähnlichem Charakter ergab. Deren Besitzer schauen nun südwärts durch denkmalgeschützte Sprossenfenster, die eine Armlänge vom neuen Baukörper stehengeblieben sind, haben die Backsteinmauer eines Innenhofs im Visier oder fünfgeschossigen Mietwohnungsbau in Bonbonfarben. Man wohnt halt in der Stadt – und lebt doch ein Stück Landkommune.

Zwei Jahre lang waren etliche der 15 Wohn-Parteien unter Federführung der Projektentwicklungsgesellschaft „Plan W“ und des Architekturbüros „Mosaik“ mit Planung und Bau der „Südstadtschule“ beschäftigt. Alle zwei Wochen ein Gesellschaftertreffen, das schweißt zusammen – wenn man gelegentliche Meinungsverschiedenheiten rückstandsfrei bereinigen kann. „Ich habe meine Mitbewohner in letzter Zeit viel häufiger gesehen als meine Freunde“, sagt Michael Schuchmann. Ist ein Mitglied des Wohnprojekts schwanger, nehmen alle Anteil, backt jemand einen Kuchen und lässt sich im Innenhof nieder, wird schnell ein Spontan-Kaffeetrinken in großer Runde daraus. „Jetzt brauchen wir nur noch einen Hund“, meint Anja Eckert aus dem Turnhallen-Trakt. Die meisten hätten nichts dagegen. Die meisten.

Der Innenhof ist der Kernbereich des Projekts, hier muss sich die Gemeinschaft als ebensolche erweisen. Alle Wohnungen haben Fenster und Zugänge zum Hof, hier bleibt abends nicht verborgen, welche Fernsehsendung der Nachbar sieht. Vorhänge? Traut sich noch keiner. Eigentlich sollten die Arbeiten im Gemeinschaftsgarten schon viel weiter sein, doch weil sich die Fertigstellung des Bauvorhabens um mehrere Monate verzögert hat, blicken die Anwohner nun auf eine Mischung aus Baustelle und Balkonpflanzen-Idyll. „Wir freuen uns schon auf unseren großen Tisch, der unter der Linde stehen wird“, erzählt Bewohnerin Susanne Lilje. Sechs Meter lang soll er sein und aus Beton gefertigt – hier wird Gemeinschaft zementiert.

Bunt gemischt ist die Schar der 28 Menschen, die sich am Eck von Schläger- und Krausenstraße – seit Januar 2011 in endgültiger Besetzung – zusammengefunden haben. Fast alle kommen aus der Südstadt, nur zwei Parteien haben zuvor außerhalb – in Wunstorf und nahe Bad Nenndorf – gelebt. Akademiker sind überdurchschnittlich häufig vertreten, unter anderem erproben fünf Architekten sowie ein Hochschulprofessor – Fachgebiet Tragwerkslehre – das Wohnexperiment im Selbstversuch. Ansonsten mischen sich Jung und Alt in großer Bandbreite: Alleinstehende, kinderlose Paare und Familien wohnen Tür an Tür, Kinder gibt es derzeit sechs.

Rund eine Million Euro haben die Eigentümer für den Kauf von Grundstück und Schule berappt, gut 5,5 Millionen kosteten Kauf und Umbau insgesamt. „Wir haben die Baukosten nur um fünf Prozent überschritten“, berichtet Geschäftsführer Michael Beyer-Zamzow von „Plan W“. Doch natürlich weiß auch er, dass dieses „nur“ als statistische Größe in Fachkreisen erbaulich sein mag, eine Familie an der Grenze ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit aber arg in die Bredouille bringen kann. Ein durchschnittlicher Quadratmeterpreis von mehr als 2600 Euro ist schließlich kein Pappenstiel.

Was alle Beteiligten freut, ist dagegen ein anderer Preis: Das Siegerplakat in der Rubrik „Baugemeinschaften“ beim kommunalen Wettbewerb „Familien leben in Hannover – ausgezeichnete Idee“ 2010. Zudem sind in den Wohnkomplex auch noch drei Büros integriert, und die Südstadtbibliothek hat nach ihrem Umzug in der ehemaligen Hausmeisterwohnung Fuß gefasst.

Wie sind die Aussichten? Als gelernter Bauingenieur wird Helmut Drewes sicherlich ein Auge darauf haben, ob Innenwand-Dämmung und Dreifachverglasung, Fernwärme-Heizung und Belüftungssysteme tatsächlich die angepeilte Einsparung „30 Prozent unter den vorgeschriebenen Werten der Energieeinspar-Verordnung“ bringen werden. Kunstlehrerin Susanne Lilje ist voller Vorfreude, in einem der Gemeinschaftskeller ein Atelier einzurichten, in dem sich alle Bewohner des Projekts künstlerisch betätigen dürfen. Und wenn dem Projekt „Südstadtschule“ im kommenden Jahr der Frühling blüht – dann wollen alle zusammen im begrünten Innenhof eine verspätete Einzugsparty feiern.

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„Südstadtschule“
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