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Süd Obdachlose Frau erregt die Gemüter
Hannover Aus den Stadtteilen Süd Obdachlose Frau erregt die Gemüter
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16:55 06.06.2012
Andrea Mühl hat seit mehr als zehn Jahren keinen festen Wohnsitz mehr. Quelle: Felix Klabe
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Döhren

Andrea Mühl liebt Bücher. Am liebsten lese sie Krimis oder was zum Lachen, sagt sie. Zurzeit nimmt ein Roman der Schriftstellerin Barbara Noack die 51-Jährige mit auf eine Reise in die fünfziger Jahre, in der die kriegsgeplagten Deutschen die eigenen vier Wände wieder in den Mittelpunkt ihres Lebens rückten. Gegen Noaks fiktive Welt ist Mühls Welt klein, ihr Zuhause ein beständiges Provisorium an der Peiner Straße, direkt am Üstra-Depot zwischen Mauer und Gebüsch. Das missfällt einigen Anwohnern, die den versteckt liegenden Schlafplatz der Obdachlosen für eine Müllhalde halten und eine Rattenplage fürchten. Bezirksratsherr Marc Herrmann von der Piratenpartei will das Thema Obdachlosigkeit im Stadtbezirk Döhren-Wülfel auf die Tagesordnung setzen - und übt Kritik an den großen Parteien.

Herrmanns hatte per E-Mail vorgeschlagen, das Leben der Obdachlosen im Stadtbezirk und die Einberufung eines Runden Tischs auf der Mai-Sitzung des interfraktionellen Fraktionskreises im Bezirksrat zu diskutieren. Rückmeldung bekam er nur von den Sozial- und Christdemokraten. Diese hätten Bereitschaft signalisiert und kundgetan, über das Thema intern beraten zu wollen. „Mehr kam aber nicht,“ kritisiert der Piraten-Vertreter. Die Mai-Sitzung wurde schließlich abgesagt, „weil die SPD keinen Bedarf für eine Zusammenkunft sah“. Herrmann befürchtet nun, dass das Thema erst nach der Sommerpause im Bezirksrat behandelt wird, falls es nicht in der kommenden Interkreis-Sitzung Mitte Juni auf den Tisch kommt. „Wenn der Umbau der Güntherstraße in die Fraktionen gezogen wird, ist das nicht so schlimm“, meint der Kommunalpolitiker. „Eine Straße kann warten, ein obdachloser Mensch aber nicht.“ Zudem kritisiert er die „langsame Entscheidungsfindung der großen Parteien“.

Die CDU-Fraktionsvorsitzende Gabriele Jakob kritisiert indes Herrmanns Vorgehen. „Das Schreiben ist wenig konkret“, meint die Politikerin. Obdachlosigkeit sei in erster Linie Sache der Stadt und durchaus geregelt: „Es muss niemand auf der Straße schlafen.“ Dennoch sei die Partei bereit, an einer Konferenz zu diesem Thema teilzunehmen - vorausgesetzt, Marc Herrmann formuliere sein Anliegen konkreter. Diese Aussage wiederum kann der Piraten-Politiker nicht verstehen: „Mit einer zeitnahen Nachfrage hätte man Unklarheiten schnell beseitigen können.“ Zudem habe er den Eindruck, dass einige Kommunalpolitiker keinerlei Berührungspunkte mit Obdachlosen hätten oder haben wollten.

Auch Wilfried Lindwedel, der Andrea Mühl schon häufig besucht hat, sagt, dass es schwer sei, politische Kräfte zu mobilisieren, wenn es um Obdachlose ginge. Lindwedel hatte sich Ende vergangenen Jahres mit dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) überworfen und seinen Posten als Vorsitzender des DRK-Ortsverbands Hannover-West aufgegeben. Jetzt hat er den Verein „In Würde leben“ gegründet und kümmert sich um Hilfsbedürftige in der ganzen Stadt. „Viele Menschen, die auf der Straße leben, nehmen unser Angebot an“, erklärt Lindwedel. Mühl dagegen sei ein schwieriger Fall.

Sie wolle nicht in eine Unterkunft, dort bekäme man Flöhe und würde beklaut, bestätigte die 51-Jährige ihre ablehnende Haltung im Gespräch mit dem Stadt-Anzeiger. Mühl ist seit mehr als zehn Jahren ohne Arbeit und ohne feste Unterkunft. Wann genau sie ihre Wohnung in Waldhausen aufgegeben hat, kann die gelernte Floristin nicht sagen, will es vielleicht auch nicht erzählen. Der Tod ihrer Mutter, die sie innig geliebt hatte, war der Anfang eines langsamen Abstiegs, erzählt Lindwedel. Mühls Zähne sind faul, ihre Kleidung kaputt, und die Brille, die ihre Augen größer werden lässt, ist mit Kleber nur dürftig geflickt. Wenn sie erzählt, wie sie Flaschen sammelt, bei Penny An der Wollebahn im Biomüll nach Essen wühlt oder neue Krimis und Romane aus dem Bücherschrank am Fiedelerplatz holt, versucht sie ihr Leben als die „große Freiheit“ zu verkaufen. Lindwedel nimmt ihr das nicht ab. „Andrea Mühl gibt vor, zufrieden mit ihrem Leben zu sein, an den schlechten Lebensumständen ändert das aber nichts.“ Doch mehr als seine Hilfe anbieten kann er auch nicht. Nur selten nehme sie etwas an, bestätigt Mühl. „Eine Mutter mit einem Kleinkind gab mir neulich fünf Euro“, erinnert sie sich.

In der Döhrener Nachbarschaft äußern sich einige Menschen kritisch über die Obdachlose. „Wenn wir nicht aufpassen, müllt sie uns den gesamten Grünstreifen zu“, sagt ein Anwohner aus der Peiner Straße. Dieser Müll kann Mühl zum Verhängnis werden. „Es gibt noch keinen Anlass, die Behausung zu entfernen“, heißt es von Seiten der Polizei. Doch sollten Beschwerden eingehen, würden sich die Beamten der Sache annehmen. Der Kontaktbeamte für diesen Bereich habe sich bereits vergeblich bemüht, die Obdachlose zu treffen und mit ihr zu sprechen. Die Polizei dulde Menschen ohne Bleibe zunächst einmal, sagt ein Pressesprecher. Zurzeit prüft die Üstra, ob sich die Behausung auf dem Gelände der Verkehrsbetriebe befindet. „Das Problem war uns bis jetzt nicht bekannt“, erklärt Sprecher Udo Iwannek.

Sollte es im Stadtbezirk zu einem Runden Tisch mit Hilfsorganisationen und Politik kommen, wäre auch die Polizei bereit, nach einer Lösung für Mühl und andere Obdachlose zu suchen. „Ich würde die Betroffenen auch gerne an den Tisch holen“, sagt Pirat-Vertreter Herrmann. „Es ist wichtig, mit den Leuten zu sprechen und nicht über sie.“ Ob sich Andrea Mühl allerdings mit Politikern, Polizei und Vereinen an einen Tisch setzt, ist aber fraglich. „Sie hat sich entschieden, ihr Leben so zu leben“, meint Wilfried Lindwedel.

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