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Rat und Anwohner streiten um Buslinie 134

Seelhorst Rat und Anwohner streiten um Buslinie 134

Der Bezirksrat und Anlieger vom Wülfeler Bruch liefern sich einen heftigen Schlagabtausch über die Ausweitung des Busfahrplans im Viertel.

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Ab Dezember soll der Bus auch am Wochenende durch den Wülfeler Bruch rollen.

Quelle: Michael Zgoll

Seelhorst. Rund 30 Minuten dauert der Schlagabtausch zwischen Bürgern und Politikern, ein Schlagabtausch, wie er in seiner klaren Frontstellung nur selten zu beobachten ist im Bezirksrat Döhren-Wülfel. Auf der einen Seite stehen an diesem Abend rund zehn Anwohner, die sich vehement gegen die Ausweitung des Busverkehrs am Wülfeler Bruch wehren. Auf der anderen Seite verteidigen die Politiker das neue Wochenendangebot, das ab dem Fahrplanwechsel im Dezember gelten soll. Doch es geht in der Bürgerfragestunde auch um Grundsätzliches: Wird die Buslinie 134 im östlichen Zipfel des Stadtteils Seelhorst überhaupt gebraucht?

„Ich werde oft kurz um vor fünf von dem ersten Bus geweckt, aber da sitzt niemand drin“, klagt Herbert Aue, Anwohner aus dem Wülfeler Bruch. Sein Haus stehe 22 Meter von der Fahrbahn entfernt, doch die Vibrationen der vorbeirollenden Busse seien ständig zu spüren. Aue hat die Üstra und die Region angeschrieben, hat notiert, dass rund 90 Busfahrten pro Tag bereits zu Setzrissen an Häusern geführt hätten. Gutachterlich bestätigt, das muss er zugeben, ist der Zusammenhang zwischen den Rissen an Fassaden oder gefliesten Badezimmerwänden und dem Busbetrieb aber nicht. Michael Mücke wohnt in der Peiner Straße und moniert einen anderen Punkt - Geschwindigkeitsübertretungen: „Die Busfahrer halten sich kaum an Tempo 30.“

Bei einem Ortstermin wenige Tage nach der Bezirksratssitzung warten die Anwohner noch mit weiteren Vorwürfen auf. Abbo Grüßing aus dem Wülfeler Bruch macht sich Sorgen um seinen zweijährigen Sohn: „Mich stört, dass manche Autofahrer den Bürgersteig benutzen, um einem entgegenkommenden Bus auszuweichen.“ Auch die Busse selbst würden gelegentlich über das Trottoir rollen - die Fahrbahn sei halt viel zu schmal. Der unbefestigte Randstreifen auf der Ostseite, erzählen Nachbarn, werde immer wieder ausgefahren, auch von Fahrzeugen naher Gewerbebetriebe, und die tiefen Spurrillen müssten regelmäßig mit Schotter aufgefüllt werden.

Besonders laut seien die alten, gasbetriebenen Üstra-Fahrzeuge, klagt Reinhard Tietz: „Wenn ich Gäste habe und der Bus fährt vorbei, ist erst mal Pause.“ Bei Ursula Peckmann vibriert dann, so erzählt sie, die Dunstabzugshaube, in anderen Häusern klirren die Gläser. Und immer wieder wird der Vorwurf laut, die lärmenden Brummer würden nur von wenigen Üstra-Kunden genutzt. Besonders spärlich sei die Fahrgastzahl frühmorgens, am späten Vormittag und am Nachmittag. Etliche Seelhorster wohnen schon seit 30 oder 40 Jahren am Wülfeler Bruch, sie vermissen die Ruhe vergangener Tage. 90 Prozent dieser Anlieger, sagt Herbert Aue, wollten die Busse aus dem Viertel verbannen.

Doch die Politiker im Bezirksrat halten dagegen. Schließlich kämpfen sie seit vielen Jahren dafür, dass das Quartier nahe dem Seelhorster Kreuz an den öffentlichen Personennahverkehr angebunden wird. „Wir haben schon 1986 versprochen, dass es hier eine vernünftige Infrastruktur geben wird“, erinnert sich CDU-Fraktionschefin Gabriele Jakob. Und nun sei sie „froh und glücklich“, dass die Linie 134 bald sieben Tage die Woche verkehre - und „irgendwo muss der Bus ja schließlich entlangfahren“.

SPD-Bezirksratsherr Jens Schade berichtet von Senioren, die nicht mehr Auto fahren könnten und auf den Bus angewiesen seien. Andere Politiker verweisen auf Kinder, die zur Schule müssen, auf Auszubildende, die die Gewerbebetriebe an der Eupener Straße leichter erreichen oder auf Jugendliche, die künftig sonntags per Bus zum Sport fahren können. Helmut Hunger von der WfH bringt ganz persönliche Erfahrungen ein. Während des Vorwahlkampfs, erzählt er, habe er viele Straßen in der Seelhorster Siedlung abgeklappert und die Leute befragt: „Und 90 Prozent haben gesagt, dass sie hoffen, dass der Bus bald auch am Wochenende fährt.“

Doch die Widerspenstigen vom Wülfeler Bruch lassen sich an diesem Abend nicht besänftigen. Sie stellen „Wohninteressen“ über „Mobilitätsinteressen“. Und die Reihe der Ratschläge ist lang. Ein Fußweg von 800 Metern zu einer Haltestelle sei Kindern durchaus zuzumuten. Auch gebe es Fahrräder. Und Taxen. Herbert Aue empört sich Richtung Bezirksrat, wirft den Politikern „Borniertheit“ vor: „Sie müssen im Kopf mobiler werden.“

In einem Brief an Üstra und Stadt hat Anwohner Aue kritisiert, dass der Wülfeler Bruch seiner Einschätzung nach gar nicht für eine Nutzung mit schweren Bussen ausgelegt ist. Der Fachbereich Tiefbau hält dagegen: „Die Straße Wülfeler Bruch wurde nach den Regeln der Technik dimensioniert und gebaut.“ Der bei dieser Straßenkategorie zu erwartende Schwerlastverkehr inklusive Busverkehr sei dabei berücksichtigt worden. Möglicherweise, so die Tiefbauer, seien die Erschütterungen auf unebene Schachtdeckel zurückzuführen. Inzwischen hat die Stadtentwässerung die Gullydeckel überprüft. Ergebnis: Anfang 2013 werden im Wülfeler Bruch 20 Kanaldeckel inklusive Unterbau ausgetauscht. Nach Auskunft von Pressesprecher Helmut Lemke sind die neuen Deckel beweglich gelagert und erzeugen damit beim Überfahren wesentlich weniger Lärm als die Vorgängermodelle. Rund 36000 Euro lässt sich die Stadtentwässerung den Austausch in Seelhorst kosten.

Auch die Üstra hat auf die Beschwerden reagiert. Wegen des „engen Straßenraums“ sei eine Überschreitung von Tempo 30 kaum möglich, schreibt das Nahverkehrsunternehmen. Es sei „durchaus denkbar, dass auf Grund der engen Straßenverhältnisse die Geschwindigkeit eines großen Fahrzeugs subjektiv höher wahrgenommen wird“, heißt es in einem Schreiben. Nichtsdestotrotz nehme man die Klagen zum Anlass, im Wülfeler Bruch verdeckte Geschwindigkeitsmessungen vorzunehmen.

Die Anlieger stellt das nicht zufrieden. Auch Tage nach der Bezirksratssitzung sind sie verstimmt. Aber ob sie wirklich glauben, die Ausweitung der Busfahrten an den Wochenenden verhindern zu können? Oder gar die Buslinie 134 wieder ganz verbannen zu können aus ihrem Idyll? Nur wenige Anwohner des Wülfeler Bruchs sind hier hoffnungsfroh. Aber Kompromisse, wenigstens, müssten doch möglich sein. Dass die Busse nicht mehr ganz so früh fahren. Vielleicht nur von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends, oder nur noch alle halbe Stunde. Oder dass auf dieser Strecke ausschließlich die modernen, leisen Solaris-Modelle eingesetzt werden, nicht mehr die alten, lauten. Und mit viel Glück, meint einer, stelle die Üstra wenigstens den Wochenendbetrieb nach einem Probejahr wieder ein.

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