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Stolze Gesichter in Schwarz-Weiß

Südstadt Stolze Gesichter in Schwarz-Weiß

Die neue Fotogalerie in der Eisfabrik hat sich zum beliebten Ausstellungsort entwickelt. Die aktuelle Schau zeigt Menschen aus Mississippi.

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Fotograf Henning Bode führt durch seine Ausstellung in der Galerie für Fotografie (GAF).

Quelle: Michael Wallmüller

Hannover.  Lucille ist eine stolze Frau. Das sieht man ihr auf dem Foto an. Das Kinn ist leicht gehoben, die Augen blicken direkt in die Kamera. Auch mit 92 Jahren steht die dunkelhäutige Amerikanerin kein bisschen gebückt, als Henning Bode sie vor ihrem Haus im US-Bundestaat Mississippi fotografiert.

„Der Stolz ist häufig das Einzige, worauf sich die Leute dort verlassen können“, erzählt Bode. Zwei Monate ist der freiberufliche Fotograf mit seiner Kamera durch das Flussdelta im ärmsten und bildungsschwächsten Staat der Vereinigten Staaten gezogen. „Fifty fifty Mississippi“ nennen die Bewohner ihren Staat selbstironisch, weil er auf vielen Ranglisten - wie zur Gesundheit oder zum Pro-Kopf-Einkommen - unter den 50 US-Staaten auf dem letzten Platz landet. Und „Fifty/Fifty Mississippi meats FSA“ heißt jetzt auch die Ausstellung, die in der Galerie für Fotografie (GAF) auf dem Gelände der Südstädter Eisfabrik zu sehen ist. Gezeigt werden neben Henning Bodes Foto-Essay auch Bilder aus derselben Gegend, die knapp 80 Jahre früher entstanden sind. Damals, 1935, schickte die Farm Security Administration (FSA) Schriftsteller und Fotografen an den Mississippi, um das Elend der zumeist schwarzen Landbevölkerung zu dokumentieren. „Heute hat sich die Situation ja kaum verändert“, berichtet Henning Bode. Er erzählt von einem von Drogen bestimmten Alltag, von Perspektivlosigkeit und Tristesse.

Als er Lucille fotografierte, hat er sie gefragt, ob sie schon einmal umgezogen sei: „Ja“, sagte die alte Dame, „von dort drüben, auf der anderen Straßenseite, hierher.“ Auf dem Foto, das er dann schoss, lässt sich die Trostlosigkeit eines fast hundertjährigen Lebens in der feucht-warmen Provinz trotzdem allenfalls erahnen. Im Vordergrund steht die Würde der Frau. „Ich möchte die Menschen nicht dekonstruieren oder mit dem Finger die heillose Armut aufzeigen“, erklärt Bode. Stattdessen sind ausdrucksstarke Schwarz-Weiß-Fotos entstanden, die dem Betrachter genügend Spielraum für Spekulationen lassen.

In der Galerie in der Seilerstraße kommen die kontrastreichen Fotos besonders gut zur Geltung. Die hohen Fenster lassen Tageslicht so üppig in den Raum fluten, dass Kunstlicht fast verzichtbar wird. „Die Licht-Farb-Komposition musste monochrom sein, damit Schwarz-Weiß-Bilder ebenso wie Farbfotos zur Geltung kommen“, sagt der hannoversche Architekturprofessor Bernd Rokahr, der die Innenräume gestaltet hat.

Seit der Eröffnung der GAF im März ist „Fifty/Fifty Mississippi meats FSA“ schon die vierte Ausstellung. Bodes Bilder aus Mississippi waren ursprünglich für seine Diplomarbeit als Fotojournalismusstudent an der Hochschule Hannover bei Prof. Rolf Nobel gedacht. Dass er nach Andreas Meisner, der im Juli seine Bilder über TÜV-Prüfverfahren zeigte, schon der zweite ehemalige hannoversche Fotostudent ist, der in der GAF ausstellen darf, ist kein Zufall. Denn neben den Fotoschauen angesehener Fotografen sollen auf den gut 260 Quadratmetern immer wieder auch Nachwuchstalente die Möglichkeit bekommen, ihre Arbeiten in sonst kaum möglicher Breite zu präsentieren. „Die Absolventen unseres Studiengangs Fotojournalismus und Dokumentarfotografie genießen hohes Renommee und haben schon fast alle internationalen Fotopreise kassiert“, sagt Nobel, der zugleich erster Vorsitzender des Trägervereins der Galerie zur Förderung der Fotografie in Hannover ist.

Auch Henning Bode ist schon fünffach preisgekrönt. Unter anderem gewann er im vergangenen Jahr den Alfred-Fried-Fotopreis. Ins Mississippidelta flog Bode dabei eigentlich, um den Spuren des Blues nachzugehen, der musikalischen Heimat von Größen wie John Lee Hooker oder Muddy Waters. In seiner Ausstellung in der GAF sind jetzt trotzdem nur zwei Bilder mit musikalischem Thema zu sehen. Ein Foto von drei Gospelsängerinnen und eines von Pat, der im Blues-Museum Gitarre spielt. „Wahrscheinlich könnte man heute rüberfliegen, und Pat würde dort sitzen und Gitarre spielen“, meint Bode.

Im Alltag der Bevölkerung spielt der Blues dagegen heute nur noch eine Nebenrolle. Hip-Hop und Rap sind die musikalische Gegenwart, Rodeos und Barbecues für viele die Höhepunkte im Privatleben. Bode hat all das mit seiner Rolleiflex-Kamera festgehalten. Es sind Bilder aus nächster Nähe entstanden, die viel Wert auf die Zwischentöne legen und die Menschen im Mississippidelta in den Fokus rücken. Stolze Menschen wie Pat und Lucille.

Die Mississippi-Ausstellung in der GAF, Seilerstraße 15d, läuft bis zum 2. November. Geöffnet ist donnerstags bis sonntags von 12 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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