Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 4 ° wolkig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Warum der Tiergarten Kirchrode so besonders ist

Hannovers schönste Orte Warum der Tiergarten Kirchrode so besonders ist

Der Tiergarten in Kirchrode ist einer der schönsten Orte der Stadt, sagt Landschaftshistoriker Hansjörg Küster. Aber warum genau ist er so besonders? Ein Rundgang mit dem Experten.

Voriger Artikel
Straßen sollen sicherer für Kinder werden
Nächster Artikel
Platz machen, bitte!

Professor Hansjörg Küster führt durch den Tiergarten Kirchrode. Der 56-Jährige leitet das Institut für Geobotanik der Leibniz-Uni und ist Mitglied im Eilenriedebeirat. Der Tiergarten ist für ihn einer der schönsten Orte Hannovers.

Quelle: Link

Hannover. Norddeutschland beginnt am Tiergarten. Bei Eintritt in die Grünanlage weist Geobotaniker Hansjörg Küster auf den Höhenunterschied zur Tiergartenstraße hin, die einige Meter höher liegt. „Das sind noch die Ausläufer vom Kronsberg“, sagt er. Der Kronsberg sei einer der wenigen letzten Bergschollen in Hannover. Im nördlicheren Deutschland, in dem auch der Tiergarten liegt, bestehe das Erdreich nur noch aus lockeren Ablagerungen aus der Eiszeit.

Entlang der Tiergartenstraße verlaufe eine geologische Grenze, an der seit Millionen von Jahren der Leinegraben aufbricht und hier irgendwann den Kontinent auseinander spalten wird. „Das dauert aber noch mindestens hundert Millionen Jahre“, sagt Küster. Eine Garantie will er dafür aber nicht geben: „Man soll mich nachher nicht dafür braten, wenn es nicht stimmt.“

In erster Linie ist Küster Biologie und ein Experte für Ökologie und Landschaftsgeschichte. Die erforscht er unter anderem am Tiergarten. Mit Studenten macht er dort regelmäßig Praxisprojekte. Derzeit bereitet sein Institut für Geobotanik eine umfassende historische Untersuchung zum Tiergarten vor.

„Der Tiergarten gehört zu den ältesten und am besten erhaltenen Tiergärten in Deutschland“, sagt Küster. Seit dem späten 17. Jahrhundert wird die Anlage zum Jagen von Tieren genutzt. „Ein Tiergarten ist kein Zoo, sondern eine Jagdanlage“, stellt er klar. Ohne das Schießen des Wilds könnte sich das Ökosystem dort auch nicht erhalten. „Sonst würden sich die Tiere unkontrolliert vermehren und hier alles kurz und klein fressen“, sagt der Geobotaniker.

Um die Jagd zu erleichtern, sind die zentralen Wege gerade und gut einsehbar angelegt worden. Das ist schon am Haupteingang deutlich zu erkennen. Das geübte Auge kann sogar die Spuren der 120 bis 150 Damhirsche sofort feststellen. „Die Zweige der Bäume sind bis zur Kopfhöhe der Tiere völlig abgefressen“, sagt Küster. Bis zur Höhe von etwa 1,40 Meter könne an den Bäumen daher nichts wachsen. Junge Bäume überlebten überhaupt nur deswegen, weil sie mit Manschetten vor den Tieren geschützt werden. „Selbst die älteren Bäume haben einmal eine Manschette gehabt. Man kann daher sagen: Der ganze Bestand ist künstlich“, sagt Küster.

Auch der vermutlich älteste Baum des Tiergartens befindet sich hinter einer Absperrung, weil er zu zerbrechen droht. Die angeblich 650 Jahre alte Eiche steht auf einer Wiese links neben dem Haupteingang. Um das Alter genau festzustellen, müsste man den Stamm aber zersägen und die Jahresringe zählen. Auf andere Weise lasse sich das Alter eines Baumes nicht bestimmen, erklärt der Pflanzenökologe.

Wie viele Bäume ist auch die Eiche in der Vergangenheit intensiv genutzt worden. „Der Baum ist ausgesprochen knorrig. Das hat er nicht von Natur aus“, stellt der 56-Jährige fest. Viele Bäume wurden regelmäßig beschnitten, damit ihr Holz genutzt werden kann und sie schneller wachsen.

Besonders wichtig sei das bei Eschen. Zahlreiche dieser Laubbäume sind entlang der Kanäle südlich des Futterplatzes gepflanzt worden. „Wenn man Eschen auf die richtige Weise beschneidet, sind sie fast unbegrenzt haltbar“, sagt Küster. Zweige und Laub der Esche sind als Tierfutter äußerst begehrt. Die Eichen wurden dagegen vor allem für ihr Bau- und die Buchen für ihr Brennholz gepflanzt. Diese Praxis, die aus dem Mittelalter stammt, sei noch an vielen Stellen der Anlage sichtbar.

Darüber hinaus gibt es im Tiergarten viele Schmuckbäume wie Tulpenbäume oder Rosskastanien, die ursprünglich nicht in Mitteleuropa heimisch sind. Die Kastanien wurden aber auch deswegen angesiedelt, weil sie das Wild mit leckeren Früchten versorgen. Die Damhirsche im Tiergarten müssen dennoch zusätzlich gefüttert werden. „Im Winter findet das Wild kein Futter, und im Frühjahr würde es sonst keine Pflanzen wachsen lassen“, sagt Küster.

Höhepunkt des Tiergartens ist für den Landschaftsexperten aber ein ganz besonderer Baum: Die alte Hainbuche in der Nähe des sogenannten Sterns im Zentrum der Anlage. „Das ist der schönste Baum Hannovers“, findet der Botaniker. Ihn zu erhalten sei aber schwierig. Der Baum werde nur noch mit Drähten zusammengehalten. „Ohne die würde der schwerste Ast herunterbrechen und der ganze Baum würde in mehrere Teile zerbersten“, sagt Küster. Die Sicherungsmaßnahmen würden sich aber lohnen. Schließlich sei die Hainbuche besonders eindrucksvoll und daher nicht umsonst nach dem Romantik-Maler Ludwig Richter benannt, obwohl sie mit ihm eigentlich gar nichts zu tun habe.

Abgesehen von einigen Einzelfällen sei die Gesundheit der Bäume im Tiergarten aber sehr gut. „Ich finde es bewundernswert, dass manche Bäume hier 200 Jahre lang stehen bleiben“, sagt er. Überhaupt stellt der Universitätsprofessor dem hannoverschen Tiergarten ein ganz ausgezeichnetes Zeugnis aus: „Der Tiergarten ist wirklich etwas Besonderes und in Hannover wird er viel zu wenig gewürdigt.“

Von Christian Link

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Süd
So schön ist die Südstadt in Hannover
Region Hannover
So schön ist Hannover-Kirchrode