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Wie braun ist der Maschsee?

Debatte Wie braun ist der Maschsee?

Der künstlich angelegte See gilt vielen als Musterbeispiel für NS-Ästhetik – zu Unrecht, sagt der renommierte Bauhistoriker Sid Auffarth. Der See sei weniger in der Nazizeit verankert als gedacht.

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Arbeitsbeschaffung im Dritten Reich: Arbeiter legten den Maschsee 1935 an – am Nordufer wurde der Fackelträger aufgestellt.

Quelle: Archiv

Hannover. Wenn Landschaften auf ihren guten politischen Ruf achten müssten – der Maschsee hätte nicht viel zu verlieren. Angelegt wurde der künstliche See von 1934 bis 1936 als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme der Nazis. Vielen gilt er schon deshalb als Kind des NS-Ungeistes, das von der demokratischen Gesellschaft nach 1945 trotz seines Geburtsfehlers gewissermaßen adoptiert wurde. Der Bauhistoriker Sid Auffarth hingegen hat jetzt eine Lanze für den See gebrochen: „Dieser ist nicht halb so braun wie sein Ruf“, sagte er bei einem Vortrag im Historischen Museum.

Tatsächlich reichen die Pläne für einen künstlichen See im Überschwemmungsgebiet Aegidienmasch bis ins 19. Jahrhundert zurück. Eine Kommission brachte bereits 1910 den Namen „Masch-See“ ins Spiel. Pate für die Pläne standen die Hamburger Außenalster, die schon anno 1190 als Norddeutschlands größter Mühlenteich angelegt wurde, und die barocke Karlsaue in Kassel. Damals lehnte Stadtdirektor Heinrich Tramm das Projekt ab – es erschien ihm zu teuer. Oberbürgermeister Arthur Menge hingegen kämpfte von 1927 an vehement für den See, dessen Bau das Bürgervorsteherkollegium 1932 beschloss. Vor der Machtergreifung der Nazis also, die das populäre Projekt dann  propagandistisch ausschlachteten.

Hannover kann man sich ohne den Maschsee schon lange nicht mehr vorstellen. Hier ein Foto der Eröffnung des Maschsees am 21.05.1936.

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An der Säule der Fackelträger-Skulptur ist der Reichsadler noch heute zu erkennen, das Hakenkreuz wurde ausgekratzt. Doch unterm Strich verteidigt Auffahrt die Bauten am Seeufer gegen den Vorwurf, allein der NS-Ästhetik entsprungen zu sein. „Mit der vom Freimaurer Fritz Beindorff gestifteten Skulptur waren die Nazis teils nicht einverstanden, da sie keinen hochgerüsteten Krieger zeigte“, sagt er. Die Handbewegung des Fackelträgers, oft als heimlicher Hitler-Gruß interpretiert, deutet Auffahrt als „verhaltene Heilsbringergeste“. Der Bildhauer Hermann Scheuernstuhl kreierte wohl auch die Putto-Figur auf dem nahen Musikpavillon, die eine ähnliche Handbewegung macht: „Eine spielerische Antwort auf den Fackelträger“, sagt Auffarth.

Der Pavillon am Nordufer, das dank seiner Palmen ans Mittelmeer erinnere, sei mit seinen schlanken Säulen „zutiefst bürgerlich“ ausgefallen, sagt der Bauhistoriker. Den Aussichtsturm am Strandbad schuf der schon in den zwanziger Jahren erfolgreiche Architekt Robert Borlinghaus im sachlich-funktionalen Design. Auch dessen Eingangstor sei kein großer Portikus, wie die Nazis ihn bevorzugt hätten, sagt Auffahrt. Das Jachthaus am Seeufer wurde gar vom Bauhaus-Schüler Carl Bauer entworfen. Und die von Georg Kolbe erschaffene Skulptur „Menschenpaar“ sei in einem Stil gehalten, der bereits in den zwanziger Jahren gängig gewesen sei, sagt Auffahrt: „Ein bürgerliches, traditionalistisches Verständnis von Architektur hat sich in Hannover in der NS-Zeit sehr lange gehalten.“

Ganz ins Konzept der Nazi-Ästhetik passen hingegen die martialischen Löwen, die Hitlers Lieblingsbildhauer Arno Breker für die Löwen-Bastion schuf. Doch auch hier hat Auffarth eine ironische Brechung ausgemacht: Am Gitter zu den Füßen der brachialen Tierskulpturen sind Fischfiguren zu sehen, die sich geradezu putzig ausnehmen – sie wirken wie ein spöttischer Kommentar. Vor allem sei der See jedoch ganz ohne jene Achsen gestaltet worden, wie NS-Stadtplaner sie meist bevorzugten, sagt der Bauhistoriker: „Die Achsen am Maschsee erinnern noch am ehesten an die abstrakten Bildkompositionen des modernen Künstlers Kasimir Malewitsch.“

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