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Zeckenfibel klärt Fragen über die blutsaugenden Parasiten

Südstadt Zeckenfibel klärt Fragen über die blutsaugenden Parasiten

Ernst Fischer aus der Südstadt wurde vor 30 Jahren von einer Zecke mit dem Borreliose-Erreger infiziert. Seither hat er sich zum vielgefragten Experten auf diesem Gebiet entwickelt.

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Ernst Fischer hilft durch seine Zeckenfibel Fragen zu klären. Auf seiner Internetseite erreichen ihn Hilferufe aus allen Teilen der Welt.

Quelle: Tobias Kleinschmidt

Südstadt. Es war ein schöner Sommertag im September 1984, als Ernst Fischer mit seiner Familie zum Brombeerpflücken im Schwäbischen Wald unterwegs war. Damals ahnte der heute 60-Jährige aus der Südstadt nicht, dass dieser Tag sein ganzes Leben verändern würde. Wochen später litt er unter Müdigkeit, Benommenheit und Kopfschmerzen, später kamen hohes Fieber, Bewusstlosigkeit, Lähmungen im rechten Bein und im Gesicht, ein vermindertes Hörvermögen, Erbrechen, Herzbeschwerden und Kreislaufzusammenbrüche hinzu.

Für Ernst Fischer begann eine Odyssee durch die Arztpraxen - bis eine Ärztin nach drei Jahren endlich die richtige Diagnose stellte: Schwere Neuroborreliose, übertragen durch einen Zeckenbiss in den Unterschenkel. Die Infektionskrankheit konnte schließlich zwar mit Antibiotika therapiert werden. Aber Fischers Körper war - nach der langen Zeit ohne richtige Behandlung - schon so geschädigt, dass für den damals 33-Jährigen an eine Berufstätigkeit nicht mehr zu denken war.

Er entwickelte sich zum ehrenamtlichen Fachmann in Sachen Zecken

Seine lange Leidensgeschichte veranlasste Fischer damals, sich für mehr Aufklärung über Zecken und die von ihnen ausgehenden Gefahren einzusetzen. Er las unzählige Abhandlungen über die Spinnentiere, nahm Kontakt zu Ärzten, Laboren, Pharmaunternehmen und Politikern auf und entwickelte sich mit der Zeit zum ehrenamtlich arbeitenden Fachmann in Sachen Zecken. Fischer schrieb eine Zeckenfibel und begann 1999 damit, eine Internetseite ( www.zeckenbiss-borreliose.com) aufzubauen, auf der er seine Informationen und Erkenntnisse der Öffentlichkeit zugänglich machte. Seither erhält er Anfragen und Hilferufe aus allen Teilen der Welt. Rund 31 Millionen Besucher hat der Südstädter bis heute auf seiner Webseite registriert.

„Zur Panik gibt es beim Thema Zecken keinen Anlass“, betont Fischer. Aber zu sorglos sollte auch niemand durch Wald und Wiesen streifen, rät er. Der Stadt-Anzeiger sprach mit ihm über das Zeckenaufkommen im Süden der Stadt, das richtige Verhalten im Freien und darüber, was zu tun ist, wenn doch eine Zecke zugebissen hat.

Herr Fischer, gibt es in den südlichen Stadtteilen Gebiete, in denen auf jeden Fall mit Zecken gerechnet werden muss?

Ernst Fischer: Grundsätzlich gilt, dass in der Natur Zecken vorkommen. Die Tierärztliche Hochschule Hannover hat dazu in den vergangenen Jahren Untersuchungen vorgenommen. Dabei zeigte sich, dass sowohl im Gebiet der Tiefenriede/Eilenriede als auch am Altwarmbüchener See jede dritte Zecke mit dem Borrelienerreger durchseucht ist. Auch auf den vielen Grünflächen der südlichen Stadtgebiete sowie in Haus- und Kleingärten muss immer mit diesen Blutsaugern gerechnet werden. Zecken fallen aber nicht von den Bäumen - wie mancher fälschlicherweise glaubt. Sie halten sich bevorzugt an Gras, Farn, Laub und Büschen bis zu einer Höhe von etwa zwei Metern auf - dort werden sie dann von Spaziergängern, Joggern, spielenden Kindern und Gartenbesitzern im Vorbeigehen abgestreift. Besonders gefährdet sind auch Mitarbeiter der Grünflächenämter, Förster und Jäger.  

Wie können sich Menschen, die sich im Freien aufhalten, vor einem Zeckenbiss schützen?

Ernst Fischer: Wer auf dem Rasen ein Sonnenbad nehmen möchte, sollte immer eine Decke als Unterlage benutzen. In höherem Gras sollten die Strümpfe über die Hosenbeine gezogen werden. Am Besten ist es, helle Kleidung zu tragen. Dort sind die Zecken dann meistens gut zu erkennen. Man kann zudem Schuhe und Beine mit Zeckenspray einsprühen, es wirkt bis zu drei Stunden. Bei Gartenarbeiten sollte das Spray auch auf die Arme gesprüht werden. Jogger sollten auf den Waldwegen bleiben. Nach jedem Aufenthalt im Freien sollte der Körper gezielt nach Zecken abgesucht werden, auch im Genitalbereich. Wer eine Zecke an seinem Körper entdeckt, sollte sie mit einer schmalen, spitzen Splitterpinzette gerade herausziehen oder mit einer „Zeckenkarte“ im Format einer Scheckkarte mit integrierter Lupe entfernen. Zeckenzangen sind meist zu grob. Zecken dürfen nie gequetscht oder gedrückt werden. Kleidung kann man in den Wäschetrockner stecken, damit sich dort eventuell befindliche Zecken lösen.

Welche Krankheiten übertragen die Zecken in unseren nördlichen Breiten?

Ernst Fischer: In Norddeutschland ist dies die Borreliose, eine Erkrankung die durch Bakterien verursacht wird. Allgemein auch als Lyme-Borreliose bekannt, die in den achtziger Jahren in den USA entdeckt wurde. Eine Impfung gegen diesen Erreger gibt es bisher nicht. In Süddeutschland spielt außer der Borreliose auch die FSME eine Rolle. Da es sich hierbei um Viren handelt, ist eine Impfung möglich. Eine allgemeine „Zeckenimpfung“, wie oft gesagt wird, gibt es nicht!

Entwickelt sich aus jedem Zeckenbiss eine Borrelioseinfektion?

Ernst Fischer: Nicht jede Zecke ist mit dem Borrelioseerreger durchseucht. Wenn die Zecke nicht länger als vier bis zehn Stunden am Körper war, ist die Gefahr einer Erkrankung als eher gering anzusehen, aber nicht auszuschließen. Ich hatte auch schon einige Anrufer, die innerhalb dieser Zeit mit dem Erreger infiziert wurden. Da Beschwerden oft Wochen nach diesem Ereignis auftreten können, sollte ein Zeckenbiss immer mit Datum, Uhrzeit und Ort festgehalten werden.

Woran ist zu erkennen, dass man von einer Zecke gebissen wurde?

Ernst Fischer: Nur in etwa 60 Prozent der Fälle entwickelt sich eine Hautrötung, die handtellergroß werden kann. Dies ist das sicherste Zeichen für eine Borrelieninfektion. Andere bekommen oft erst nach vielen Wochen unerklärliche Beschwerden. Diese werden dann nicht mehr mit einer Zecke in Verbindung gebracht. Im Vordergrund stehen hier Symptome wie bei einer Grippeerkrankung: Müdigkeit, Herzbeschwerden, starke Gelenkschmerzen oder Gelenkentzündungen.

Was ist in diesem Fall zu tun?

Ernst Fischer: Um die Erkrankung und eine notwendige Therapie nicht zu verschleppen, muss dazu eine spezielle Blutuntersuchung erfolgen, die aber erst nach etwa sechs bis acht Wochen aussagekräftig ist. Das ist die Zeit bis zur Antikörperbildung. Beim Auftreten einer Hautrötung muss sofort eine antibiotische Therapie beginnen, die zudem ausreichend lange, und zwar mehr als drei Wochen, erfolgen sollte. Bei Lähmungen sollte immer auch an eine Neuroborreliose gedacht werden, hier hat der Erreger das Nervensystem befallen. Man sollte Zeckenbisse nie ignorieren, nach dem Motto „Zecken sind nur in Süddeutschland gefährlich“.

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