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Süd Zu Besuch bei Boehringer
Hannover Aus den Stadtteilen Süd Zu Besuch bei Boehringer
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19:31 03.08.2012
Projektleiter Friedolin Nöker (r.) und Engelbert Günster, Chef von Boehriger Deutschland, zeigen einen der Räume, in dem die Tiere gehalten werden. Quelle: Michael Thomas
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Kirchrode

Wenn Friedolin Nöker durch die Flure des fast fertigen Neubaus geht, vorbei an Handwerkern und Baumaterial, wirkt er wie ein Häuslebauer, der stolz sein künftiges Eigenheim präsentiert. Jeden Winkel in dem Gebäude scheint er zu kennen, jeden Fortschritt der Arbeiten hat er im Blick.

„Sie können sich alles anschauen“, sagt er gut gelaunt. Man merkt schnell: Nöker will erklären, er will, dass keine Fragen offen bleiben – und der Gast nach dem Rundgang das Gefühl hat, er habe verstanden, was bald in dem vanillegelben Komplex an der Bemeroder Straße passieren wird. Nöker verantwortet die Bauplanung für die wohl meistdiskutierte Neuansiedlung Hannovers der vergangenen Jahre: Er ist Projektleiter des Forschungszentrums für Tierimpfstoffe, das der Pharmakonzern Boehringer am 27. September offiziell eröffnen wird.

Die Menschen, die in dem 19.000 Quadratmeter großen Gebäude daran arbeiten werden, innovative Impfstoffe gegen Tierkrankheiten für den europäischen Markt zu entwickeln, sind bereits da. 50 Fachkräfte, davon 20 Wissenschaftler, hat Boehringer zurzeit eingestellt. Sie haben die Büros schon Ende März bezogen, auch die 53 Laboratorien sind inzwischen in Betrieb.

Noch aber fehlen die Tiere. Ohne sie kann das gesamte Projekt nicht richtig starten. Denn die neuen Impfstoffe sind für Nutztiere wie Schweine und Rinder gedacht – an diesen werden die Substanzen getestet. Ziel ist es, den Antibiotikaeinsatz in der Tiermast zu reduzieren. Ende des Jahres sollen die ersten Versuchstiere eintreffen. Schweine werden es sein, gezüchtet von niedersächsischen Landwirten, zunächst ein paar Dutzend. Lange Zeit tauchte in der öffentlichen Diskussion die Zahl 1000 auf. So viele Schweine, hieß es immer wieder, würden in der Anlage gehalten. Für Tierschützer und Anwohner der gegen das Projekt gegründeten Bürgerinitiative war auch das einer der Gründe, den Bau der Forschungsanlage verhindern zu wollen.

„Die Zahl beruht auf einem Missverständnis“, sagt Nöker. Auf 100 sogenannte Großtiereinheiten ist der Trakt für die Tiere ausgelegt – das könnte rein rechnerisch bis zu 1000 Jungschweinen entsprechen. Im laufenden Forschungsbetrieb würden aber nie mehr als 350 Tiere gleichzeitig in der Anlage untergebracht. Wo diese künftig gehalten werden, zeigt Nöker zunächst aus der Distanz: Aus einem Gang mit großen Fenstern fällt der Blick auf die darunterliegenden Stallungen, die bei Boehringer grundsätzlich „Tierräume“ genannt werden. Von der oberen Ebene aus werden später Forscher, Tierärzte und -pfleger das Verhalten der Tiere kontinuierlich beobachten.

„Das ersetzt natürlich nicht den direkten Kontakt zu den Tieren“, erklärt der Projektleiter. Nach seinen Worten soll den Versuchstieren ihr Dasein in der Anlage so abwechslungsreich gestaltet werden, wie das unter Forschungsbedingungen eben möglich ist. Über Lautsprecher werde von Experten empfohlene Musik eingespielt, Spielzeuge würden in die Boxen gelegt, und weil Außenlicht in die insgesamt 16 Räume einfällt, erlebten die Tiere auch den Tag- und Nachtwechsel, sagt Nöker.

Er sagt aber auch, dass keines der Schweine oder Rinder den Komplex an der Bemeroder Straße lebend wieder verlassen wird. Dabei ist es unerheblich, ob die Tiere, abhängig von der Art der Versuche,  wenige Wochen oder mehrere Monate bleiben. Weil das Gesetz vorschreibt, dass keine Erreger aus der Anlage nach außen gelangen dürfen, müssen die Tiere getötet und die Kadaver anschließend keimfrei entsorgt werden.

Auch die Station, wo das später passiert, wird Nöker noch zeigen. „Sie können sich alles anschauen.“ Dieser Satz fällt häufig, während er mit dem Geschäftsführer von Boehringer Deutschland, Engelbert Günster, durch den Neubau führt. Beide haben die Konflikte in der Nachbarschaft rund um die Ansiedlung des Impfstoffzentrums miterlebt. Und beide wissen, dass der künftige Dialog mit den Anwohnern nur funktionieren kann, wenn der Pharmakonzern Offenheit zeigt. Auch für die Kirchröder sind darum Führungen durch das Gebäude geplant.

Beim Rundgang öffnen sich immer wieder dicke Stahltüren. Allein die Zugangsschleusen zu den Tierräumen sind vierfach gesichert. Wenn Forscher oder andere Mitarbeiter dorthin wollen, müssen sie zweimal die Kleidung wechseln und bis zu dreimal duschen. Im ganzen Gebäude herrsche Unterdruck, damit alle Partikel garantiert über den Zentralfilter abgesaugt werden, erklärt Maschinenbauingenieur Nöker. Die hochkomplexe Lüftungs- und Filteranlage ist das Herzstück des Forschungszentrums. Durch sie gilt der Bau als 99,9995-prozentig sicher – was die Bürgerinitiative nicht glauben mag.

Die letzte Station der Führung ist die Endstation für die Tiere. Dort steht ein Metallkonstrukt, das aussieht wie eine riesige Gulaschkanone. Der fachlich korrekte Terminus lautet „Sterilisationsautoklav“. Darin werden die toten Tierkörper in Lauge zersetzt, die entstandene Flüssigkeit wird sterilisiert und mit speziellen Transportern zur Tierkörperbeseitigungsanstalt gefahren.

Noch nicht angeliefert ist der Kran, der in den fast zehn Meter hohen Raum integriert werden soll. Weil die Kadaver der ausgewachsenen Tiere mehrere hundert Kilogramm wiegen und vor dem Bad in der Lauge nicht zerteilt werden, müssen sie in Gänze in die Höhe gehievt werden. Auch das erklärt Nöker fachlich-routiniert, ohne Details auszusparen. Ob sein Credo, sich alles genau anzusehen, auch später noch für diesen Teil des Gebäudes gelten wird, bleibt abzuwarten.

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