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Südstadt Ausgebombte Schüler werden Freunde fürs Leben
Hannover Aus den Stadtteilen Südstadt Ausgebombte Schüler werden Freunde fürs Leben
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14:58 28.11.2015
Das Bild zeigt von rechts Hans Schwer (84), Manfred Schellwald (85), Horst-Dieter Schroers (85), Walter Roloff (85) und Ruprecht Dröge (84). Quelle: Benjamin Behrens
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Südstadt

Südstadt. Als in der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober 1943 der schwerste Luftangriff des Zweiten Weltkriegs auf Hannover geflogen wurde, trafen die Bomben auch die Tellkampfschule. Ihr damaliges Gebäude am Aegidientorplatz wurde zerstört. Doch der Unterricht musste weiterlaufen. Und so wurde in Windeseile die Unterbringung dreier Jahrgänge im Harz organisiert. Aus den damaligen Siebtklässlern wurden fernab von Krieg und Zerstörung Freunde fürs Leben. Seit 20 Jahren treffen sie sich regelmäßig.

„Unsere Schule war weg, und auch diverse Lehrer hatten ihre Wohnung verloren“, erinnert sich Hans Schwer. Bereits am 28. Oktober war es mit dem Zug von Laatzen aus in Richtung Harz gegangen. „Wir wurden im Spiegeltal in Pensionshäusern untergebracht“, erzählt der 84-Jährige. Drei nahe beieinander gelegene Wassermühlen - Untermühle, Mittelmühle und Wegesmühle genannt - wurden für die Tellkampfschüler zum neuen Zuhause. „Die stehen heute noch“, sagt Schwer.

Von nun an teilten sich die 22 Schüler von ehemals 30 in kleinen Gruppen die Stuben, die mit Stockbetten, spärlichem Licht und kleinem Eisenofen auf dem Flur ausgestattet waren. „Es sind diejenigen mitgefahren, die nicht bei Verwandten unterkommen konnten“, erzählt Horst-Dieter Schroers. Manche Klassenkameraden des 85-Jährigen setzten ihre Schullaufbahn in Hildesheim, Dresden oder auch Erfurt fort. Der Rest nahm den provisorischen Schulbetrieb bei den Lehrern auf, die mit umgezogen waren. „Es konnte alles unterrichtet werden“, sagt Walter Roloff.

Gemeinsam gegessen wurde im umgebauten Speisesaal, der auch als Unterrichtsraum diente. „Morgens gab es Milchsuppe - angebrannt“, erinnert sich Manfred Schellwald. Und auch Kunsthonig, hartes Brot ohne Butter sind dem 85-Jährigen im Gedächtnis geblieben. Es sei ja nun mal Krieg gewesen, sagt er. Nach und nach verbesserte sich die Ernährung, ein Jahr später wurde sogar ein Starkstrom-Anschluss in die Mittelmühle gelegt.

„Auch wenn die Schüler formal nach der NS-Ideologie unterrichtet wurden, inklusive Antreten, Marschieren und dem Singen von Soldatenliedern, war fernab von Radio und Zeitung der Kriegsalltag sehr weit weg“, sagt Horst-Dieter Schroers. Im Wald Cowboy und Indianer zu spielen und der Dienst in der Hitlerjugend schienen sich nicht zu widersprechen, ergänzt Manfred Schellwald. Und auch als ein Mitschüler auf dem Eisenofen wie auf einem Schlagzeug trommelte und lauthals sang: „Heute ist Jazz auf dem Adolf-Hitler-Platz“, blieb dies ohne Konsequenzen. Manche ihrer Lehrer hatten längere Zeit in England oder Brasilien gelebt. „Die kannten das Ausland und wussten, was auf der Welt passierte“, sagt Manfred Schellwald respektvoll.

Der 85-Jährige und seine Mitschüler hatten bei Otto Gleichmann Kunstunterricht. Heute hängen Bilder des von den Nationalsozialisten mit Berufsverbot belegten Expressionisten im Sprengel-Museum. Damals, im Harz, hatte er die neu gewonnene Freiheit genutzt. „Am Wochenende haben wir gesehen, wie er in den Wiesen saß und malte“, erinnern sich seine einstigen Schüler.

An den Wochenenden waren die Schüler der Mittelmühle so oft wie möglich im Wald, sammelten Heidelbeeren, erkundeten die alten Bergwerksstollen oder fuhren mit selbst gebauten Flößen auf den Seen umher. So wuchsen sie zusammen wie eine Familie. Da ließ der eine oder andere dann auch schon mal beim Küchendienst etwas Nachtisch extra mitgehen. „Organisieren“ habe dies bei ihnen geheißen, sagt Manfred Schellwald milde lächelnd. „Das machten ja alle.“

Am 5. April 1945 war es vorbei mit der Idylle in dem zwischen Zellerfeld und Bockswiese gelegenen Spiegeltal. Es habe dann auf einmal geheißen „Innerhalb von drei Stunden räumen“, berichtet Hans Schwer. Die Räume wurden zur Unterbringung von Soldaten für den letzten Widerstand gegen die Alliierten benötigt.

Mit einem Rucksack, gefüllt mit dem Nötigsten, wurden die Schüler in den Zug in Richtung Hannover gesetzt. Manche, wie Manfred Schellwald, hatten sich schon vorher abgesetzt. „Meine Mutter hat gesagt, ich soll abhauen, wenn es brenzlig wird.“ Zwölf der Schüler schlugen sich über Clausthal-Zellerfeld und Goslar nach Hildesheim durch - teilweise zu Fuß. „Im Hildesheimer Bahnhof sind wir von Tieffliegern beschossen worden“, erinnert sich Walter Roloff. Der heute 85-Jährige flüchtete mit den anderen in die Zugtunnel und blieb unversehrt.

In Hildesheim trennten sich die Wege der Schüler. Einige fuhren mit dem Zug weiter, andere marschierten nach Hildesheim-Himmelsthür und erwischten dort die Straßenbahn, die noch bis Wülfel fuhr. Alle kamen wohlbehalten zu Hause an, trotz des Chaos der letzten Kriegstage. „Merkwürdigerweise wussten wir alle, welchen Weg wir zu gehen hatten“, sagt Ruprecht Dröge.

1955 trafen sich der heute 84-Jährige und seine Schulkameraden wieder, manche hatten ihr Abitur gemacht, andere eine Lehre begonnen. Jeder kannte noch irgendwen, so fanden sie sich zusammen. Seit 1995 treffen sich die Ehemaligen - ein gutes Dutzend sind es noch - dreimal im Jahr. Man kann sich immer auf die alten Freunde verlassen, auch nach all den Jahren. Da sind sich alle einig.

Von Benjamin Behrens

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