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Aus den Stadtteilen "Deutschland ist gut"
Hannover Aus den Stadtteilen "Deutschland ist gut"
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00:17 04.10.2015
Von Uwe Janssen
Rund 300 Flüchtlinge sind am 23. September von ihrer bisherigen Notunterkunft auf dem Messegelände nach Badenstedt gezogen. An den Tagen darauf folgten 150 weitere Männer. Quelle: Kutter
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Badenstedt

Joe dreht sich eine. Er sitzt mit seinen vier Kumpels auf dem Parkplatz, zwischen ihnen liegen Tabaktüten und ein paar geleerte Halbliterdosen „Elephant“-Bier. Die Nachmittagssonne wärmt den Boden, einer hat die Schuhe ausgezogen. Der Zaun hinter den fünf jungen Sudanesen ist mit weißen Planen abgehängt, Sichtschutz für die Flüchtlingsunterkunft in Badenstedt, die mal ein Marktkauf-Gartenmarkt war und nun rund 450 Männer beherbergt. „Weißt du, warum ich rauche?“, fragt Joe, lugt unter dem stattlichen Schirm seiner roten Kappe hervor und beantwortet die Frage gleich selbst. „Weil ich genießen will. Ich weiß, dass Rauchen nicht gut ist. Aber Bier trinken, rauchen und einfach in der Sonne sitzen, das ist für mich gerade genießen.“

Joe heißt eigentlich nicht Joe, aber alle nennen ihn so. Vor zwei Tagen ist er hier angekommen. Davor, berichtet er, seien er und seine Freunde zwei Monate unterwegs gewesen. Die typische Route, vom westsudanesischen Darfur über das angrenzende Libyen, dann mit dem Schiff nach Italien und schließlich mit dem Zug nordwärts. Nun sind sie hier. „Deutschland ist gut. Besser als Italien“, sagt Joe und dann: „Sudan is bullshit.“

Joe (links) ist erst einmal froh, in Deutschland zu sein. Er kommt aus dem Sudan. Quelle: Kutter

Sein Freund Ahmed zieht den Pulloverkragen über die Schulter und zeigt eine Schusswunde. Am Bein ist eine weitere. Joes Arme sind von Brandwunden gezeichnet. „Sudan is bullshit“ wiederholt er und berichtet, wie er Menschen neben sich auf offener Straße hat sterben sehen. Sein Englisch ist passabel, auch ein bisschen Deutsch haben die jungen Männer gelernt: „Wie geht’s?“, „Dankeschön“, „Auf Wiedersehen!“, „Bahnhof“, „Brot“, „Milch“ werfen sie in die Runde.

Vor dem ehemaligen Baumarkt stehen an diesem Nachmittag kaum Autos, die andere Seite des Parkplatzes ist voller. Vor allem ein Rewe-Markt mit einer kleinen Bäckerei und eine dm-Drogeriefiliale nebenan sorgen für Einkaufsvolk. Man beobachtet sich gegenseitig. Manchmal kreuzen sich die Wege, wenn die Flüchtlinge etwas kaufen oder in Gruppen über den Parkplatz zur Stadtbahnstation an der Badenstedter Straße gehen.
„Das muss sich alles erst einpendeln“, sagt Brigitte Schlienkamp. Die SPD-Politikerin und Bezirksbürgermeisterin sitzt vor der kleinen Bäckerei und spricht über ihre Arbeit, die in diesen Tagen vor allem Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit ist. Sie hat alle Geschäftsleute hier abgeklappert und unentwegt Gespräche geführt. „Viele haben sich sofort bereit erklärt, zu helfen“, sagt sie, „ich habe wirklich wenig Bedenken gehört.“
Am Abend wird sich ein Unterstützerkreis gründen, eine Informationsveranstaltung in der Vorwoche sei schon sehr gut besucht gewesen – und die Hilfsbereitschaft enorm. Diese zu kanalisieren, sei eine wichtige Aufgabe. „Man kann eben nicht einfach reingehen und sagen: Ich mache hier jetzt Deutschunterricht.“ In Projektgruppen sollen am Abend Themen wie Freizeitangebote, Behördengänge oder Fahrradreparatur angepackt werden und auch Gesprächskreise, in denen Deutsch nicht systematisch von Pädagogen unterrichtet wird, sondern als Umgangssprache in offenen Zirkeln.

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Vor einer etwa einer Woche sind 450 männliche Flüchtlinge in einen ehemaligen Baumarkt in Badenstedt gezogen.

Einige wollen nicht auf Arbeitsgruppen warten. Wie Herr Fuchs. Er hat einen DRK-Mitarbeiter aus dem Flüchtlingsheim an seinem Namensschild erkannt und spricht ihn auf dem Parkplatz einfach an: „Brauchen Sie Hemden in Größe 43?“, fragt der 79-Jährige. Doch die DRK-Sozialarbeiter kommen kaum nach, sieben sind es derzeit, doppelt so viele sollen es werden. „Die Sozialarbeiter sind im Augenblick zeitlich überfordert“, sagt Gabriele Allgeier, die Leiterin der sozialen Dienste beim Roten Kreuz, „weil sie erstmal damit beschäftigt sind, die Primärversorgung sicherzustellen.“ So groß die Hilfsbereitschaft in der Badenstedter Bevölkerung auch ist, so schwierig ist es momentan, diese Angebote zu koordinieren. Die Helfer bitten um Geduld.

Für Herrn Fuchs, der um die Ecke wohnt, ist Hilfe die eine Seite, die andere Seite ist von Sorge geprägt. Er habe zwar noch mit keinem Flüchtling gesprochen („Da kommt man nicht ran“), seine Schwägerin traue sich aber jetzt nicht mehr mit dem Hund raus. Und um „unsere Häuser haben wir Sorge, da ist ja was zu holen“. Bei ihm ist es eine diffuse Angst, genährt von Medienberichten über die Massenschlägerei in einem Flüchtingsheim bei Kassel, von der er „schockiert“ war.

Oben im ersten Stock hat man einen guten Blick über den Parkplatz und das Flüchtlingscamp. Auf der mit Kunstrasen ausgelegten großen Dachterrasse toben die Kinder der privaten Kindertagesstätte „Kleine Riesen Little Giants“. Die Eltern hätten noch keine Besorgnis geäußert, sagt Leiterin Katharina Koch, aber zwei ihrer Mitarbeiterinnen hätten am Vortag in einer Rauchpause vor der Tür eine unangenehme Erfahrung mit der neuen Situation gemacht. Zwei Männer aus dem Camp hätten die beiden Frauen angesprochen, sie gefragt, ob sie sie küssen dürften und sie schließlich auch angefasst. „Das ärgert mich so“, sagt die Kita-Leiterin, die viel Verständnis für die Situation der Flüchtlinge hat und sich nun ein wenig um ihren Vertrauensvorschuss gebracht sieht. „Ich bin echt enttäuscht. Ich hoffe, dass das Einzelfälle sind.“

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Der ehemalige Baumarkt in Badenstedt wird zur Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert.

Abends treffen sich die Unterstützer. Der Saal im Kulturtreff Plantage unweit der Notunterkunft ist voll. Die Männer und Frauen, die hier sind, wollen helfen, es herrscht fast eine Art Aufbruchstimmung, sich dieser großen Herausforderung gemeinsam zu stellen. Auf großen Pappplakaten an der Wand sind die Projektnamen aufgeschrieben.

Doch es gibt auch noch Verständnisfragen: Dürfen die Flüchtlinge sich im öffentlichen Nahverkehr frei bewegen? Was ist mit Gesprächskreis gemeint? Einige Helfer berichten von ihren Erfahrungen aus Ahlem, wo bereits vor einem Jahr Flüchtlinge in ein Schulgebäude eingezogen sind – und sich die Koordination von Hilfsangeboten bereits eingespielt hat. „Ahlem“, sagt Bezirksbürgermeisterin Brigitte Schlienkamp, „ist ein gutes Beispiel, wie etwas gelingen kann.“

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