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82-Jähriger sammelt alles über Fußballvereine

Jörg Janze 82-Jähriger sammelt alles über Fußballvereine

Jörg Janze war elf Jahre alt, als er 1944 auf einem Dachboden in Holzminden eine vergilbte Zeitung entdeckte. Seither sammelt der 82-jährige Hannoveraner alles, was ihm zu den hannoverschen Fußballvereinen in die Finger kommt.

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Jörg Janze mit seinem Privat-Archiv. Seit seiner frühesten Kindheit beschäftigt sich der 82-Jährige mit den hannoverschen Fußball-mannschaften.

Quelle: Moers

Südliche Stadtteile. Mit den Pimpfen des Jungvolks, der Jugendorganisation der Hitler-Jugend, war er auf den Boden der Volksschule gestiegen, um dort Blätter zum Trocknen auszulegen. Da fiel der Blick des Jungen auf eine Schlagzeile, die ihn bis heute nicht losgelassen hat. „Endspiel um die deutsche Meisterschaft: 1896 - Schalke“, titelte die Niedersächsische Tageszeitung am 30. Mai 1938 auf ihrer Sportseite. Die Zeitungsfetzen, die Jörg Janze bis heute in einer Folie im Wohnzimmerschrank verwahrt, hatten dort bereits sechs Jahre gelegen, bevor er sie aufhob und in seine Taschen stopfte.

Im Hannover der Dreißigerjahre aufgewachsen, hatte Jörg Janze natürlich von dem legendären Endspiel am 3. Juli 1938 in Berlin gehört. Und davon, wie Erich Meng die 96er in der 115. Minute zu ihrer ersten Deutschen Meisterschaft schoss. Als die 96-Mannschaft mit dem Meistertitel in der Tasche nach Hannover zurückkehrte, jubelten 100 000 Zuschauer auf dem Bahnhofsvorplatz den Spielern frenetisch zu, bevor diese in zweispännigen Pferdekutschen zur Siegesfeier in der Stadthalle fuhren. „In den Dreißigerjahren hat mir als Kind die Deutsche Meisterschaft sehr imponiert“, erzählt der heute 82-jährige Janze.

Die Begeisterung für den Fußballsport hat bei dem Wettberger bis heute angehalten. Seit dem elften Lebensjahr verfolgt der ehemalige Kaufmann und Versicherungsvertreter die Geschichte der hannoverschen Fußballvereine wie wohl kein Zweiter. Jedes verfügbare Ergebnis und viele Tabellen hat er in Kladden aufgehoben; sauber handschriftlich notiert und kommentiert. In einer Erzählreihe des Geschichtsvereins „Netzwerk Archive Linden-Limmer“ gab Janze im Vereinsheim der SG 74 in Herrenhausen Einblick in sein Privat-Archiv. Seitdem interessieren sich Historiker und Vereinschronisten für die Aufzeichnungen des außergewöhnlichen Fußballfans.

„Hiermit könnte ich jedem Verein in Hannover einen Lebenslauf schreiben“, sagt Janze und klappt auf dem massiven Wohnzimmertisch eine seiner Kladden auf. „BV Werder - Hannover 96 1:8“, ist auf einer Seite mit feiner Bleistiftmine vermerkt. Eine desaströse Niederlage des nordhannoverschen Vereins in der Oberliga Niedersachsen-Süd im Jahr 1947. Die Mannschaft des BV Werder sei damals wegen ihrer Trikotfarben als „Schwarze Husaren“ in Hannover bekannt gewesen, erzählt Janze.

Die Zeit zwischen 1920 und 1944 interessiert ihn jedoch am meisten - eine Ära lange vor der Einführung der Bundesliga 1963/64, in der es in Hannover gleich mehrere starke Fußballvereine gab. Mehrere Jahre hat Janze damit verbracht, in Archiven die Sportbeilagen des Hannoverschen Anzeigers, dem Vorläufer der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, durchzublättern. „Damals durfte ich nicht kopieren. Deshalb habe ich alles handschriftlich festgehalten“, erzählt er.

Von manchem Spiel kennt nur Janze das korrekte Ergebnis. Bei seinen Recherchen war er in den Tageszeitungen immer wieder auf unrichtige Wertungen gestoßen. Während diese für den Laien nur Zahlen und Tabellen sind, kennt Janze die Geschichten und Anekdoten, die sich hinter den Nummern verbergen. Heute haben seine Aufzeichnungen für die Vereinschronisten einen unschätzbaren Wert. Janze hat bereits mitgeholfen, Chroniken für den BV Werder und die SG 74 zu erstellen.

An eine Spielszene aus seiner Jugend kann Jörg Janze sich noch ganz genau erinnern: Es passierte im Freundschaftsspiel von Hannover 96 gegen Schalke 04 im Hindenburgstadion. „Da kam plötzlich ein Schuss auf das Schalker Tor“, erzählt der 82-Jährige aufgeregt, als wäre es erst am vergangenen Wochenende gewesen. Vor dem Schalker Kasten stand „Ötte“ Tibulski, Nationalspieler, Mitglied des „Schalker Kreisels“ und nach dem Karriereende Betreiber der Vereinsgaststätte auf Schalke. Obwohl der Ball dem Tor gefährlich nahe kam, nahm Tibulski die Pille lässig mit dem Kopf. Die abgezockte Art, mit der er seinem Torwart den Torschuss zunickte, statt ihn sicher mit dem Fuß zu entschärfen, hat Jörg Janze nachhaltig beeindruckt - vielleicht deshalb, weil sich heute kaum ein Bundesliga-Profi eine solch leichtsinnig-selbstbewusste Aktion mehr trauen würde. Damals sei ein anderer Fußball gespielt worden, erzählt Janze. „Der Vater stand auf dem Platz, die Mutter saß im Vereinsheim beim Kaffeekränzchen und die Söhne lagen am Feld und schauten zu.“

Von Mario Moers

Fußballgeschichte ist kaum erforscht

Obgleich die Bedeutung des Fußballs und seiner Vereine auch in Hannover unbestritten ist, steckt die historische Aufarbeitung noch in den Kinderschuhen. Vor drei Jahren hat Hannover 96, größter Verein in der Stadt, als erster einen Archivar eingestellt. Für Sebastian Kurbach ist das Wissen von Zeitzeugen wie Jörg Janze eine wichtige Quelle. Besonders die Vorkriegsgeschichte, in der Hannover 96 sich die Gunst des Publikums mit mehreren starken Vereinen teilte, liegt weitgehend im Dunkeln. Nur wenige Vereine haben das Geld und die Kapazitäten, ihre Historie wissenschaftlich aufzuarbeiten. „Das Wissen ist da. Aber es ist versteckt auf den Dachböden und in den Köpfen der Zeitzeugen“, erläutert Kurbach. Die lokale Fußballgeschichtsforschung steht aus der Sicht des Historikers noch am Anfang, etliche Forschungsfelder sind noch unbearbeitet. Beispielsweise habe Hannover 96 aus der Zeit vor 1945 keine Mitgliederlisten. „Und es gibt bislang keine Aufarbeitung der Schicksale jüdischer Vereinsmitglieder“, sagt Kurbach. Während sich etwa der Stadtteilgeschichte zahlreiche Hobby-Historiker verschrieben haben, existiert in Hannover kein Zirkel der historischen Fußball-Forscher. „Die Sicherung des Wissens und die wissenschaftliche Dokumentation geht nicht ohne professionelle Partner“, sagt Kurbach. Aus diesem Grund will der 96-Archivar künftig in Kooperation mit dem Stadtarchiv Workshops für Vereine anbieten. Dort sollen deren Vertreter lernen, selbst eine anspruchsvolle Chronik zu erstellen.

mm

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