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Blaue Flecken gehören dazu

Herrenhausen Blaue Flecken gehören dazu

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans zumeist doch noch: In speziellen Kursen bringt der ADFC Erwachsenen das Radfahren bei.

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Vom Roller aufs Rad: Der zehntägige Unterricht baut schrittweise aufeinander auf. Radfahrlehrerin Charlotte Niebuhr (kl. Bild) bei einer Übung. Die Schüler sollen jeweils umsetzen, was sie abwechselnd anzeigt.

Herrenhausen. Radfahren lernen die meisten bereits im Kindesalter. Vom Bobbycar über den Tretroller und Stützräder zum ersten eigenen Fahrrad, das ist der übliche Weg zur Mobilität auf zwei Rädern. Tatsächlich können auch hierzulande viele Menschen im Erwachsenenalter noch immer kein Rad fahren. Für die bietet der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club Region Hannover (ADFC) spezielle Radfahrkurse für Erwachsene an. Nach zehn Tagen auf dem Schulhof der Goetheschule sind beinahe alle Fahrschüler bereit für ihren ersten Radausflug durch den Georgengarten.

In dem Sommer, als Andreas aus Sarstedt sein erstes Fahrrad mit Stützrädern geschenkt bekommen hat, brach er sich das Bein. Kurz darauf wurde er eingeschult. „Da brauchte ich nicht mehr Radfahren lernen, ich hatte ja eine Schülermonatskarte und später den Führerschein“, erinnert sich der kräftige Vierzigjährige mit den martialischen Tätowierungen und dem Punk-T-Shirt, weshalb er nie gelernt hat, Rad zu fahren. Dabei nervt es ihn heute, dass er nicht wie 21 Prozent der Beschäftigten in der Region mit dem Rad zur Arbeit fahren kann. Das soll sich ändern. „Hätte ich vorher gewusst, dass es solche Kurse gibt, hätte ich das schon vor Jahren gemacht“, erzählt er begeistert.

Bereits eine Woche nach Beginn des Radkurses kurven er und fünf Teilnehmerinnen einigermaßen sicher um die orangefarbenen Hütchen auf dem Schulhof. In der Mitte steht Radfahrlehrerin Charlotte Niebuhr mit einem Stapel Zettel in der Hand. Wenn darauf steht „Nase“, müssen sich die Radneulinge kurz an dieselbe fassen, ohne dabei umzufallen. „Sie sollen jetzt lernen, während sie weiterfahren, die Konzentration auf eine zweite Aufgabe zu fokussieren“, erklärt Niebuhr die fortgeschrittene Übung.

Seung-Ji Joe hätte nie gedacht, dass sie noch einmal Radfahren lernt. „Als ich in Südkorea aufwuchs, war das für Frauen tabu“, erzählt die 70-jährige Fahrschülerin. Später in Deutschland hat es sie geärgert, dass sie zu Fuß laufen musste, während ihre Kinder vorbrausten. Die haben ihr nun die Teilnahme an dem Kurs geschenkt. Ein bisschen wackelt die Seniorin noch auf dem leichtgängigen Klapprad, aber ihr Ziel für heute, einmal ohne abzusetzen die große Runde zu drehen, hat sie bereits erreicht.

Frauen mit Migrationshintergrund stellen den größten Anteil der Fahrschülerinnen. In ihren Herkunftsländern hatten sie häufig keine Möglichkeit, Radfahren zu lernen. Andere sind nach einem Sturz nie wieder aufs Rad gestiegen, obwohl sie es als Kind bereits gelernt hatten. Den allermeisten Fahrschülern kann geholfen werden. „Nur dort, wo der Ehemann im Hintergrund drängelt, gibt es häufig zu starke Blockaden“, weiß Niebuhr.

Befürchtungen und Ängste behutsam abzubauen ist einer der wichtigsten Aspekte in ihren Kursen. Ihr Stil ist deshalb antiautoritär. „Moveo ergo sum“ (Ich bewege mich, also bin ich) heißt das Lernkonzept, nach dem sie unterrichtet. Dabei geht es im Kern darum, dass die Teilnehmer nicht belehrt werden, sondern das „Medium“ Rad selber erfahren. Das passiert Schritt für Schritt.

In den ersten Tagen wird ausschließlich auf robusten Tretrollern geübt. Die Gruppe lernt die eigene Balance zu finden, zu bremsen und anzuhalten. Nach spätestens vier Tagen sattelt die Gruppe auf niedrige Klappräder um. Wer noch nicht so weit ist, übt unter Anleitung weiter. „In diesen Kursen wird ein Stück Kindheit nachgeholt“, erklärt Niebuhr.

Hinfallen gehört auch dazu, kleinere Schrammen und blauen Flecken ebenfalls. Laura Tepe nimmt die Begegnungen mit dem Asphalt mit Humor. „Ich wollte am Wochenende ein Kleid anziehen. Aber als ich meine Schienbeine gesehen habe, habe ich es gelassen“, scherzt sie. Morgen bekommt sie ihr erstes eigenes Fahrrad. Erst einmal will sie allein weiter üben. Sie freut sich aber schon auf die Ausflüge mit ihrem Lebensgefährten. „Auch der Umwelt zuliebe will ich das Auto in Zukunft öfter stehen lassen“, sagt sie. Etwas bereut sie, den Kurs nicht bereits vor Jahren gemacht zu haben. Einige Versuche, fahren zu lernen, hatte sie selbst unternommen. Die waren auch bei anderen Teilnehmerinnen und bei Andreas stets gescheitert.

„Familienangehörige sagen meist: Setz dich aufs Rad, und ich halte dich fest. Das ist zum Scheitern verurteilt“, sagt Niebuhr. Der ruhige Schulhof, die anfängerfreundlichen Roller und Räder und Niebuhrs rücksichtsvolle Art schaffen ein Klima, in dem sich unaufgeregt üben lässt. Am Ende der Woche sind dann alle bereit für den ersten Ausflug in den nahe gelegenen Georgengarten. In der kommenden Woche will Andreas dann bereits zur Arbeit fahren. „Auch im Winter“, sagt er.

Der nächste ADFC-Radkurs für Erwachsene findet voraussichtlich im Oktober statt. Die Kurse finden mehrmals pro Jahr statt. Die Teilnahme kostet 160 Euro und umfasst zehn Doppelstunden. Räder werden gestellt. Interessierte können sich an den ADFC Region Hannover unter 1 64 03 12 wenden.

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