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Aus den Stadtteilen Eine Chorprobe mit Flüchtlingen
Hannover Aus den Stadtteilen Eine Chorprobe mit Flüchtlingen
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02:15 29.08.2015
Von Martina Sulner
Bis auf die Sozialarbeiterinnen kommen nur Männer zur Chorprobe. Es zählt nicht nur die Musik, auch Deutschkenntnisse werden vermittelt. Quelle: Schaarschmidt
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Hannover

In der linken Hand hält Mohsen Rashidkhan ein großes Taschentuch. Dieses Tuch, das er um 18 Uhr in die Hand nimmt, wird er in der folgenden Stunde oft aus der Hosentasche ziehen: um sich die Stirn abzuwischen oder den Nacken oder um beide Hände daran abzureiben. Um 18 Uhr kommt Rashidkhan in der Cafeteria des ehemaligen Oststadtkrankenhauses an. Rechts im Café stehen ein Billardtisch, eine Tischtennisplatte und zwei Krökeltische. Hinten links steht ein gemauerter Raumteiler, in dem wohl mal ein paar Pflanzen wucherten, dahinter eine Theke, an der man einst Kuchen und Getränke kaufen konnte. Vor der hohen Fensterfront in der Ecke trifft sich heute der Flüchtlingschor, wie jeden Dienstag seit einem Vierteljahr. Rashidkhan, hauptberuflich Chorsänger an der hannoverschen Staatsoper, hat dieses Sängertreffen in der Flüchtlingsunterkunft initiiert und leitet es.

Nach und nach trudeln 15 Leute in der hinteren Ecke der Cafeteria ein und bilden einen Kreis um Rashidkhan. Vier Sozialarbeiter - zwei Frauen und zwei Männer - sind dabei und elf Flüchtlinge, die unter anderem aus Afghanistan, Syrien, Eritrea und der Elfenbeinküste stammen. „Ich kenne euch“, begrüßt der Chorleiter zwei junge Männer, „ihr kommt aus Albanien, oder?“ „Nein, Montenegro“, antworten sie. „Egal. Ich bringe euch bei, wie man atmet.“ 15 Menschen müssen jetzt ihre Bauchmuskeln anspannen und stoßweise ausatmen. In einem rasanten Tempo macht Rashidkhan die Runde und fühlt, ob alle Sänger ihre Muskeln tatsächlich ordentlich angespannt haben. „Gut, Applaus“, sagt er. „Und jetzt will ich ein böses Lachen hören, so böse wie der Joker in ‚Batman‘ lacht.“

Neben seiner Heimatsprache Farsi spricht der gebürtige Iraner Deutsch und Englisch und beherrscht etwas Arabisch und Kurdisch. „Hauptsprache“ beim Chortreffen ist Deutsch, aber dank seines Sprachenrepertoires kann ­Rashidkhan sich auch bei den Sängern verständlich machen, deren Deutschkenntnisse gering sind. Und wenn das mit der sprachlichen Verständigung gar nicht klappt, dann zeigt er an, was er meint: „Hören ist wichtig“, erklärt er - und zupft dabei an seinem linken Ohr. „Hören ist wichtig“, wiederholt er einige Male und zupft dabei stets am Ohr. Genau so ist die Chorstunde gedacht: Sie soll Spaß und etwas Abwechslung in den Alltag einer Flüchtlingsunterkunft bringen; sie soll Kontakte ermöglichen, aber sie soll auch ein paar Deutschkenntnisse vermitteln.

Mohsen Rashidkhan selbst, geboren 1976 in Teheran, kam nicht als Asylbewerber nach Deutschland, sondern als Student. An der Folkwang-Hochschule in Essen studierte er Gesang, seit zwei Jahren gehört der Bariton zum Chor der hannoverschen Oper. Die Idee zu einem Flüchtlingschor trieb Rashidkhan schon vor einem Jahrzehnt um, als er ab und an in Flüchtlingsunterkünften zu Besuch war. In diesem Jahr, als immer mehr Flüchtlinge auch in Hannover ankamen, hat der Vater dreier Kinder seinen Einfall umgesetzt. Jetzt - nach einigen Atem- und Lachübungen - verteilt er Notenblätter; „Amazing Grace“ steht auf dem Programm. „Einmal zuhören!“, ruft Rashidkhan energisch. Er singt das Lied vor, dann stimmt der Flüchtlingschor das Stück an. Berührend und innig klingt das - und am Billardtisch unterbrechen die Spieler ihre Partie und schauen neugierig und ein bisschen ungläubig zu den Sängern hinüber.

Einmal lässt Rashidkhan das Lied komplett singen - „Gut, Applaus“ -, dann proben kleine Gruppen von vier, fünf Sängern. „Du singst falsch, aber du singst harmonisch falsch“, sagt er zu einem Mann und befindet dennoch: „Gut, Applaus.“

Zwischendurch verlässt ein Mann die Runde, um vor der Tür zu telefonieren. Andere Flüchtlinge kommen nach der kurzen Pause nicht wieder zurück in die Cafeteria. Die anderen jedoch sind enthusiastisch bei der Sache. Und die hat nicht allein mit Musik zu tun. Rashidkhan holt zwischendurch zwei Leute in den Kreis hinein. Hier sollen sie sich - was viele von ihnen aus ihren Heimatländern nicht gewohnt sind - per Handschlag begrüßen, ein bisschen miteinander reden. Auf Deutsch. Einigen ist das sichtlich peinlich, manche der Männer wirken sehr schüchtern. Andere wie Emmanuel von der Elfenbeinküste scheinen es zu genießen, für einen Moment im Mittelpunkt zu stehen.

Bei den ersten Proben seien auch einige Frauen dabei gewesen, sagt Rashidkhan. Mittlerweile jedoch kommen, bis auf Sozialarbeiterinnen, nur Männer zu den Treffen. Der Kosovare Benjamin, der seit neun Monaten in Deutschland lebt und gut Deutsch spricht, ist regelmäßig dabei. Und auch der 25-jährige Samson aus Eritrea, der keine Probe auslässt. Mit dem zurückhaltenden Ingenieur, der vor acht Monaten nach Deutschland kam, ist der Chorleiter besonders zufrieden. Er sei ein richtiger Sänger geworden.

Gut, Applaus.

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