Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -6 ° Sprühregen

Navigation:
Göttliche Gnade in schweren Zeiten

List Göttliche Gnade in schweren Zeiten

Seit 140 Jahren hilft das Clementinenhaus Kranken – bei Kriegen, Epidemien, Seuchen und im Alltag. Dabei hat alles einmal mit einem handfesten Skandal angefangen.

Voriger Artikel
Viele Flüchtlinge ziehen an den Roderbruch
Nächster Artikel
28-Jähriger bei Massenschlägerei niedergestochen

Das Clementinenhaus im Jahr 1887.

List. Mit einem handfesten Skandal beginnt vor 140 Jahren die Erfolgsgeschichte des DRK-Krankenhauses Clementinenhaus. Die erste Leiterin der neu gegründeten Heilanstalt betreibt Morphiummissbrauch sowie Misswirtschaft und bringt einen stattlichen Teil des Vermögens durch. Erst nach diesem Fiasko übernimmt die Clementinenhaus-Gründerin Olga Freiin von Lützerode selbst die Leitung und macht das Krankenhaus in der Folge zu einer vorbildlichen Einrichtung, die auch weit über die Grenzen Hannovers hinaus Beachtung findet.

„Das nennt man wohl Lehrgeld“, kommentiert Autor Stefan Schomann, der die Geschichte des Clementinenhauses aufgearbeitet hat. „Die Gründerin wirkt heute vielleicht etwas altmodisch, fast schwärmerisch religiös“, sagt Schomann. Wer aber etwas schafft, das 140 Jahre Bestand hat, muss seiner Meinung nach auch ziemlich radikal gewesen sein.

1836 wird von Lützerode in St. Petersburg geboren und entdeckt mit 20 Jahren beim Kampf gegen eine Typhus-Epidemie in Finnland die Leidenschaft für den Heilberuf. Ab 1870 hilft sie als Pflegerin im Deutsch-Französischen Krieg. Auf die Frage nach ihrer Qualifikation antwortet sie: „Meine Papiere sind in Ordnung, ich habe Bärenkräfte, ich kann gehorchen - und sonst nichts.“ Nach nur neun Tagen Ausbildung erhält sie die Armbinde mit dem Roten Kreuz und ein Befähigungszeugnis. In Frankfurt/Oder leitet sie ein Lazarett mit 500 Patienten, von denen nur sie nur zwei durch Tod verliert.

Nach dem Krieg arbeitet sie vier Jahre in Berlin, wo sie den damals noch neuen Heilberuf erneut von der Pike auf lernt. 1875 mietet sie schließlich ein dreigeschossiges Doppelhaus an der hannoverschen Eichstraße und gründet mit eigenen Mitteln und zunächst nur vier Schwestern die „Krankenpflegerinnen-Anstalt zu Hannover“. Dieser gibt sie den Namen Clementinenhaus - abgeleitet von „clementia dei“, der „Gnade Gottes“. Ein Jahr später wird die Schwesternschaft dem Roten Kreuz unterstellt.

Erst 1887 wird das Mutterhaus an der heutigen Lützerodestraße (1900 so benannt) gebaut. Zu den Spendern, die den Neubau mit zunächst 46 Betten ermöglichen, gehören unter anderem Florence Nightingale, Wilhelm Busch sowie Kaiser Wilhelm I. und seine Gattin Augusta. „Heute ist der Bau nostalgisch, früher war er hochmodern und hatte sogar einen hydraulischen Fahrstuhl - fast eine Art Sehenswürdigkeit“, erzählt Schomann.

Im Ersten Weltkrieg wird das Clementinenhaus zum Lazarett mit 100 Betten, von den Schwestern sind 67 auf verschiedenen Kriegsschauplätzen bis nach Konstantinopel im Pflegeeinsatz. Inmitten dieser schweren Zeit stirbt von Lützerode im Alter von 81 Jahren.

In der NS-Zeit folgen dramatische Einschnitte im Pflegealltag, die Faschisten können mit der humanistischen DRK-Ideologie wenig anfangen und versuchen, das gute Renommee des Hauses für sich zu vereinnahmen. Im Zweiten Weltkrieg wird das Clementinenhaus erneut zum Lazarett, im März 1945 zerstören Fliegerbomben das Gebäude fast vollständig. Mehrere Wochen muss der Betrieb in einer Ruine fortgesetzt werden, doch dann wird das Krankenhaus zügig wieder aufgebaut. In den Sechzigerjahren folgt der Anbau eines Bettenhauses, 1989 wird das Haus noch mehr vergrößert. 2006 investiert das Land Niedersachsen rund 24,5 Millionen Euro in eine Generalsanierung, die bei laufendem Betrieb bis 2012 andauert. Der jüngste Anbau, die Geriatrie, wird im Juli 2014 eröffnet.

Bis zum heutigen Tag helfen die Schwestern des Clementinenhauses in Krisengebieten: 1956 im Korea-Krieg, 1960 bei einem Erdbeben in Agadir, 1962 bei einer verheerenden Sturmflut in Hamburg. 1967 wird das hannoversche Krankenhaus selbst zur Krisenzone, als ein Pockenkranker aus Indien dort eintrifft. Die damalige Leiterin Anita Carstens richtet über Nacht eine Quarantänestation ein, für ihre Verdienste erhält sie später das Bundesverdienstkreuz.

Anfang der Achtzigerjahre sind Schwestern auf dem Hilfsschiff „Flora“ vor der chinesischen und afrikanischen Küste im Katastropheneinsatz, dabei wird das Schiff sogar von einer Rakete getroffen. Der letzte große Kriegseinsatz ist 1992 auf dem Balkan, doch die Auslandseinsätze gehen weiter. Auch bei der jüngsten Ebola-Epidemie war eine Schwester aus Hannover trotz des großen Risikos in Sierra Leone im Einsatz. „Es ist spannend, über die Geschichte des Clementinenhauses zu schreiben, weil man gleichzeitig die ganze Entwicklung des Landes am Wickel hat“, sagt Schomann.

140 Jahre Herzlichkeit und Menschenliebe

Mit einem kleinen Fest im ausgesuchten Kreis hat am vergangenen Sonnabend das Deutsche Rote Kreuz (DRK) das 140-jährige Bestehen des Clementinenhauses gefeiert. Rund 80 Gäste blickten im Klinikgarten auf die lange Geschichte des Krankenhauses zurück, in der die DRK-Schwesternschaft in drei Jahrhunderten den Wandel der Zeit erlebte. „Das ist ein großer Tag für das Krankenhaus, ein stolzer Tag für die Menschen, die dort arbeiten, und ein wichtiger Tag für die Menschen, die seine Leistungen in Anspruch nehmen“, sagte Generaloberin Gabriele Müller-Stutzer, die Verbandspräsidentin der 33 DRK-Schwesternschaften mit 22.000 Mitgliedern. Bürgermeister Thomas Hermann überbrachte die Glückwünsche der Landeshauptstadt, der das Krankenhaus mit seinen 480 Mitarbeitern und 195 Betten unverzichtbare Dienste leistet. DRK-Landesverbandspräsident Hans Hartmann lobte die Professionalität und Einsatzbereitschaft der Krankenhausangestellten. „Die Gesinnung der Gründerin Olga Freiin von Lützerode ist in diesem Gebäude immer noch zu spüren“, sagte er, „seit 140 Jahren ist das Clementinenhaus in der Grundidee von Herzlichkeit und Menschenliebe verwurzelt.“ Zum Beweis präsentiert Hartmann die Pflegeschüler, die sich während ihrer Ausbildung für die Flüchtlinge im Oststadtkrankenhaus engagiert haben, und überreicht ihnen die Auszeichnung „Humanitäre Schule“. Krankenhaus-Geschäftsführerin Birgit Huber und Oberin Manuela Krüger, die Vorsitzende der Schwesternschaft, wiesen darauf hin, dass sich das Clementinenhaus in einem „permanenten Optimierungsprozess“ befindet. Nur so könnten Wirtschaftlichkeitserwägungen mit medizinischer, pflegerischer und technischer Kompetenz sowie Menschlichkeit verbunden werden. Aber noch immer gelte der Clementinenhaus-Leitspruch: „Gott zu ehren, Krankheit zu wehren, Schwestern zu lehren, Segen zu mehren.“ Die DRK-Vizepräsidentin Donata Freifrau Schenck zu Schweinsberg betonte in ihrem Festvortrag zum Thema „Was ist Pflege heute wert?“, dass die Anforderungen an die DRK-Schwestern nie größer waren als jetzt. Dies müsse auch finanziell gewürdigt werden, die Gesellschaft müsse insgesamt mehr in die Pflege investieren. „Eine Pflegekraft muss heute den Spagat zwischen Zeit- und Kostendruck schaffen – das halte ich persönlich für total schlimm“, sagte sie, „denn ohne Empathie zum Patienten ist Pflege nicht möglich“.

Von Christian Link

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Aus den Stadtteilen

Sie wollen auch einen kleinen Beitrag leisten, um Flüchtlingen in der Region zu helfen? Dann sind Sie hier genau richtig. Das HAZ-Portal "Hannover hilft" bringt freiwillige Helfer aus der Bevölkerung und die professionellen Hilfsorganisationen zusammen – damit die Hilfe dort ankommt, wo sie benötigt wird. mehr

Wann finden in Hannover die Wochenmärkte statt? Eine Übersicht mit allen Märkten in den Stadtteilen.

Hier finden Sie die Telefonnummern der Ärztlichen- und Technischen Notdienste der Stadt Hannover sowie aller Lebenshilfeeinrichtungen.

An welchen Tagen kann in Hannover und der Region 2016 sonntags eingekauft werden? Eine Übersicht der Verkaufsoffenen Sonntage haben wir hier für Sie zusammengestellt.

Wann und wo gibt es Floh- und Trödelmärkte sowie Basare in Hannover und der Region? Wir haben eine Übersicht zusammengestellt.