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Aus den Stadtteilen Geographische Bocksprünge führen in die Irre
Hannover Aus den Stadtteilen Geographische Bocksprünge führen in die Irre
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18:55 14.01.2011
Von Michael Zgoll
Wo steht eigentlich der Döhrener Turm? Natürlich in der Südstadt, auch wenn der Name anderes vermuten lässt. Quelle: Michael Zgoll

Für viele hannoversche Bürger sind die Grenzen fließend. Auf die Frage, in welchem Stadtteil sie eigentlich wohnen, antworten sie mit „irgendwo zwischen Wettbergen und Mühlenberg“ oder „Kirchrode oder Bemerode – oder zählt das noch zu Kleefeld?“. Ganz Wagemutige vertreten die These, dass Davenstedt ein Anhängsel von Linden sei oder erklären „Vier Grenzen“ zu einem neuen Stadtteil. Doch natürlich sind all diese Grenzen keineswegs fließend, sondern von den städtischen Vermessern der Abteilung Geoinformation metergenau festgeschrieben. Der Stadt-Anzeiger wirft einen Blick auf klare Fronten und eigenartige Verästelungen – passend zum Start unserer neuen Stadtteil-Rätsel-Serie

Will man auf die Frage nach dem „richtigen“ Stadtteil mit fast hundertprozentiger Gewissheit falsche Antworten bekommen, empfehlen sich ein paar einschlägige Orte. Den Lister Turm? Verortet Birgit Ahrens, immerhin Leiterin des gleichnamigen Freizeitheims, leider im Stadtteil Mitte. Auch die List wäre verkehrt – denn nur das Zooviertel passt. Die Käthe-Kollwitz-Schule an der Ecke von Podbi und Hermann-Bahlsen-Allee versetzt Schulleiter Gerd Köhncke mit leichter Hand „an die Grenze von Bothfeld und Vahrenwald“ (richtig wäre Groß-Buchholz) und bittet um Verständnis: „Ich komme nicht aus Hannover.“ Viele Hannoveraner meinen dummerweise, dass das Fössebad in Linden liegt – nur Limmer stimmt immer. Wenigstens weiß die stellvertretende Leiterin der Jugendherberge, Angelika Ulm, dass ihre Einrichtung zur Calenberger Neustadt gehört – nicht etwa zu Linden, Ricklingen oder zum Stadtteil Mitte.

Wenig sattelfest in Ortskunde erweist sich die Geschäftswelt in den südlichen Gefilden der Stadt. Da gibt es die Apotheke am Döhrener Turm, das Kosmetik-Studio am Döhrener Turm, den Schreibwarenladen am Döhrener Turm. Apothekenchefin Sabine Avernarius siedelt das prominente Gemäuer in Waldhausen an, ebenso wie Schreibwaren-Besitzer Vehbi Kilic. Kosmetikerin Marion Schulze geht den naheliegenden – und falschen – Weg: „Wenn der Turm nach Döhren benannt ist, wird er wohl auch da stehen.“ Nur Ladenbesitzerin Ilknur Kilic glänzt mit profunden Kenntnissen und sticht ihren Mann locker aus: „Der Döhrener Turm gehört zur Südstadt, das habe ich einem Buch von unserem Döhren-Experten Günter Porsiel gelesen.“

Häufig folgen die Stadtteilgrenzen markanten Merkmalen, angelehnt an historische Gemeindegrenzen oder unübersehbare Hindernisse. Die Nord-Süd-Eisenbahnlinie etwa trennt Leinhausen und Burg, Hainholz und Herrenhausen, Nordstadt und Vahrenwald ebenso wie Südstadt und Bult, Waldheim und Waldhausen, Döhren und Seelhorst oder Wülfel und Mittelfeld. Gewässer wie Leine, Ihme, Fösse oder Mittellandkanal bilden den einen oder anderen Kilometer natürliche Grenzlinie, auch einige Schnellstraßen-Abschnitte stehen für dauerhafte Spaltungen gerade. Verschiebungen waren in den vergangenen Jahren äußerst selten: Um ein paar Meter an der Lissaboner Allee in Mittelfeld/Bemerode oder um ein paar Blocks rund um die Ida-Boie-Straße am Ricklinger Friedhof, wo ein Neubaugebiet aus praktischen Erwägungen dem Stadtteil Oberricklingen weggenommen und Wettbergen zugeschlagen wurde.

Wo es nicht anders geht, bilden Wohnstraßen unsichtbare Barrieren – gelegentlich mit unerwarteten Folgen. Die Isernhagener Straße ist so ein Fall. Die Leute mit den ungeraden Hausnummern wohnen in Vahrenwald. Ihre Biotonne leert das Entsorgungsunternehmen aha immer mittwochs, ihre Gelben Säcke holen die Müllmänner alle 14 Tage ab. Auf der anderen Seite leben die Menschen aus der List, die mit den geraden Hausnummern. Ihre Biotonnen sind immer donnerstags fällig, nach ihren Gelben Säcken schaut aha einmal pro Woche. Die Folge: Mülltourismus auf engstem Raum.

Auf engstem Raum prallen in der Petersstraße – nahe des ehemaligen Hainhölzer Bahnhofs – gar drei Stadtteile aufeinander. 200 Meter lang ist das Sträßchen, gerade einmal neun Gebäude reihen sich hier auf: Drei in der Nordstadt, drei in Vahrenwald, drei in Hainholz. Hier verlieren auch Ortskundige schnell den Überblick.

Selbst Eigennamen führen oft auf eine falsche Fährte – siehe Döhrener Turm. Das Lister Bad? Ist auf Vahrenheider Territorium verankert. Der Anderter Friedhof? Hat seine Heimstatt in Kirchrode. Der ehemalige Herrenhäuser Bahnhof macht schon lange im Stadtteil Burg Station. Das Bornumer Holz wurzelt in Badenstedt. Und die frühere Stadtbahn-Endstation Lahe verleitetet Anwohner – und leider auch Journalisten – allzu häufig dazu, die Gegend rund um die Straße Riethorst nach Lahe zu stecken. Bothfeld wäre richtig gewesen.

Wer zur besseren Orientierung auf Straßennamen setzt, baut möglicherweise auf Sand. Gut, es gibt die List. Ein Muster-Stadtteil mit Lister Straße, Lister Platz, Lister Damm und Lister Kirchweg. Alles List. Auch Groß-Buchholzer Kirchweg, Heidering oder Mühlenberger Markt sind da, wo sie hingehören. In „ihren“ Stadtteilen. Doch meistens verweisen die Straßennamen auf Gegenden, die stadtauswärts liegen. Im Zooviertel findet man die Kleefelder Straße, in Kleefeld die Kirchröder Straße. Die Nordstadt zeigt mit Hainhölzer Straße und Herrenhäuser Kirchweg auf Nachbarstadtteile, in Linden-Nord geht es via Limmerstraße und Ahlemer Straße in die Peripherie. Gelegentlich sind sogar geographische Bocksprünge zu beobachten, etwa mit der Seelhorststraße im Zooviertel, der Marienwerderstraße in Linden-Mitte oder der Isernhagener Straße in Vahrenwald-List. Und manchmal blasen sich Zwergenstadtteile auf diesem Umweg auch gehörig auf. Bornum etwa wartet mit der Bornumer Straße (in Linden, Mühlenberg und Bornum) sowie dem Bornumer Weg (in Wettbergen) auf. Hut ab!

Ein außerordentliches Stück kommunalen Selbstbewußtseins lässt sich auch in Misburg feststellen. Hier ruht in Meyers Garten ein eigenes Zentrum, von dem drei Straßen in die „Randlagen“ streben: Die Anderter, die Buchholzer und – die Hannoversche Straße. So viel traut sich sonst kein Stadtteil.
Um so verwunderlicher, dass die einwohnerstarken Himmelsrichtungs-Stadtteile ohne Straßenverweis auskommen müssen. Südstädter Straße? Fehlanzeige. Nordstädter Meile? Gibt’s hier nicht. Oststädter Allee? Noch nie gehört. Und weil in hannoverschen Stadtplänen eh keine Weststadt zu entdecken ist, braucht man auch erst gar keinen Weststädter Weg zu suchen.

Andere Stadtteile sind zwar auf amtlichen Karten existent, aber nicht im öffentlichen Bewußtsein. Brink-Hafen, Nordhafen: Sind durchaus eigenständige Viertel, auch wenn dort kaum eine Menschenseele wohnt. Und Misburg-Süd und -Nord leiden ebenso wie Linden-Mitte, -Nord und -Süd darunter, dass man sich sich solche Anhängsel gerne spart – wobei „leiden“ gewiss übertrieben ist.

Andere Gegenden werden im Volksmund gern als Stadtteile benannt, doch sind es nicht wirklich: Friedenau (ein Teil von Vinnhorst) kann man dazu zählen, die Liststadt (in Groß-Buchholz), natürlich auch das Roderbruch-Viertel (in Groß-Buchholz) oder das Kronsberg-Viertel (in Bemerode). Am Kronsberg fordern Anwohner schon seit langem, der Expo-Siedlung endlich die versprochenen Stadtteil-Rechte einzuräumen. Doch bei der Politik stoßen sie mit diesem Wunsch – bislang – auf taube Ohren.

Noch utopischer erscheint ein Wunsch, den sich der Traditionsverein Klein-Buchholz auf seine Fahnen geschrieben hat: Den 1980 von der Hannnover-Karte getilgten Stadtteil Klein-Buchholz wiederzubeleben. Die Traditionalisten wollen sich nicht damit abfinden, dass ihre alte Heimat von Podbi und Mittellandkanal zerschnitten und den Stadtteilen Bothfeld und Groß-Buchholz zugeschlagen worden ist. Doch von der Tagesordnung der Kommunalpolitik ist dieses Thema schon lange verbannt – und so müssen sich die Vereinsmitglieder damit trösten, dass ihr Lieblingsviertel im Klein-Buchholzer Kirchweg und im Einkaufspark Klein-Buchholz verewigt ist.