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Aus den Stadtteilen Selbstbestimmtes Wohnen im Pfarrhaus
Hannover Aus den Stadtteilen Selbstbestimmtes Wohnen im Pfarrhaus
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00:15 17.10.2015
Fast wie eine ganz normale WG: Kamala (20), Abdul (18) und Furkan (19) mit Heilerziehungspfleger Dieter Fricke. Quelle: Moers
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Ahlem

Die erste eigene Wohnung. Für Menschen mit geistiger oder körperlicher Beeinträchtigung bleibt sie oft ein Traum. Auf Betreuung im Alltag angewiesen, ziehen viele nach dem Auszug aus dem Elternhaus in eine vollstationäre Einrichtung. Maren Koffi-Spitzenberger wollte für ihre Tochter Jasmin ein anderes Leben, ein selbstbestimmtes. Seit ein paar Monaten lebt die 27-jährige Jasmin nun in einer ganz besonderen Wohngemeinschaft in Ahlem. Der Verein „Lebens(T)raum“, ein Zusammenschluss von Eltern beeinträchtigter Kinder, hat das lange leer stehende ehemalige Pfarrhaus der katholischen St.-Maria-Trost-Gemeinde in der Parkstraße in ein inklusives Wohnhaus umgebaut. Sechs junge Erwachsene Männer und Frauen leben dort in eigenen Wohnungen zusammen.

Die Zimmer von Jasmin, Furkan, Abdul und den anderen sehen aus wie ganz normale WG-Zimmer. Weil sie alle auf Hilfe angewiesen sind, sind außerdem stets drei Mitarbeiter eines Sozialdienstes im Haus, 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Der außergewöhnlich gute Betreuungsschlüssel ist eine besondere Qualität des elternorganisierten Wohnprojekts. Anders als in vielen Einrichtungen üblich sollen sich die Angebote der Betreuer in Ahlem nach den Bedürfnissen und Wünschen der Bewohner richten, nicht andersherum. „Auch wenn ein Mensch eine starke Behinderung hat, ist er irgendwann ein erwachsener Mensch, der nicht über die Maßen bevormundet werden will“, erklärt Koffi-Spitzenberger das Konzept. Für alle Bewohner ist der Umzug nach Ahlem ein Schritt in einen neuen Lebensabschnitt. Alle haben zuvor zu Hause gewohnt. „Ich habe mir vorher viele stationäre Einrichtungen angesehen, aber nichts kam für uns infrage“, erzählt die Mutter von Jasmin. Kennengelernt haben sich die Eltern der zukünftigen Bewohner über die freie Förderschule Martinsschule in Laatzen. Dort werden beeinträchtige Kinder und Jugendliche inklusiv auf den Grundlagen der Waldorfpädagogik unterrichtet. Auch dort liegt der Schwerpunkt der Begleitung, dem Selbstverständnis nach, auf der Erziehung zur Selbstständigkeit, trotz Beeinträchtigung.

„Wir leben hier quasi als große Familie zusammen“, findet Dieter Fricke. Der Heilerziehungspfleger schätzt die Vorzüge, die seine Schützlinge in der Wohngruppe genießen. Da es keinen Träger im klassischen Sinne gäbe, seien die Strukturen und Angebote im Haus wesentlich freier. „Es ist für die Bewohner leichter, ,Nein‘ zu sagen“, sagt Fricke. Im Gegenzug setzt das Konzept starkes Engagement und einen wesentlich höheren Aufwand der Eltern voraus. So musste sich der Eltern-Verein etwa bemühen, das Geld für die dringend notwendige Grundsanierung des Pfarrhauses aus eigener Kraft aufzutreiben. Großzügige Spenden, etwa von der Hans und Elfriede Westphal-Stiftung oder des Lions Clubs Hannover Expo, halfen, das Gebäude aus den Sechzigerjahren barrierefrei zu modernisieren. Zuletzt hatte es einige Jahre leer gestanden. Im Untergeschoss, dem ehemaligen Büro des Pfarrers, wurde ein offener Gemeinschaftsraum mit angeschlossener Küche eingerichtet. Das gesamte Gebäude wirkt nun sehr modern. Der Mietvertrag mit der Kirche wurde über mindestens zehn Jahre abgeschlossen. „Diese Sache ist auf eine lange Zeit angelegt“, freut sich Koffi-Spitzenberger. So schön, wie es geworden ist, will hier von den neuen Bewohnern niemand so schnell wieder ausziehen.

Von Mario Moers

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