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In einem Meer vor unserer Zeit

Misburg-Anderten In einem Meer vor unserer Zeit

Die Mergelgruben in Misburg und Anderten sind ein Mekka für Fossiliensammler. Der Verein Freunde Andertens führt einmal im Jahr durch das einzigartige Biotop.

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Bei den Ausgrabungen in der Mergelgrube fördern die Besucher interessante Fossilien zutage.

Quelle: Mario Moers

Anderten. Misburg-Anderten. Vor 78 Millionen Jahren lag Anderten am Meer. Wo heute Jugendliche verbotenerweise in die „Blaue Lagune“ springen, bevölkerten Haie, Tintenfische und andere Urzeittiere ein tropisches Gewässer. Sogar Saurier lebten in dem Ozean, dessen Überreste bis heute in den Mergelgruben am Stadtrand konserviert sind. Diese einzigartige Moorlandschaft ist einmal im Jahr Ziel der Freunde Andertens. Dann bietet der Verein eine Führung durch die Mergelgruben an. Mit Hammer und Meißel ausgerüstet, können sie dort kinderleicht beeindruckende Fossilien und Mineralien entdecken und freilegen.

Die Mergelgruben in Misburg, Anderten und Höver liefern seit 150 Jahren den Grundstoff für die größte Zementproduktion Niedersachsens. Seine besondere Zusammensetzung macht den Mergel der Misburger Formation zu dem perfekten Ausgangsmaterial für den sogenannten Portlandzement. Julian Feige beginnt die ausgebuchte Führung in die Mergelgrube-Nord der Firma HeidelbergCement mit einer kurzen Einführung. Der Mitarbeiter des mineralogischen Instituts der Leibniz-Universität Hannover hat eine Sammlung großer und kleiner Gesteinsbrocken auf dem Boden ausgebreitet.

Staunend begutachten die Teilnehmer seine Funde. „Seeigel und Donnerkeile finden sich häufig“, erläutert Feige. „Haizähne oder Ammoniten sind schon etwas Besonderes.“ Vereinfacht erklärt: Die einzigartige weiße Abbaulandschaft ist das, was von dem Urmeer übrig geblieben ist. Eine 400 Meter dicke Ansammlung von Mineralien und Resten karbonatschaliger Kleinstlebewesen, die nach ihrem Tod auf den Meeresboden gesunken sind. Ein Abstieg in die Gruben gleicht somit einem Ausflug in ein Meer vor unserer Zeit.

Die Gruppe macht sich auf den abenteuerlichen Weg durch die wildwachsende Flora entlang der riesigen Förderbänder hinunter in die ebenso unwegsame Grube. Viele haben einen Hammer dabei. Sonnenhüte schützen in der schattenarmen Grube vor der gleißenden Sonne. „Hier sind wir doch schon mal heimlich runtergegangen“, flüstert eine junge Teilnehmerin ihrer Mutter zu, die den Hinweis etwas verschämt ignoriert. Das Betreten des Abbaugeländes ist eigentlich verboten. Über einen Erdwall in der Hägenstraße kraxeln allerdings besonders im Sommer immer wieder Neugierige in die Süd-Grube. Dabei ist ein Besuch abseits der Führungen auch ganz legal möglich. Die Firma Heidelberg-Zement stellt nach vorheriger Anmeldung Berechtigungsscheine aus.

Der erste Blick über die Mergellandschaft versetzt die Teilnehmer in Staunen. Die zerklüftete Ödlandschaft erinnert an die Fotos, die der Marsroboter Curiosity seit einer Weile zur Erde funkt. Allerdings ist hier alles in Weiß-Grau getaucht. „Ich hab was gefunden“, ruft Paul, einer der jüngsten Teilnehmer der Expedition. „Das ist nur ein Plastikschlauch“, erkennt sein Vater. Wenig später vermelden auch die anderen Fossilienfunde. Mineraloge Feige bestätigt, dass es sich bei den Entdeckungen um Versteinerungen handelt, dann wandern die Funde in die mitgebrachten Beutel und Rucksäcke.

„Ich wollte seit 17 Jahren hierher“, erzählt die ehemalige Andertenerin Marei Warnecke-Ofer. Sie hat sich eigens Zeitungspapier eingepackt. Darin werden die Seeigel und Kristallstrukturen, die ihre Töchter finden, sorgfältig eingewickelt. Einige der Calcite, Pyrite und Markasit-Steine könnten direkt der Auslage eines Juweliers entnommen worden sein. „Als hätte jemand seinen Schmuck verloren“, sagt eine Teilnehmerin erstaunt. Der goldfarbene Kristall, den sie gerade gefunden hat, ist ein Pyrit - auch als Katzengold bekannt.

Nach mehr als drei Stunden Fossiliensuche sind die Taschen der Teilnehmer gut gefüllt. Bei der Fülle, die das ehemalige Meer zu bieten hat, geht niemand leer aus. Nur Hai-Zähne und Ammoniten hat heute niemand ausgegraben. „Die sucht man besser in der Nachbargrube in Höver“, verrät Feige.

Die Freunde Andertens organisieren regelmäßig heimatkundliche Ausflüge und andere Angebote für Erwachsene und Kinder. Weitere Informationen sind im Internet auf der Seite www.freunde-andertens.de zu finden.

Von Mario Moers

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