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Seit 60 Jahren Halt für Männer

Oberricklingen Seit 60 Jahren Halt für Männer

Heimat auf Zeit für Männer: Der Verein Karl-Lemmermann-Haus für sozialpädagogisch betreutes Wohnen wurde 1955 ursprünglich gegründet, um jungen Arbeiten, eine Bleibe zu bieten. Seit den Siebzigerjahren betreut er indes Obdachlose in seinem Wohnheim Am Wacholder.

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Geschäftsführer Harald Bremer im  Gespräch mit einem Bewohner.

Quelle: Marcel Schwarzenberger

Hannover. Es hätte mal eine Kirche dort stehen sollen, an der schmalen Straße Am Wacholder. Dort, wo Uli jetzt seine Zigarette in einen schmiedeeisernen Aschenbecher tupft. Die Kirche steht heute am Butjerbrunnenplatz und heißt St. Thomas. Und Uli ist an einem Ort, der wohnungslosen Männern ein Dach über dem Kopf gibt: im Karl-Lemmermann-Haus, benannt nach einem sozial engagierten Pastor. „Ich bin seit dem 13. April hier. Das war ein Montag“, erzählt der 53-Jährige. Für Uli, dessen Nachname in dieser Geschichte keine Rolle spielt, ist das Haus eine Zuflucht auf Zeit. Wie für viele Menschen in den vergangenen Jahrzehnten. Ein Männerwohnheim ist das Haus bereits seit seiner Eröffnung 1958.

1955 wurde die Kirche St. Thomas geweiht. Die evangelische Gemeinde in Oberricklingen initiierte im gleichen Jahr den Verein Karl-Lemmermann-Haus. Der Plan: Auf dem Kirchengrundstück sollte ein Wohnheim für Jungarbeiter entstehen. Der Verein existiert bis heute und feiert nun sein 60-jähriges Bestehen. Das Haus aber unterlag so manchem Wandel. Wobei eine Sache gleich blieb: „Das Ziel war und ist, bedürftigen Menschen zu helfen“, sagt der heutige Geschäftsführer des Hauses, Harald Bremer.

Junge Lehrlinge mit wenig Geld bevölkerten einst die Zimmer. Auch Gastarbeiter aus dem Ausland zogen in das Heim Am Wacholder ein. Zeitweise lebten dort auch Israelis und Palästinenser friedlich Tür an Tür. Anfang der Siebzigerjahre leerten sich die Flure im Männerwohnheim, der Bedarf war nicht mehr so groß. „Geblieben sind die, die ohne feste Arbeit waren“, berichtet Bremer. Und es kamen Männer, die aus der Haft entlassen wurden oder mit persönlichen sozialen Problemen zu kämpfen hatten - Menschen ohne festen Wohnsitz, aus welchem Grund auch immer. Für sie wurde das Karl-Lemmermann-Haus zu einer festen Anlaufstelle in Hannover.

Die Geschichte von Einrichtungen für Obdachlose reicht bis weit in das 19. Jahrhundert zurück. Große Anstalten waren das, wo die Bewohner oft zu harter Arbeit angehalten wurden. Erst 1976 änderten sich in Deutschland die gesetzlichen Rahmenbedingungen, nach denen die Wohnheime keine reinen Verwahrstationen mehr sein sollten, sondern Orte für Betreuung und Integration. Es dauerte eine Weile, bis dieser Ansatz auch in Oberricklingen ankam. Im Karl-Lemmermann-Haus wohnten bis 1983 in manchen Phasen fast 100 Menschen - obwohl es offiziell nur 44 Plätze bot. Das Heimleiter-Paar war überfordert, es gab kaum finanzielle Zuschüsse. Die Bewohner mussten von dem Geld, das sie bei Gelegenheitsjobs bekamen, etwas an die Heimleitung abgeben. „Damals hatte das Haus einen schlechten Ruf“, sagt Bremer.

Er ist seit 1986 dabei. Damals hatte schon ein Wandel begonnen. Ein neuer Heimleiter brachte ein neues Konzept auf den Weg: Betreuung und Beratung. Plötzlich gab es Sozialarbeiter wie Bremer, es flossen Zuschüsse und Fördermittel. In den Achtzigerjahren waren soziale Projekte gefragt, sie waren noch etwas Neues - der Staat half. Das Haus wurde modernisiert. Dabei machten auch Bewohner mit, gegen Bezahlung. Die Zahl der Plätze wurde auf 36 verringert, es gab mehr Privatsphäre. Mit dem Paul-Oehlkers-Haus in Badenstedt kam noch eine betreute Wohneinrichtung mit 16 Plätzen dazu.

Bis zu drei Jahre können wohnungslose Männer im Karl-Lemmermann-Haus leben. Sie werden qualifiziert und, wann immer möglich, in den Arbeits- oder Bildungsmarkt vermittelt. Wer Alkoholprobleme hat oder drogensüchtig ist, dem wird Hilfe geboten. Die Menschen sollten so gut wie möglich weg von der Sucht, sagt Bremer. Eine Wohnung finden, vielleicht sogar langfristige Arbeit. „Beides ist ganz klar auch mein Ziel“, sagt Uli. Er wohnte früher mit seiner Mutter zusammen. Nachdem sie starb, verlor er erst den Halt, dann die Wohnung. Er sei froh, zum Karl-Lemmermann-Haus gefunden zu haben. Der Schritt zu einer solchen Einrichtung sei ihm zwar schwergefallen. „Das ist schon krass. Aber bei Problemen sind die Sozialarbeiter da.“ Wie lange er bleiben wird? Uli weiß es noch nicht.

Am heutigen Donnerstag, feiert der Verein sein 60-jähriges Bestehen ab 10 Uhr im Garten des Karl-Lemmermann-Hauses, Am Wacholder 9. Im Programm sind Musik, Vorträge, eine Hausbesichtigung, Tombola, Tanz und Akrobatik.

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