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Körtingsdorfer feiern Jubiläum ihrer Siedlung

Badenstedt Körtingsdorfer feiern Jubiläum ihrer Siedlung

Die ehemalige Arbeitersiedlung Körtingsdorf hat sich bis heute einen besonderen Charakter bewahrt - und ihre Bewohner haben ein eigenes Selbstbewusstsein. Das wurde jetzt auch beim Fest zum 125-jährigen Siedlungsjubiläum deutlich.

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Die Körtingsdorfer Senioren tauschen an der Kaffeetafel unter freiem Himmel Erinnerungen aus.

Quelle: Mario Moers

Hannover. 60 Jahre haben Renate Richardt und Anneliese Schablewski sich nicht gesehen. Da ist die Freude groß, als die Schulfreundinnen sich am Sonntagnachmittag bei der Jubiläumsfeier der Arbeitersiedlung Körtingsdorf bei Kaffee und Kuchen vor der Konditorei Scharnhorst treffen. Hier sind sie aufgewachsen und zur Schule gegangen. Die Senioren, die im Schatten der letzten noch stehenden Körtingsdorf-Häuser die Herbstsonne genießen, sind die letzten „echten“ Körtingsdorfer.

„Wir sind alle aus dem Lager Stör“, erzählt Renate Richardt, geborene Tschirschwitz. Von den jüngeren Bewohnern des beschaulichen Quartiers zwischen Bauweg und dem Soltekampe, weiß heute kaum mehr jemand, was sie damit meint. Die Älteren erinnern sich jedoch noch gut. An die alten Doppelhäuser und die Fabrikgebäude der Frima Körting, die hier seit etwa 1890 standen. An die Panzer, die hier im Zweiten Weltkrieg von der Maschinenfabrik Niedersachsen Hannover (MNH) in großer Anzahl produziert wurden. Und an das Zwangsarbeiterlager Bornumer Holz, in dessen Baracken viele von ihnen groß geworden sind. Die Baufirma Stöhr hatte dort nach dem Krieg Maurer und Bauarbeiter vor allem aus den ehemaligen Ostgebieten einquartiert. In der Nachbarschaft sprach man daher vom „Lager Stöhr“.

In jahrelanger Forschungsarbeit hat der gebürtige Körtingsdorfer Horst Paulmann die wechselvolle Geschichte seines Stadtviertels aufgearbeitet. Sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater haben seit 1902 „auf Körting“ gearbeitet. Bei der Feier am Sonntag präsentierte Paulmann die Ergebnisse in einer beeindruckenden Ausstellung in der Gebrüder-Körting-Grundschule. Über das „vergessene“ Dorf, das ja niemals eins war, ist bisher kaum etwas publiziert worden. Die Fotos und Informationen, die Paulmann zusammengetragen hat, dürften vielfach einzigartig sein. Die Maschinenfabrik Gebr. Körting AG stellte unter anderem Pumpen und Motoren her. Sie existiert an der Badenstedter Straße bis heute, allerdings in neuen Fabrikhallen in der Nähe des Bauwegs.

„Von der spannenden Geschichte des Viertels habe ich das erste Mal durch einen Nachbarn erfahren. Der wohnt in einem der letzten Körtingsdorf-Häuser“, erzählt Sven Odendahl. Auf den schwarz-weißen historischen Fotos, Plänen und Zeichnungen versucht der Zugezogene, ihm vertraute Ecken wiederzuerkennen. Dabei wird es manchmal eng um die Stellwände: Das Interesse an der Ausstellung ist groß. Es bleibt zu hoffen, dass der Hobbyhistoriker Paulmann in Zukunft Gelegenheit findet, das Gezeigte in Buchform festzuhalten.

Die Zeitzeugen, die auf dem Jubiläumsfest noch in großer Anzahl anzutreffen waren, werden bald verschwinden. Nur sie wissen noch, wie es damals war, in Körtingsdorf. Nachdem das Viertel aufgrund der Nähe zur Panzerproduktion stark unter den Bombenangriffen gelitten hatte, wurde ein Großteil der alten Bebauung in den Sechzigerjahren abgerissen. Es entstanden mehrstöckige Mehrfamilienhäuser, in die abermals viele Migranten zogen. Im Grunde ist Körtingsdorf bis heute ein einfaches, beschauliches Viertel der Einwanderer und Arbeiter geblieben, dessen Bewohner ein eigenes Selbstbewusstsein entwickelt haben und dessen gutbürgerliche Ecken zunehmend auch junge Familien anziehen.

„Körtingsdorf ist ein kleines, verstecktes Juwel“, findet etwa Jenny Odendahl. Die junge Mutter schätzt die Insellage der Wohngegend: die eigene Grundschule, das kleine Café, den Griechen, den Friseur und den Tante-Emma -Laden Michler, bei dem die Körtingsdorfer seit Generationen einkaufen. „Hier kann man noch anschreiben lassen, wenn man gerade kein Geld dabei hat“, sagt Odendahl. Für sie ist die Gegend eine „Mini-Gemeinschaft“. Vielleicht werden auch ihre Kinder später einmal stolz in der Schule verkünden: „Ich bin aus Körtingsdorf.“

Mario Moers

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