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Die Bethlehemkirche verstehen lernen

Linden-Nord Die Bethlehemkirche verstehen lernen

Ein neuer Kunstführer über die Bethlehemkirche in Linden-Nord erklärt, warum sie als bedeutendes Baudenkmal gilt - und gewährt ungewohnte Einblicke in das Gotteshaus.

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Die Silhouette der Bethlehemkirche ist eines der Erkennungszeichen von Linden-Nord.

Quelle: Insa Catherine Hagemann

Hannover. Es ist schon eine Ironie der Geschichte: Ausgerechnet die Kirche in Hannover, in der sich Hakenkreuze in den Türen erkennen lassen, hat den Zweiten Weltkrieg relativ unbeschadet überstanden. Dieses Gestaltungsdetail, das an die frühe germanische Architektur angelehnt ist und später von den Nationalsozialisten missbraucht wurde, dürfte den einen oder anderen Besucher der Bethlehemkirche sicher irritieren. Warum diese Symbole dort zu finden sind, kann Frank Achhammer erklären. Der Kunsthistoriker weiß auch genau, welche kulturellen Schätze in dem 1906 geweihten Sakralbau stecken. Achhammer, der der Kirche seit Jahren eng verbunden ist, hat jetzt einen neuen Kunst-führer über das Gotteshaus am Bethlehemplatz herausgegeben.

Die Bethlehemkirche gilt als eines der Meisterstücke des Architekten Karl Mohrmann, der rund 35 Jahre als Hochschuldozent in Hannover aktiv war. In dieser Zeit baute er in der Leinestadt dennoch nichts Vergleichbares mehr. Das ist verwunderlich, denn Mohrmann traf mit dem imposanten Gotteshaus genau den wilhelminischen Zeitgeist. Die Fachzeitschrift „Die christliche Kunst“ lobte die Lindener Kirche 1908 als „Zeugnis der germanischen Geistes“, wie Achhammer recherchiert hat.

Beim genaueren Blick auf die Seitentüren des Kirchenschiffs entdeckt der aufmerksame Betrachter die vermeintliche Nazi-Symbole. Das Holz wurde dort so verleimt, dass in jeder Tür die Kontur eines Hakenkreuzes entstand. Achhammer gibt Entwarnung: Bevor die Nationalsozialisten es für ihre Zwecke missbrauchten, habe das sogenannte Swastika noch als völkerübergreifendes Glückssymbol gegolten, erklärt der Historiker. „Entgegen der wissenschaftlichen Forschung hat die völkische Bewegung das Hakenkreuz dann aber für sich in Beschlag genommen.“

Der Kunstführer hilft auch, die Anlehnungen an die mittelalterliche Architektur und Ausstattung in der Bethlehemkirche zu erkennen. Für Laien verständlich wird erklärt, wo die historischen Vorbilder zu finden sind: Bei der Gestaltung des dreiteiligen, 71 Meter hohen Kirchturms zum Beispiel orientierte sich der Baumeister an der Architektur der Dome in Minden und Hildesheim. Auch der monumentale Radleuchter hat dort seinen Ursprung - ebenso wie der berühmte Heziloleuchter aus dem Hildesheimer Dom zeigt er das himmlische Jerusalem aus der Johannesoffenbarung. Während man im Mittelalter noch auf Kerzen setzte, strahlt der Lindener Leuchter heute allerdings mithilfe elektrischens Lichts.

Auf den ersten Blick eher unchristlich sind die Fabeltiere, die in Reliefs und Malereien in der Bethlehemkirche zu finden sind. „Sie wurden den Holzschnitzereien auf isländischen und norwegischen Kirchentüren nachempfunden“, erklärt Achhammer. Weitgehend mittelalterlich sind auch die Rundfenster über dem Altar, die Jesus als göttlichen Herrscher inmitten des zwölfmonatigen Jahreslaufs oder Tierkreises zeigen. Die Fensterrose überlebte glücklicherweise die Druckwellen der Fliegerbomben.

Viele Symbole und Reliefs, die in der Bethlehemkirche verwendet wurden, stammen aus dem Buch „Germanische Frühkunst“. Dieses hatte Mohrmann mit seinem hannoverschen Kollegen Ferdinand Eichwede verfasst. Dafür sammelten die Autoren 120 Zeichnungen mittelalterlicher Baudekorationen und Skulpturen, die sie für typisch germanisch und frei von römisch-antiken Einflüssen hielten. „Man hatte einen Stil gesucht, der dem neuen deutschen Nationalbewusstsein angemessen war“, erläutert Achhammer. Diese Suche nach einem reinen, germanischen Baustil sei aber nicht rassistisch motiviert gewesen, betont er.

Den Architekten der Bethlehemkirche hält Achhammer trotz seiner Vorliebe für das Germanische nicht für einen Rassisten: „Wir können nicht sagen, dass Mohrmann völkisch, rassistisch oder antisemitisch motiviert war.“ Die Schriften des Hochschullehrers enthielten keine derartigen Gedanken, allerdings habe Mohrmann offenbar Kontakt zu völkischen Kreisen gehabt. Er starb 1927 im Alter von 70 Jahren bei Freiburg im Breisgau lange vor der Machtergreifung der Nazis.

Der 24-seitige Kunstführer mit vielen Bildern erklärt Geschichte, Architektur und Ausstattung der Kirche. Er kostet 5 Euro und ist im Pfarrbüro, Bethlehemplatz 1, erhältlich. Am Sonntag, 12. Juli, lädt Frank Achhammer zum Rundgang durch die Kirche ein. Die Führung beginnt nach dem Gottesdienst gegen 11 Uhr. Weitere Infos gibt es im Internet.

Wahrzeichen von nationaler Bedeutung

Die Bethlehemkirche wurde 1906 in der damals noch selbstständigen Stadt Linden geweiht. Zunächst errichtete die Landeskirche wegen Geldknappheit nur die Basilika, das Pfarrheim wurde erst 1914/15 angebaut. Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Gotteshaus nur wenige Schäden. Ein Loch im Dach wurde 1948 mit Ziegeln der Marktkirche repariert. 1954 fiel allerdings der Putz von den Wänden, sodass der Innenraum der Kirche erneuert werden musste. Dabei wurden die kunstvollen Wandmalereien grau übertüncht. Erst seit 2012 – nach einer dreijährigen Restaurierung, die rund eine Million Euro kostete – sind die farbigen Ausmalungen wieder zu sehen.

Die Bethlehemkirche ist heute nicht nur ein Wahrzeichen Lindens, sondern auch ein nationales Kulturdenkmal. In Hannover ist sie neben der zeitgleich entstandenen Lister Markuskirche das einzige Gotteshaus, das im neoromanischen Stil errichtet wurde. Im Stadtbild sind sonst viele Beispiele für die neugotische Backsteinbauweise zu finden – wie etwa Christus-, Apostel- und Erlöserkirche zeigen. Karl Mohrmann, Architekt der Bethlehemkirche, baute zunächst ebenfalls neugotisch. Dies hatte er bei seinem Lehrer Conrad Wilhelm Hase gelernt, den er schließlich als Dozent an der Technischen Hochschule Hannover und als Baumeister bei der Evangelisch-lutherischen Landeskirche beerbte.

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