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Ärger um Lärm auf Lindener Marktplatz berechtigt?

Debatte in Linden Ärger um Lärm auf Lindener Marktplatz berechtigt?

Der Lindener Marktplatz wird als Treffpunkt immer beliebter, doch die Anwohner stören sich an abendlichem Lärm – und wehren sich. Aber wer ist für die Lärmkulisse auf dem Platz verantwortlich?

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Wenn die Sonne untergeht, füllt sich donnerstags der Marktplatz. Junge Leute sitzen am Centrum (vorn rechts), andere am Nachtwächterbrunnen. Fotos: Moers (2), Meise

Linden. „Wir haben gehört, hier sei es wie auf Malle, aber hier ist gar nichts los.“ Tobias und seine Freunde sind enttäuscht. Am Sonnabend haben sie sich aus der Oststadt auf den Weg gemacht um am Lindener Marktplatz in die Nacht zu starten. Aus dem geplanten Vorglühen wird allerdings nichts. Um Punkt 22 Uhr ist Schluss mit lustig auf dem Marktplatz, auch am Sonnabend. Seit das „Centrum“ wegen mehrfachen Verstoßes gegen die Sperrzeit mit einigen Nachbarn und der Region Hannover im Clinch liegt, schließen „Centrum“ und „Gig“ pünktlich zur gesetzlichen Nachtruhe ihren Außenbereich.

Ohnehin haben sich Tobias und seine Freunde den falschen Tag ausgesucht. Am meisten los ist am Markt am Donnerstag, wenn Hunderte Nachtschwärmer am Brunnen sitzen, Bier vom Kiosk trinken und das Centrum zum Prosecco-Tag lädt: Für Frauen ist der Schaumwein aus dem Plastikbecher umsonst.

Urbanes Lebensgefühl

„Ich finde die Lärmdiskussion sehr provinziell“, ärgert sich Katharina S., die gerade mit Freundinnen einen Junggesellinnen-Abschied beim Spanier feiert. Die junge Frau mit dem Partyhütchen fühlt sich an die Debatten um das Jazz-Fest in der Altstadt und das Maschseefest erinnert. Ein Abend in Linden, das bedeutet für die junge Frau mit dem Partyhütchen ausgehen und urbanes Lebensgefühl. Deswegen sind sie heute hergekommen. Die Braut ist in Linden aufgewachsen, wohnt inzwischen aber in der List. Der Abend heute soll noch einmal an die Jugend und Studentenzeit erinnern. Später will die Gruppe weiterziehen, zur Faust, zur „90er-Party“. Dabei dürften die Gäste im „El Mercado“ auch nach 22 Uhr den angenehmen Sommerabend an den Tischen im Außenbereich genießen. „Uns betrifft der Konflikt nicht direkt. Wir bemühen uns aber, dass wir hier auch lieber etwas früher als zu spät schließen“, erklärt El Mercado-Mitarbeiter Enrique Fernandez.

Zwischen 20 und 22 Uhr ist der Lindener Marktplatz gut besucht. Unter den großen roten Sonnenschirmen vor dem Centrum sitzen besonders viele junge Familien und Paare. Die Geräuschkulisse ist eine Mischung aus Tischgesprächen und dem Rauschen des Nachtwächterbrunnens. Manchmal klirrt Besteck, einmal rennt ein Kleinkind schreiend zwischen den Tischen umher. Ein Sonderling überquert auf dem Weg zum Küchengarten den Platz mit einem umgebauten Fahrrad, von dem eine laut dröhnende Anlage Techno Musik wummert. Abgesehen von solchen kurzen Spitzen bleibt es aber den ganzen Abend ruhig. Der Verkehr in der Falkenstraße ist deutlich lauter als der Marktbetrieb.

Es geht um die Prosecco-Partys

Unter den Gästen, die um 22 Uhr noch beim Spanier sitzen, sind auch Anwohner, deren Beschwerden Auslöser für das umstrittene Vorgehen der Region Hannover gegen die beiden Bars am Markt sind. „Uns geht es ausschließlich um die Prosecco-Partys am Donnerstag. Das hat unzumutbare Dimensionen angenommen“, stellt ein Nachbar klar, der nicht namentlich genannt werden will.

Seit einigen Jahren treffen sich junge Leute, vorwiegend Studenten, jeden Donnerstag in Scharen am Centrum. Schließlich gibt es gratis Schaumwein für die Damen und die Garantie, dass hier was los ist. „Der Donnerstag hat sich verselbstständigt, der ist Tradition geworden“, verteidigt Anwohner Till Lesser die beliebte Veranstaltung.

„Der Donnerstag muss weg, da gibt es keinen Kompromiss“, sagt dagegen der Kritiker. Seine Familie lebt seit 1890 am Marktplatz. Ingenieur Lesser ist 2006 zugezogen. „Im Centrum treffe ich Leute, die nicht bei den Party-Touristen auf der Limmerstraße sitzen wollen“, erklärt er die besondere Qualität, den die Abende am Centrum für ihn haben. Wenn es ihm zu laut wird, schläft er eben mit Ohrenstöpseln. Für andere Anwohner ist das allerdings keine Option.

Die Polizei kommt gar nicht erst vorbei

Als vor einigen Wochen ein Gitarrenspieler um 23 Uhr auf den Nachtwächterbrunnen kletterte, rief eine Seniorin, die ebenfalls gerne beim Spanier einkehrt, die Polizei. „Die kommen nicht einmal“, ärgert sie sich. Die Fronten scheinen verhärtet. Ein klärendes Gespräch zwischen verärgerten Anwohnern und den Gastronomen hat es noch nicht gegeben. Es scheint, als prallen hier auch Lebenswelten aufeinander.

Centrum-Wirt Manns verdeutlicht das Kommunikationsproblem anhand einer Aussage, die ein Anwohner der Verwaltung gegenüber getätigt haben soll. „Der Lindener Marktplatz ist ein Diamant der internationalen Gastronomiekultur und muss als solcher erhalten bleiben. Die Unkultur des Centrums stört dabei“, zitiert er sinngemäß in einem Infoblatt, dass er jeden Abend zum Kehraus um zehn an seine Gäste verteilt. Als provokante Antwort auf die Herabwürdigung hat er ein Schild mit der Aufschrift „Kein Diamant“ über seine Eingangstür geklebt.

Die Beschwerde führenden Anwohner hoffen derzeit darauf, dass die Region Hannover dem Donnerstags-Trubel ein Ende macht. Nach diversen Beschwerden von Anwohnern wurde zuletzt ein Bußgeld in Höhe von 3000 Euro gegen das Centrum verhängt. Das Gig wurde ermahnt, die Nachtruhe einzuhalten. Das Vorgehen der Region halten viele Gäste für Behördenwillkür. „Ich finde es unfair, wenn hier geschlossen werden muss, und drum herum alles aufhat. Man sollte einen Kompromiss finden“, hofft Centrum-Gast und Anlieger Michael Urbach. Ein Gericht teilt diese Einschätzung. Es hat den streitenden Parteien jüngst eine Mediation vorgeschlagen. Dabei dürfte die Zukunft des Prosecco-Donnerstags eine zentrale Rolle spielen. „An den anderen Tagen stört uns der Außenbetrieb ja gar nicht“, wiederholt der verärgerte Anwohner seine Forderung.

Von Mario Moers

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